Nachhaltige und demokratische Schulstrukturen aufbauen - ein Praxisbeispiel

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist bislang als ganzheitlicher Ansatz leider nur selten fest in den Lehrplänen der Bundesländer verankert. Häufig hängt eine sinnvolle Einbindung und Umsetzung in den Unterricht vom Engagement einzelner Pädagog*innen ab. In Anbetracht der Klimakrise sind Schulen und andere öffentliche Liegenschaften außerdem gefordert, sich wegen beispielsweise veralteter Gebäude und hoher Energie- und Ressourcenverbräuche ganzheitlich nachhaltiger aufzustellen. Fehlende finanzielle und personelle Ressourcen sowie unklare Zuständigkeiten sind dabei zwar oft große Herausforderungen, die die Transformation bremsen. Doch in der ganzheitlichen Organisation von Bildungseinrichtungen steckt ein hohes Potential, die Schulgemeinschaft in diese Prozesse einzubeziehen und dabei sowohl ein demokratisches Miteinander, als auch den Erwerb von Schlüsselkompetenzen der BNE zu fördern. So kann die gesamte Schule ein klimapolitischer Handlungsraum werden. Der Whole Institution Approach setzt hier an und zielt auf eine ganzheitliche Verankerung: Nachhaltigkeit wird zur tragenden Struktur. Das Projekt Visions2045 – „Schulen als Impulsgeber für Klimaneutralität in Städten“ des UfU e. V. greift diesen Ansatz auf und stärkt Schulen darin, sich als demokratische und selbstwirksame Gemeinschaften zu begreifen, die in Zusammenarbeit mit kommunalen und lokalen Akteur*innen, Wege zur Klimaneutralität einschlagen. Dadurch werden Klimaschutz und Klimaneutralität nicht nur zum Ziel, sondern zum gemeinsam erfahrbaren Prozess.

Ganzheitlich handeln: Der Whole Institution Approach
Der Whole Institution Approach (WIA) begreift Schulen als Akteure des sozial-ökologischen Wandels, in denen Nachhaltigkeit nicht nur gelehrt, sondern praktiziert wird – innerhalb der Organisation, durch Partizipation und in der Infrastruktur. Für die Schulgemeinschaft bedeutet Nachhaltigkeit beispielsweise ein bewusster Umgang mit Energie und Ressourcen, die Umsetzung von Begrünungsmaßnahmen oder das Angebot nachhaltiger Speisen in der Mensa. Zusätzlich muss Nachhaltigkeit jedoch auch im Curriculum festgeschrieben werden, die Mitarbeitenden sollten sich kontinuierlich fortbilden und die Schüler*innen an Entscheidungen beteiligt werden. Auch Lernprozesse und Methoden selbst werden nach dem WIA ausgerichtet, sodass sich Lehrende und Lernende motivierter und befähigter fühlen, einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten und auch Bildung für nachhaltige Entwicklung eine höhere Wichtigkeit zuschreiben. Ähnliche Erfahrungen konnten auch im Projekt Visions2045 gemacht werden. 12 Schulgemeinschaften in Bulgarien, Polen und Slowenien haben ambitionierte Maßnahmenpläne hin zur Klimaneutralität erarbeitet und damit den Transformationsprozess institutionalisiert. Durch verschiedene Aktivitäten, wie einen KlimaCheck zur CO2-Bilanzierung, Multi-Stakeholder-Workshops, Trainings, Studienbesuche, die Durchführung von Pilotaktionen und die Umsetzung der Maßnahmen in unterschiedlichen Bereichen der Schulorganisation wurde die Transformation eingeleitet.
Zunächst wurde der Aufbau angestrebter Strukturen durch Beteiligungsprozesse ausgehandelt, damit diese von der Schulgemeinschaft mitgetragen werden. Beteiligung kann hier Verantwortlichkeiten schaffen, sodass Nachhaltigkeit und Transformation als Gemeinschaftsaufgabe verstanden, gestaltet und gelebt werden. Zudem besteht die Möglichkeit, in diesen demokratischen Prozessen auch offenen Fragen oder gar Unverständnis und Uneinigkeiten Raum zu geben und diese spezifisch zu thematisieren.
Dieser Austausch trug dazu bei, dass sich die Lehrenden und Lernenden ernst genommen fühlten. Sie konnten sowohl ihre eigenen Visionen eines nachhaltigen Zusammenlebens und Wirkens einbringen, als auch andere Perspektiven kennenlernen, Ambivalenzen erkennen, aushalten und schlussendlich gemeinsam Lösungsansätze finden oder gar entwickeln. Das gab insbesondere auch marginalisierten Gruppen die Möglichkeit, sich einzubringen. Die Art und Weise der Partizipation kann dabei unterschiedlich ausfallen und an den Kontext der Schulgemeinschaft angepasst werden. Beispielsweise kann sich die Frage gestellt werden, welche Beteiligungsformen altersgerecht sind, um auch jüngere Schüler*innen einzubeziehen oder es kann ausgehandelt werden, wie Entscheidungsprozesse fair gestaltet werden. In Visions 2045 förderten z.B. Visionswerkstätten die demokratische Teilhabe, indem Vertreter*innen verschiedener Klassen, Lehrkräfte, Eltern und weitere Mitarbeitende ihre Stimme zur Gestaltung der Zukunftsvision der eigenen Schule aktiv einbringen konnten. So können auch Nachhaltigkeits-, Klima- und Umwelt-AGs bis hin zu Beteiligungsgremien, wie einem Klimaparlament (siehe Blickpunktpunktartikel), entstehen. Dabei gehen die Förderung demokratischer Kompetenzen durch Mitgestaltung Hand in Hand mit der weiteren Kompetenzbildung im Kontext der BNE, bspw. durch Erfahrungen in der Projektplanung und Umsetzung. Das kann Weitsicht und Teamfähigkeiten stärken. Demokratiebildung und nachhaltiges Handeln verbinden sich.

Verankerung nachhaltiger Strukturen
Das Klimaparlament (siehe Blickpunktartikel) ist eine sehr konkrete Instanz, die sowohl einen Aushandlungsraum geben, als auch ausführende Tätigkeiten koordinieren kann. So wirkt es direkt auf den Schulalltag ein. Es gibt auch weitere Möglichkeiten struktureller Maßnahmen, die eine übergeordnete Ebene ansprechen: Die Schule kann Nachhaltigkeitskonzepte, eine Vision (wie im Projekt Visions2045), Leitbilder oder Schulentwicklungspläne konzipieren. Auch im Schulalltag gibt es NR. 340, Oktober 2025 5 allerlei Ansatzpunkte, um BNE in unterschiedliche Ebenen zu integrieren: Im Lehrplan, als Profilkurs, im Gebäudemanagement oder beim Ressourcenverbrauch. Es lohnt sich, diese Möglichkeiten genauer anzuschauen und wahrzunehmen.

Kooperation mit Kommunen als Erfolgsfaktor
Um die angestrebten Veränderungen hin zu einer nachhaltigen Schulorganisation umzusetzen, benötigen Schulen meist externe Unterstützung, insbesondere, wenn es an den Gebäudebestand geht. Schulen müssen als Teil lokaler Netzwerke betrachtet und die damit verbundenen Möglichkeiten genutzt werden. So kann die Zusammenarbeit mit Kommunalpolitik, Umweltämtern, Vereinen und Initiativen zur Win-Win-Situation werden. Schulen profitieren von zeitlichen und personellen Ressourcen und Kommunen von den Impulsen der Jugend, deren politisches Engagement gefördert wird. Denn zu sehen, dass die eigenen Belange als heranwachsende Generation ernst genommen werden, motiviert aktiv zu werden. So auch das Feedback aus Visions 2045: die Schulen sehen sich vermehrt als aktive Akteure der lokalen Nachhaltigkeit – getrieben durch Unterstützung der kommunalen Partner. Gleichzeitig bot hier auch der internationale Austausch im Projekt Horizonterweiterung und stärkte Netzwerke. Das zeigte, wie Klimaneutralität als gemeinsames, europaweites Ziel angegangen werden kann. Voraussetzung ist, dass politische Rahmenbedingungen geschaffen, langfristige Strategien und eine Kultur des Miteinanders sowie kontinuierlichen Austausches gefördert werden.

Fazit und Ausblick
Es wird einmal mehr deutlich, dass Schulen Orte des gesellschaftlichen Wandels sein können. Sie können Bewusstseinsbildung, die Etablierung nachhaltiger und demokratischer Prozesse aktiv aufbauen und durch gemeinschaftlich erarbeitete Visionen sowie partizipative Umsetzung Kinder und Jugendliche stärken. Perspektivisch könnten somit Nachhaltigkeit und Demokratie als Kern schulischer Bildungskultur verankert werden, wie im Projekt Visions 2045 vorgelebt. Schulen zeigen hier in den unterschiedlichen Handlungsbereichen der Klimaneutralität und den verschiedenen Ebenen der Schulorganisation, was möglich ist, wobei die Zusammenarbeit mit der Kommune entscheidend zum Erfolg beiträgt. Mehr Infos finden Sie in den Handreichungen und der Toolbox, die im Projekt in mehreren Sprachen entstanden sind (s. S.8).

Autorinnen und Kontakt:
Cindy Prager, Muriel Neugebauer, Marlies Bock
Unabhängiges Institut für Umweltfragen (UfU) e.V.
E-Mail: marlies.bockufude
www.ufu.de/projekt/visions-2045