Praxisbeispiel Philosophieren: Was gehört zur Natur?

Julia Blum-Linke arbeitet bei der Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog (gfi gGmbH) zum Thema Philosophieren mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Diese versteht das Philosophieren als Bildungsprinzip und setzt sich dafür ein, Raum fürs Selberdenken zu schaffen und zu erhalten. Beim Philosophieren gibt die pädagogische Fachkraft kein Wissen vor, unterstützt vielmehr darin, Informationen zu prüfen, Sinnzusammenhänge zu entwickeln und sich im Austausch mit anderen ein eigenes Weltverständnis zu bilden. Das folgende Beispiel gibt einen praxisbezogenen Einblick in die Methode des Philosophierens. 

Hintergrund
Philosophieren unterstützt in der BNE das Verarbeiten von Wissen, d.h. Fakten-, aber auch Erfahrungswissen. Um nicht an den großen globalen Problemen und Themen zu verzweifeln, um also in selbstwirksames Handeln zu kommen, müssen Menschen herausfinden: Wo berührt dieses Wissen meine Welt? Welchen Beitrag kann mein Handeln leisten und – ganz wichtig – welche Wirkung kann ich alleine nicht erreichen? Wie kann ich auf meine Weise mit dem Thema umgehen? Im Dreiklang Wissen-Philosophieren-Handeln kann sich eine Haltung zur Welt herausbilden, die dem Einzelnen hilft, eine eigene oder gemeinsame Antwort auf, sowie Handlungsansätze für die großen Themen der Nachhaltigkeit zu finden. Im gemeinsamen Nachdenken entsteht ein Gefühl der Verbundenheit und der gegenseitigen Bereicherung – auch trotz oft unterschiedlichen Meinungen und Zielkonflikten. 
In dem im Folgenden vorgestellten Beispiel geht es um den gefühlten oder behaupteten Antagonismus zwischen Mensch und Natur. Inhaltlich ist weder eine klare kategorische Trennung von Mensch und Natur (Der Mensch gehört zu den Säugetieren. Unser Körper folgt im Wesentlichen natürlichen Prinzipien) noch eine unreflektierte Übereinanderlegung (Menschen können Prinzipien erkennen und planvoll gegen ihre Instinkte und Bedürfnisse handeln. Menschliche Artefakte können sich den natürlichen Kreisläufen widersetzen) sinnvoll. Es ist also weder schwarz noch weiß. Gemeinsam können wir diesem verstrick-ten Verhältnis philosophierend auf den Grund gehen und es in Gefühle, differenzierte Gedanken und Handlungen kleiden.

Ablauf
Jede philosophische Einheit (je nach Alter und Kontext ca. 35-90 Minuten) besteht aus einem Einstieg, dem eigentlichen Gespräch und einem Ausstieg. Der Einstieg dient einer Hinführung der Gruppe zu einem gemeinsamen Ausgangspunkt für das Gespräch: Die Einführung der philosophischen Frage, der Kernfrage des Gespräches. Während des Gespräches strukturiert die Gesprächsleitung durch (neutrale) Zusammenfassungen, Nachfragen und weiterführende Impulsfragen. Der Ausstieg ist eine Art „Ernte” der Gedanken und bietet die Möglichkeit, die komplexen Gedanken und Aussagen individuell zu einem vorübergehenden Abschluss zu bringen sowie in Handlung zu übertragen. Nach einem Gespräch Im BNE-Kontext bietet sich eine anschließende Projektarbeit an. Wichtig ist, dass die Gruppe nach dem philosophischen Gespräch die zentrale Zielsetzung des Projekts auf Basis ihrer eigenen Gedanken selbst bestimmt. Ist das Projekt beispielsweise eine Umfrage in der Innenstadt, sollte die Gruppe die Fragen aus dem philosophischen Gespräch heraus im Kern selbst formulieren, um Eigenmotivation und Selbstwirksamkeit aufrecht zu erhalten.
Themenfeld: Natur & Mensch / Natur & Künstliches
Philosophische Frage: Was gehört zur Natur?

Einstieg und Hinführung
Spaziergang im Freien (evtl. auch im Gebäude) mit dem Auftrag „Findet ein Stück Natur. Kleine, lose Dinge können mitgebracht werden. Alternativ macht eine Zeichnung oder ein Foto – bitte nichts abreißen oder pflücken.“
Danach folgt eine Einstiegsrunde: „Was habt ihr gefunden? Ist alles, was wir hier sehen „Natur“ oder bestehen Zweifel? Könnten wir etwas in die Mitte legen, das definitiv nicht Natur ist?“ Danach folgt die Einführung der philosophischen Frage. 

Hilfestellungen für die Gesprächsleitung
Vertiefendes Nachfragen, um Meinungen noch genauer herauszuarbeiten: 

  • Kannst du ein Beispiel nennen? 
  • Woran machst du deine Ansicht fest? 
  • Wie würde ein Tier das sehen? 
  • Gibt es andere Perspektiven/Gedanken dazu? / Sehen das alle so?

Impulsfragen, um neue Aspekte der Frage zu erschließen:

  • Woran erkennen wir Natur?
  • Was verbindet uns mit Natur? 
  • Was wäre das Gegenteil von Natur?
  • Können auch andere Tiere (außer dem Menschen) Künstliches erschaffen?
  • Wie definieren wir / definierst du Natur? (Definitionsfrage, kann auch als Abschluss schriftlich beantwortet werden)

Abschluss
Bei wenig Zeit: Eine Blitzlichtrunde zur Frage „Hat sich dein Bild von der Natur im Laufe des Gesprächs verändert? Wenn ja, was bedeutet das für deinen Alltag?”
Kreative Ausstiegsmöglichkeit: Gemeinsam oder in Gruppen ein Landart-Werk schaffen, das das Verhältnis des Menschen zur Natur oder das Wesen der Natur darstellt.
Projektidee (für Jugendliche): Entwickelt einen Hashtag für eine gemeinsame Kampagne (z.B. #wirNatur, #natürlichmenschlich), in der die Gruppe Situationen oder Handlungen sammelt, in der Mensch und Natur ihrer Meinung nach in einem stimmigen Verhältnis sind.

Weitere Informationen:
www.philosophische-bildung.de/nachhaltigkeit

Autorin und Kontakt:
Julia Blum-Linke
Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog (gfi gGmbH), akademiephilosophische-bildungde