Nachhaltigkeitsbildung im non-formalen Bereich: Bundesweite Studie zeigt Stärken, Potenziale und Handlungsbedarfe

Non-formale und informelle Bildungsangebote spielen eine zentrale Rolle für die Umsetzung der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Bisweilen entsteht allerdings der Eindruck, dass diese Rolle in der öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit wenig wahrgenommen wird. Auch in der Forschung zu BNE ist der non-formale Bereich weniger präsent als beispielsweise schulische oder hochschulische Bildungskontexte. Die letzten bundesweiten Studien zu non-formaler Umweltbildung bzw. BNE sind über 20 bzw. 10 Jahre alt (Giesel et al., 2002; Michelsen et al., 2013). Mit der bundesweiten Organisationsbefragung des Instituts Futur der Freien Universität Berlin (im Rahmen des Nationalen Monitoring BNE, gefördert durch das BMBFSFJ) aus dem Jahr 2025 liegen erstmals wieder aktuelle Daten zu diesem vielfältigen und dynamischen Feld vor. In diesem Beitrag werden ausgewählte Befunde des Ergebnisberichts (Widany & Schulte-Südbeck, 2025) zusammengefasst, die die Leistungen des Bildungsbereiches hervorheben, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten und Handlungsbedarfe aufzeigen.

Eckpunkte zur Studie
Die Befragung richtete sich an Organisationen mit Sitz in der Bundesrepublik Deutschland, die als Haupt- oder Nebenzweck ein öffentlich zugängliches und nicht abschlussorientiertes Bildungsangebot haben. Da es zu dieser Zielgruppe keine bekannte Grundgesamtheit gibt, wurde keine repräsentative Stichprobe angestrebt. Wichtig war es aber, dass der Bildungsbereich mit seinen heterogenen Strukturen und unterschiedlichsten Anbieter*innen möglichst umfassend abgebildet werden kann. Dafür wurden im Herbst 2024 zahlreiche Einrichtungen zur Online-Befragungen eingeladen – über eine eigens dafür recherchierte Datenbank mit tausenden von Einrichtungen, über Serienmails an Multiplikator*innen, Netzwerke und in der Zusammenarbeit mit Verbänden. So auch mit der ANU, die ihre Mitgliedseinrichtungen zur Teilnahme eingeladen hat (siehe Blickpunkt-Artikel). Die Befragung wollte außerdem Anbieter*innen erreichen, die sich nicht ausschließlich als Umweltbildungs- oder BNE-Anbieter*innen verstehen, um Potenziale im weiteren Feld der Nachhaltigkeitsbildung auszuloten. Daher wurde im Kontext der Befragung kaum von BNE, Umweltbildung oder Globalem Lernen gesprochen, sondern von „nachhaltigkeitsbezogener Bildungsarbeit“. 1.270 Einrichtungen haben an der Befragung teilgenommen, wobei nicht alle Einrichtungen alle Fragen beantwortet haben.

Die teilnehmenden Einrichtungen – große Vielfalt und starke Orientierung an ökologischer Nachhaltigkeitsbildung
Rund die Hälfte der Einrichtungen bezeichnet sich selbst als „außerschulischer Lernort“, 17,5 % der Einrichtungen können aufgrund ihrer Selbstbeschreibung dem Bereich der „Erwachsenenbildung/Weiterbildung“ zugeordnet werden. Jeweils mit Anteilen unter 10 % werden außerdem zahlreiche weitere Sparten wie Bibliotheken, Träger der Kinder- und Jugendhilfe und Netzwerke genannt. Als Ziele der Bildungsarbeit nennen rund 46 % der Einrichtungen BNE, Umweltbildung und/oder Globales Lernen; 19,5 % führen Umwelt- und Naturschutz an. Ziele im Bereich von Politik, Demokratie und Menschenrechten werden von 14 % der Einrichtungen genannt. Fast die Hälfte der Einrichtungen ist als Verein organisiert. Neben dieser zivilgesellschaftlichen Verankerung ordnen sich die Einrichtungen häufiger als kommunale (17,6 %) und staatliche Einrichtungen (11,4 %) ein.
Die Hälfte der Einrichtungen wurde nach 1991 gegründet, ein Viertel nach 2009. Insbesondere bei den noch relativ jungen Einrichtungen – gegründet in den 2010er (55 %) und 2020er (81 %) Jahren – ist das Thema nachhaltige Entwicklung zentral bei der Gründung gewesen (insgesamt für ca. 40 %). Die Nachhaltigkeitsorientierung ist im gesamten Sample hoch: 70 % der Einrichtungen geben an, dass nachhaltige Entwicklung ein Fokus in ihren Bildungszielen ist; fast 70 % des Angebots hat einen Bezug zu nachhaltiger Entwicklung und 44 % der Veranstaltungen sind vollständig nachhaltigkeitsbezogen. Bei einer insgesamt starken Nachhaltigkeitsorientierung überwiegen allerdings ökologische Nachhaltigkeitsdimensionen. Soziale und ökonomische Dimensionen sind sowohl bei den Inhalten der Bildungsangebote wie auch bei den Zielen der Bildungsarbeit deutlich weniger vertreten. Schlüsse darüber, ob die Angebote einseitig ausgerichtet sind, lediglich den Dynamiken von Angebot und Nachfrage folgen oder von einer thematischen Öffnung profitieren können, lassen die Daten selbst nicht zu.

Bildungsarbeit auf eine wirksamen BNE ausgerichtet – mit Luft nach oben
Das nachhaltigkeitsorientierte Angebot der Einrichtungen hat einen hohen Alltags- und Lebensweltbezug – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Zielgruppen sich mit ihren Interessen und Erfahrungen dort wiederfinden und sie das Gelernte in ihrem Alltag umsetzen können. Von weiteren Möglichkeiten, Teilnehmende und ihre Lebensrealität in der Angebotsentwicklung und -durchführung einzubeziehen, wird nicht auf demselben Niveau Gebrauch gemacht. Diese partizipativen Ansätze sowie der Einbezug des unmittelbaren (lokale) Umfelds der Teilnehmenden als Erfahrungsraum für Nachhaltigkeit und Selbstwirksamkeit sind für die Befähigung zu (kollektivem) nachhaltigem Handeln jedoch wichtige Prinzipien, die in der Angebotsentwicklung stärker Berücksichtigung finden können.

Wirkungspotenziale auch außerhalb der Blase
Menschen haben unterschiedliche Einstellungen zu Nachhaltigkeitskrisen und Annahmen darüber, ob sich individuelles und gesellschaftliches Engagement für Nachhaltigkeitslösungen lohnt (Kácha et al., 2022). Die Einrichtungen wurden gebeten, einzuschätzen, welche Typen von Teilnehmenden sich in ihren nachhaltigkeitsbezogenen Bildungsangeboten durchschnittlich wiederfinden. Wenig überraschend ist der Anteil von Engagierten mit 50 % recht hoch, aber auch Pessimistische (18,5 %), Gleichgültige (20,5 %) und Skeptische (11 %) sind vertreten. Mit den letzten beiden Gruppen werden sogar zu gut einem Drittel Menschen erreicht, die man weniger in oftmals freiwilligen Bildungskontexten erwarten würde. Schaut man weiter in die Daten, wird deutlich, dass der Anteil gleichgültiger und skeptischer Teilnehmender in einem positiven Zusammenhang mit den Kooperationsaktivitäten der Einrichtung steht – vermutlich da hier der Zugang zu neuen Zielgruppen ermöglicht wird sowie bei Kooperationen mit formalen Bildungseinrichtungen die Teilnahme nicht mehr ausschließlich freiwillig erfolgt und selektive Teilnahmestrukturen weniger durchschlagen. Die Kooperation mit Einrichtungen des formalen Bildungssystems ist weit verbreitet, vor allem mit Schulen (fast 80 %), aber auch mit Hochschulen und Kindergärten (jeweils fast 50 % der Einrichtungen).

Bildungsarbeit wird von hohem Engagement und prekären Strukturen getragen
Neben den hauptamtlichen Mitarbeitenden sind bei jeweils rund der Hälfte der Einrichtungen Honorarkräfte und/oder Ehrenamtliche in der Bildungsarbeit aktiv. Insgesamt machen diese beiden Kategorien die größte Personalgruppe aus (63 %). Jede 10. Einrichtungen leistet ihre Bildungsarbeit völlig ohne hauptamtliches Personal. In allen Per-sonalkategorien sind die Beschäftigten mehrheitlich Frauen. Die Honorarkräfte sind die jüngste Beschäftigtengruppe, im Haupt- und Ehrenamt verweisen die Altersstrukturen perspektivisch auf erhebliche Engpässe bei der Nachbesetzung im Generationenwechsel. Die größten Anteile am Bildungsbudget haben im Durchschnitt die institutionelle und Projektförderung aus öffentlicher Hand. Die offenen Antworten in der Befragung wurden häufig dazu genutzt, um zu beschreiben, wie prekär die Finanzierung teilweise aufgestellt ist, wie viel unbezahlte Arbeit und Personalfluktuation daraus resultiert und welche negativen Auswirkungen das auf die Bildungsarbeit hat. Die Höhe des Budgets für die Bildungsarbeit variiert stark zwischen den Einrichtungen, ebenso die Zufriedenheit mit der aktuellen finanziellen Lage sowie die Einschätzung der finanziellen Lage in einem Jahr. Einrichtungen mit einem Sitz in den ostdeutschen Bundesländern schätzen beides durchschnittlich schlechter ein. Anhand der Daten kann nicht nachvollzogen werden, ob dies an vergleichsweise schlechteren Förderstrukturen, einem skeptischeren Blick auf die zukünftige Finanzierung von Nachhaltigkeitsbildung oder anderen Gründen liegt. Interessant wäre, die Einschätzung der zukünftigen wirtschaftlichen Lage zu wiederholen. Seit dem Herbst 2024 können wir nachhaltigkeitspolitisch einen Rollback beobachten, zivilgesellschaftliche Strukturen stehen zunehmend unter Druck (vgl. kleine Anfrage der CDU/CSU zur Gemeinnützigkeit) und Förderprogramme werden umgestellt (vgl. Um-strukturierung des Programmes „Demokratie leben!“). Vermutlich würden sich diese Ereignisse heute in einer skeptischeren Einschätzung niederschlagen.

Der Blick in die Zukunft: steigende Anforderungen und weniger Mittel
In den nächsten 5 Jahre erwarten die Einrichtungen kaum Entspannung der finanziellen Situation. Über 60 % gehen von sinkenden Mitteln aus. Im Kontrast dazu bringen die Einschätzungen zu anderen Entwicklungen steigende Anforderungen mit sich: Die Mehrheit der Einrichtungen geht jeweils davon aus, dass die Bedeutung und Nachfrage nach Nachhaltigkeitsbildung zunehmen wird, ebenso die Kooperation mit formalen Bildungseinrichtungen. Das Fachwissen bei Adressat*innen und Lehrenden wird steigen, ebenso die politischen Dimensionen und polarisierende Aspekte zu Nachhaltigkeitsthemen. Demnach müssten deutlich steigende Anforderungen mit weniger Mitteln bewältigt werden. Angesichts der bereits prekären Strukturen ist fraglich, wie und ob diese Anforderungen bewältigt werden können. Umso bedeutender wird es sein, die Interessen und Leistungen des Bildungsbereichs in Öffentlichkeit und Politik sichtbar zu machen und starke Allianzen und Netzwerke zu bilden, die den Druck von einzelnen Einrichtungen nehmen und als Ressource genutzt werden können.

Bewertung des Monitorings
Ziel der Studie war es, aktuelle Daten zu einem äußerst heterogenen Bildungsbereich zu generieren, um den Status quo, Stärken und Herausforderungen der Bildungsarbeit sichtbar zu machen. Viele der Ergebnisse dürften mit den Beobachtungen aus der Praxis übereinstimmen und keinen hohen Neuigkeitswert haben. Dennoch kann der offizielle Charakter eventuell die Argumentation für BNE gegenüber Fördergebern, Verwaltung und in den eigenen Netzwerken unterstützen. Die Ergebnisse beruhen auf statistischen Auswertungen und Verallgemeinerungen für einen unglaublich vielfältigen Bildungsbereich. Diese Durchschnittswerte müssen nicht auf die eigene Einrichtung zutreffen, dennoch bieten die Ergebnisse eventuell die Möglichkeit, die eigene Bildungsarbeit in Referenz zu anderen Einrichtungen zu reflektieren. Bleibt zu hoffen, dass die nächste Studie nicht erst in 10 Jahren durchgeführt wird und in zeitnahen Folgebefragungen aktuelle Bewertungen der Lage möglich sind.

Literatur
Giesel, K. D., Haan, G. d., & Rode, H. (2002). Umweltbildung in Deutschland. Stand und Trends im außerschulischen Bereich [Environmental education in Germany : current position and trends in the non-school sector.]. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-56368-3
Kácha, O., Vintr, J., & Brick, C. (2022). Four Europes: Climate change beliefs and attitudes predict behavior and policy preferences using a latent class analysis on 23 countries. Journal of Environmental Psychology, 81, 101815. https://doi.org/10.31234/osf.io/rfz98
Michelsen, G., Rode, H., Wendler, M., & Bittner, A. (2013). Außerschulische Bildung für nachhaltige Entwicklung: eine Bestandsaufnahme am Beginn des 21. Jahrhunderts. oekom-Verlag
Widany, S., & Schulte-Südbeck, M. (2025). Lernen für Nachhaltigkeit in non-formalen und informellen Settings. Ergebnisse einer bundesweiten Organisationsbefragung 2024. http://dx.doi.org/10.17169/refubium-47897

Autorin und Kontakt:
Sarah Widany
Freie Universität Berlin, Institut Futur E-Mail: widanyinstitutfuturde