Philosophieren als Haltung und Methode im Kontext von BNE

In einer Gesellschaft, deren Zukunft mehr als je zuvor vom konstruktiven Hinterfragen aller Lebensbereiche und von deren Transformation abhängt, ist es überfällig, das alte Bild vom wissenden Erwachsenen und dem unwissenden, naiven Kind abzuschaffen. Wenn Menschen in starren Denkstrukturen verhaftet bleiben und zu sehr auf sich bezogen sind, verlieren sie nicht selten das Wesentliche aus den Augen und werden unsachgemäß dogmatisch. Im unvoreingenommenen und wertschätzenden Austausch zwischen Generationen, Kulturen, Gesellschaftsgruppierungen und Fachbereichen haben wir die Möglichkeit, unsere blinden Flecken und Stereotypen zu erkennen und diese zu überwinden. Das Philosophieren als pädagogisches Werkzeug bietet eine große Chance, die Kompetenzen für den offenen und hierarchiefreien Diskurs früh einzuüben und zu kultivieren, und ihn im institutionellen oder gesellschaftspolitischen Kontext fortzusetzen.

Wozu gibt es Grenzen? Was ist Müll? Wie kann ich Müll vermeiden? Warum/Wie entscheiden Erwachsene über eine Zukunft, in der sie gar nicht mehr leben werden? Warum müssen Menschen Geld bezahlen, um auf der Erde leben zu dürfen? Wie viel Land braucht ein einzelner Mensch im globalen Durchschnitt? Wie kommt es, dass viele Menschen in ihrem Beruf nicht das tun, was sie sich als Kind gewünscht haben? Haben Pflanzen Gefühle? Was hat die Mücke je für uns getan? Wie backe ich vegane Vanille- Kipferl?
Wäre es gerecht, Menschen zum Verzicht zu zwingen? Es gibt zwei sehr unterschiedliche Sorten von Fragen. Sie unterscheiden und entsprechend reagieren zu können, ist eine unterschätzte Fähigkeit im Bereich der Bildung und insbesondere im Kontext Nachhaltigkeit. Die eine Sorte von Fragen lässt sich klar mittels Logik oder Empirie beantworten und zielt auch im Wesentlichen auf eine konkrete Antwort. Hierzu gehören Handlungsfragen, ebenso wie Wissensfragen (Ich habe ein paar in die obige Liste eingestreut – Finden Sie sie?). Wir können sie durch Ausprobieren, Recherchieren, Messen und Einüben beantworten. Auch wenn sie mehrere Antworten zulassen, zielt die Motivation hinter diesen Fragen dennoch auf eine Antwort, mit der wir dann weiterarbeiten können. Wir sind befriedigt, wenn diese gefunden ist. Die zweite Sorte von Fragen zielt auf eine Auseinandersetzung mit dem Wesen einer Sache oder auf die Orientierung in komplexen Fragen, etwa Sinnfragen oder Fragen der Ethik. Ein Klassiker hierfür ist die Frage nach dem Sinn des Lebens. Hier geht es nur sekundär um Antworten. Wirklich befriedigt ist die Fragemotivation erst nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Sinn- und Bedeutungsgeflecht, das die Frage umgibt, bzw. dann, wenn wir ein Gefühl der Souveränität im Umgang mit der Frage in uns spüren. Hier profitieren wir von den Antworten anderer, statt sie als „Konkurrenten zu bekämpfen“. Diese Fragen müssen je Kontext und Person immer wieder neu beantwortet werden und benötigen daher eine offene Gesprächskultur, Räume für Reflexion und kritisches Denken. Pädagog*innen, die vorschnell Antworten auf diese zweite Sorte Fragen geben, schaden der intrinsischen Motivation und dem kritischen Geist, der hinter einer solchen Frage steckt. Diese zweite Sorte Fragen sind philosophische Fragen. Wir können uns ihnen philosophierend nähern.
Philosophieren ist eine Kulturtechnik der Sinn- und Wesenssuche. Statt ideengeschichtlichem Wissen über Philosophen und deren Konzepte stehen der gesunde Menschenverstand, die eigene Lebenserfahrung und das gemeinsame Ringen um die Bedeutung von Begrifflichkeiten im Vordergrund. Kinder bilden dabei die natürlichste Zielgruppe für das Philosophieren, tragen sie doch noch ein ungetrübtes Staunen über diese sonderbare Welt in sich, von dem aus sich das Philosophieren beinahe schon automatisch ergibt. Im Bildungskontext werden philosophische Gespräche i.d.R. durch eine Moderation begleitet, um das Abgleiten in einseitige Diskussionen zu verhindern und den Prozess gruppendynamisch zu begleiten.

Philosophieren in die BNE integrieren
Besonders im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) kann Wissen alleine schnell belastend wirken. Die projekt- oder themenbasierte Einbindung des Philosophierens in die Bildungsarbeit folgt dem Modell eines Dreiecks aus Wissen, Philosophieren und Handeln (s. Abbildung oben). Keiner der drei Bausteine steht über den anderen – sie bedingen sich gegenseitig in ihrer Wirkung: Das Philosophieren (Reflexion, Fokus auf das Wesen einer Sache, moralische Überlegungen) dient hier als eine Art Verdauungsprozess, in dem Wissen (empirische Fakten, Traditionen, Daten…) bewertet, in den individuellen Lebenskontext eingeordnet und schließlich fürs Handeln (Ausprobieren, Erfahren, Selbstwirksamkeit…) urbar gemacht wird. Der Handlungsaspekt liefert ein weiteres unumgängliches Ventil, denn er erschließt Möglichkeiten, im eigenen Umfeld Veränderungen anzustoßen und gleichzeitig globale Zusammenhänge im Blick zu behalten. Dies beugt Ohnmachtsgefühlen und Resignation vor. Es spielt keine Rolle, von welchem Punkt des Dreiecks der Lernprozess beginnt und in welche Richtung er um das Dreieck kreist. Auch bietet sich zuweilen ein Richtungswechsel an, um beispielsweise nach einer Recherchephase (Wissen) ein vorheriges philosophisches Gespräch wieder aufzunehmen und zu vertiefen. Durch die ausgeglichene Aktivierung der drei Bereiche entsteht in der Gemeinschaft der Lernenden und bei den einzelnen Teilnehmenden eine Haltung, die gelerntes Wissen instinktiv hinterfragt, einordnet und auf Handlungsoptionen abtastet. Philosophieren ist dabei mehr als reine (Selbst-)Reflexion. Es ist die gemeinsame und wertfreie Untersuchung der Sinnhaftigkeit von Wissen und Handeln. Beim Philosophieren stellen wir Fragen nach dem Warum und Wozu, untersuchen Begriffe und erkennen Zusammenhänge. So wirkt das Philosophieren als Katalysator für die anderen beiden Ecken des Dreiecks. Denn es verbindet eigene Erfahrung mit zum Teil abstraktem Wissen. Durch diesen Wechsel kann Gestaltungskompetenz im Sinne der BNE geübt werden.
Das Philosophieren verlangt von der Moderation eine verantwortungsbewusste und sensible Begleitung des Gesprächs- und Gruppenprozesses, aber gleichzeitig eine inhaltliche Zurückhaltung. Ich nenne dies „Lösungsabstinenz”. Sie ist notwendig, da eine philosophische Frage jeder*m Teilnehmenden eine eigene Antwort zugesteht. Das Gespräch ist zwar ergebnisoffen, aber gleichzeitig auch ergebnisorientiert. Das heißt das Gespräch strebt nach Antworten, aber eben nicht nach einer bestimmten. Statt wissende Antwortgeber*in zu sein wie in anderen Settings, erlaubt die Lösungsabstinenz der pädagogischen Fachkraft eine höhere Konzentration für die Prozessbegleitung sowie ein ehrliches und offenes Interesse, bis hin zu ehrlichem Staunen über die Gedanken und Lösungen der Teilnehmenden. Ein nicht unwichtiger Nebeneffekt ist der dadurch eingebaute Schutz vor Indoktrination durch überengagiertes Lehrpersonal.
Das gemeinsame Philosophieren unterstützt Menschen dabei, eine Haltung des „Sowohl als auch“ einzuüben und kritisch, aber dennoch konstruktiv mit anderen Meinungen umzugehen, die sich aus Dilemmata und Zielkonflikten auf dem Weg zu einer nachhaltigeren und gerechteren Welt ergeben. Es ist dabei Katalysator für Lösungsfindungen, ebenso wie für den Wertebildungsprozess der*s Einzelnen und der Gruppe als Gemeinschaft. So kann das Philosophieren viele Methoden der BNE ergänzen und in ihrer Wirkung befördern.

Leseempfehlungen
Eberhard von Kuenheim Stiftung (Hrsg.), Akademie Kinder Philosophieren (Hrsg.) (2014): Wie wollen wir leben? Kinder philosophieren über Nachhaltigkeit. oekom Verlag, München, www.kurzelinks.de/KinderP
Sinan von Stietencron (2025): die Artikel „Die Ziele von Erziehung und Bildung” und „Rhythmus”, in Metzler Handbuch zu Alfred North Whitehead.
Sinan von Stietencron (2014): Das fließende Klassenzimmer – Prozessphilosophische Bildung nach A. N. Whitehead. LIT Verlag, Münster
Anke Schlehufer (Hrsg.), Steffi Kreuzinger (Hrsg.), Thomas Ködelpeter (Hrsg.) (2022): Wandel braucht Bildung – Impulse, Konzepte und Praxis zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Oekom Verlag, München; www.oekom.de/buch/wandel-braucht-bildung-9783962383220
www.philosophische-bildung.de

Autor und Kontakt:
Sinan von Stietencron
Bildungsphilosoph, freier Trainer der Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog (gfi gGmbH) sowie leitender Koordinator Bildung und Bodennetzwerk der Stiftung Kunst und Natur
svskunst-und-naturde

Der Text ist eine gekürzte, überarbeitete Version. Die vollständige Version dieses Artikels ist erschienen im Buch „Wandel braucht Bildung - Impulse, Konzepte und Praxis zur Bildung für nachhaltige Entwicklung“, Oekom Verlag 2022, kostenlos erhältlich via Open Access.