Nachhaltigkeit von Anfang an: Bildung für nachhaltige Entwicklung in der frühen Kindheit

Die Herausforderungen des Anthropozäns machen deutlich, dass die Vermittlung nachhaltigen Denkens und Handelns zu einer zentralen Bildungsaufgabe geworden ist. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) setzt genau hier an, indem sie Menschen befähigt, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und verantwortungsvoll zu handeln. Die globalen Nachhaltigkeitsziele bieten dabei einen wichtigen Orientierungsrahmen, stehen jedoch auch im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen und Zielkonflikte. Besonders in der frühen Kindheit eröffnen sich große Potenziale, grundlegende Werte, Kompetenzen und Partizipationsfähigkeiten zu entwickeln. Am Beispiel des Projekts „Die GlücksBande“ wird sichtbar, wie BNE bereits in der Kita umgesetzt und langfristig in pädagogische Praxis integriert werden kann.

Das Anthropozän als Ausgangspunkt pädagogischer Reflexion
Das Anthropozän bezeichnet die gegenwärtige Epoche, in der der Mensch zu einem prägenden Faktor für die natürlichen Systeme der Erde geworden ist. Die Eingriffe in ökologische Zusammenhänge haben ein Ausmaß erreicht, das langfristige Veränderungen der Umwelt zur Folge hat. Die damit verbundenen Herausforderungen unserer Zeit – etwa Klimawandel, Ressourcenverbrauch oder soziale Ungleichheit – machen deutlich, wie wichtig nachhaltiges Denken und Handeln ist. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verfolgt daher das Ziel, Menschen zu befähigen, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen und ihr Umfeld aktiv mitzugestalten. Sie soll dazu beitragen, komplexe globale Zusammenhänge zu verstehen, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und nachhaltige Entscheidungen im Alltag zu treffen. BNE ist damit nicht nur ein Bildungsansatz, sondern ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Transformationsprozesse hin zu mehr ökologischer Tragfähigkeit, sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Verantwortung.

Die SDGs als globaler Orientierungsrahmen
Eine wichtige Grundlage für diesen Ansatz bilden die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs). Sie wurden 2015 im Rahmen der Agenda 2030 verabschiedet und formulieren globale Ziele für eine nachhaltige Entwicklung – von der Bekämpfung von Armut über hochwertige Bildung bis hin zum Schutz von Klima und Biodiversität. Die SDGs verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit immer mehrere Dimensionen umfasst: ökologische, soziale, ökonomische und in jüngster Zeit auch kulturelle (vgl. Obermaier & Isele 2025, S. 10).

Spannungsfelder nachhaltiger Entwicklung: Kritik an den SDGs
Kritisch wird am Bildungskonzept entlang der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) angemerkt, dass es seinen Fokus primär auf das menschliche Wohlergehen sowie auf Strategien zur Sicherung natürlicher Ressourcen für zukünftige Generationen richtet. Damit folgt es tendenziell einer instrumentellen und utilitaristischen Perspektive auf ökologische Zusammenhänge. Explizit „ist Wirtschaftswachstum (für alle Menschen?) in SDG 8 vorgesehen. Wirtschaftswachstum benötigt aber steigenden Konsum und Ressourcenverbrauch, sodass Ziele nachhaltiger Entwicklung und eine Begrenzung der menschengemachten Zerstörungen unseres Planeten als Lebensgrundlage aller kaum erreichbar erscheinen“ (Stenger 2025, S. 31).

Gestaltungskompetenz als Leitidee früher Bildung
Mit dem Ziel, Gestaltungskompetenz von Anfang an zu fördern (vgl. de Haan 2008), bieten die SDGs für Bildungsprozesse insbesondere in der frühen Kindheit einen zentralen Orientierungsrahmen, um globale Herausforderungen verständlich zu machen und gleichzeitig konkrete Handlungsoptionen im Alltag aufzuzeigen – ohne in eine kulturpessimistische bewahrpädagogische Haltung zu verfallen.

Frühe Kindheit als Schlüsselphase nachhaltiger Bildung
Gerade in der frühen Kindheit besteht ein großes Potenzial für solche Lernprozesse. Die frühe Kindheit gilt als besonders bedeutsame Phase, in der grundlegende Werte, Einstellungen und Kompetenzen entstehen. Kinder lernen in dieser Zeit, Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen und die Auswirkungen ihres Handelns auf andere Menschen oder die Umwelt zu verstehen. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt daher darauf ab, Kinder zu verantwortungsvollem Denken und Handeln zu befähigen und ihnen den Aufbau von Gestaltungskompetenz für die Zukunft zu ermöglichen. In der Praxis bedeutet BNE in der Kita, Kindern die Möglichkeit zu geben, sich spielerisch mit Fragen rund um Umwelt, Gesellschaft und Gerechtigkeit auseinanderzusetzen und selbst Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Dabei stehen nicht nur ökologische Aspekte im Mittelpunkt, sondern auch soziale Themen wie Fairness, Kooperation oder ein respektvoller Umgang miteinander.

BNE und Demokratiebildung: Partizipation von Anfang an
In diesem Zusammenhang wird auch die Bedeutung von BNE für eine frühe Demokratiebildung deutlich. Nachhaltige Entwicklung setzt voraus, dass Menschen sich an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen beteiligen, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen und gemeinsam Lösungen für komplexe Probleme entwickeln. Bereits im Kita-Alltag können Kinder grundlegende demokratische Erfahrungen machen – etwa indem sie ihre Meinung äußern, gemeinsam Regeln aushandeln oder Verantwortung in der Gruppe übernehmen. Partizipation, Perspektivwechsel und gemeinsames Handeln sind zentrale Elemente sowohl demokratischer Bildung als auch von Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Die Rolle pädagogischer Fachkräfte
Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung von BNE in Kindertageseinrichtungen spielen pädagogische Fachkräfte. Sie schaffen Lerngelegenheiten, begleiten Reflexionsprozesse und gestalten Bildungsangebote, die an der Lebenswelt der Kinder anknüpfen. Gleichzeitig sind sie wichtige Vorbilder für nachhaltiges Handeln im Alltag. Durch ihr eigenes Verhalten, ihre Haltung und ihre pädagogischen Entscheidungen prägen sie maßgeblich, wie Kinder Themen wie Umweltbewusstsein, Gerechtigkeit oder verantwortungsvollen Konsum wahrnehmen. Um BNE nachhaltig im Kita-Alltag zu verankern, benötigen Fachkräfte daher geeignete Materialien, Fortbildungsangebote sowie institutionelle Unterstützung. 

Richtungsweisendes Praxisbeispiel: „Die GlücksBande“
Ein gelungenes Beispiel für die praxisnahe Umsetzung von BNE in der frühen Bildung stellt das Projekt „Die GlücksBande – Kinder erleben Nachhaltigkeit“ dar. Das Projekt zeigt, wie Nachhaltigkeit alltagsnah und kindgerecht in der Kita vermittelt werden kann. Nachhaltigkeit wird nicht als isoliertes Projektthema behandelt, sondern als Teil des täglichen Lebens verstanden. Viele Aspekte nachhaltigen Handelns sind bereits im Alltag von Kindern vorhanden – etwa beim Teilen von Spielzeug, beim Helfen im Gruppenalltag oder beim gemeinsamen Lösen von Konflikten.

Soziale Nachhaltigkeit im Alltag erfahrbar machen
Solche Erfahrungen sind eng mit sozialen Nachhaltigkeitszielen verbunden. Themen wie Gerechtigkeit, Frieden, Zusammenarbeit oder Gleichberechtigung werden im Projekt bewusst aufgegriffen und mit konkreten Alltagssituationen verknüpft. Kinder erleben dadurch, dass ihr eigenes Verhalten Auswirkungen auf andere Menschen und auf ihre Umwelt hat. Die GlücksBande unterstützt damit nicht nur ökologische Lernprozesse, sondern stärkt zugleich soziale Kompetenzen, Empathie und Verantwortungsbewusstsein.

Wissenschaftliche Begleitung und Evaluation
Die Entwicklung und Implementation des Projekts wurde zudem wissenschaftlich begleitet. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Forschung und Transfer in Kindheit und Familie (foki) der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen wurde eine multiperspektivische und formativ angelegte Evaluation durchgeführt. Dabei standen insbesondere Fragen nach der Umsetzbarkeit der Materialien im Kita-Alltag, der Passgenauigkeit der Angebote sowie den Lernerfahrungen der Kinder im Mittelpunkt. Ebenso wurde untersucht, inwieweit Eltern und weitere Akteurinnen und Akteure in Nachhaltigkeitsprozesse einbezogen werden können.

Positive Befunde und enorme Potenziale
Die Ergebnisse der Evaluation fallen insgesamt sehr positiv aus. Die entwickelten Bausteine wurden von den pädagogischen Fachkräften als gut umsetzbar bewertet – auch unter begrenzten zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen. Gleichzeitig zeigte sich, dass die Angebote Kinder zu intensiven Gesprächen, Fragen und eigener Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsthemen anregen. Viele Fachkräfte berichteten, dass Kinder durch die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit wichtige soziale und ökologische Kompetenzen entwickeln. Darüber hinaus wurde deutlich, dass Nachhaltigkeitsthemen nicht nur für Kinder, sondern auch für Fachkräfte und Eltern eine hohe Relevanz besitzen.
Die Evaluation verdeutlicht damit das große Potenzial von BNE in der frühen Bildung. Gleichzeitig zeigt sie, dass nachhaltige Bildungsprozesse nicht allein durch einzelne Projekte entstehen. Vielmehr erfordert eine nachhaltige Bildungsarbeit eine langfristige Integration entsprechender Themen in den Alltag der Einrichtungen. Dazu gehören unter anderem Fortbildungen für Fachkräfte, eine stärkere Vernetzung mit lokalen Partnern sowie eine aktive Einbindung der Eltern.

Fazit: Nachhaltigkeit als alltägliche Bildungspraxis
Bildung für nachhaltige Entwicklung sollte möglichst früh im Bildungssystem verankert werden. Kindertageseinrichtungen bieten dafür ideale Voraussetzungen, da Kinder hier grundlegende Erfahrungen mit Verantwortung, Kooperation und gesellschaftlicher Teilhabe machen. Das Projekt „Die GlücksBande“ zeigt beispielhaft, wie Nachhaltigkeit im Kita-Alltag praxisnah umgesetzt und der Aufbau von Gestaltungskompetenz gefördert werden kann. Die positiven Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation unterstreichen das Potenzial dieses Ansatzes. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine weitere Verbreitung und Weiterentwicklung solcher Konzepte wünschenswert sind, um Bildung für nachhaltige Entwicklung langfristig in der frühen Bildung zu stärken. Damit wird klar: Nachhaltigkeit ist kein abstraktes Konzept, sondern etwas, das Kinder jeden Tag erleben können – im Umgang miteinander, in ihrem Verhalten gegenüber der Natur und in den vielen kleinen Entscheidungen des Alltags.

Literatur:
de Haan, Gerhard (2008): Gestaltungskompetenz als Kompetenzkonzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung. In: Bormann, Inge/de Haan, Gerhard (Hrsg.): Kompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wiesbaden. 23-43.

Obermaier, Michael; Isele, Patrick (2025): Herausforderung ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘. In: Kita aktuell 10/2025. S. 19- 21.

Stenger, Ursula (2025): Plurale Transformationsbewegungen von ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ in der Pädagogik der frühen Kindheit. In: Rost, Sebastian et al. (Hrsg.): Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Kindheitspädagogik. Beiträge zur Disziplin, Profession und Praxis. S. 20-34. Weinheim.

Autoren und Kontakt:
Prof. Dr. Patrick lsele Institut für Forschung und Transfer in Kindheit und Familie (foki) der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn
E-Mail: p.iselekatho-nrwde

Prof. Dr. Michael Obermaier Institut für Forschung und Transfer in Kindheit und Familie (foki) der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln
E-Mail: m.obermaierkatho-nrwde