Newsbeitrag anzeigen

Erhalt Biologischer Vielfalt braucht Kompetenzen für Alltag und Politik

Beim Dialogforum "Biologische Vielfalt und Bildung für nachhaltige Entwicklung" in Oberursel standen Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung wie auch modellhafte Praxisprojekte im Mittelpunkt. Über 100 Expertinnen und Experten aus Bildung, Naturschutz, Politik und Sozialwissenschaften gingen der Frage nach: Wie und was müssen Menschen lernen, um ihre natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern und das weltweit? Das Dialogforum war Teil der Umsetzung der nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (NBS) und wurde von der ANU mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) durchgeführt. Die Tagungsdokumentation wird auf www.biologischevielfalt.de eingestellt.

„Die Sicherung der biologischen Vielfalt ist eine komplexe Aufgabe, die in verschiedene Bereiche der Gesellschaft hinein reicht und letztlich jeden von uns fordert. Sie ist in ihren Dimensionen nur schwer zu verstehen und zu kommunizieren. Deshalb sind Naturbildung und Naturerfahrung wichtige Eckpfeiler in der Entwicklung von Alltagskompetenzen. Bei der Vermittlung der Themen sollten Synergien des Naturschutzes zu anderen Themen- und Politikbereichen geschaffen und darüber die komplexen Zusammenhänge verdeutlicht werden. Ebenso ist es wichtig, Bezüge zum Alltag herzustellen sowie den ökonomischen und kulturellen Wert von biologischer Vielfalt zu verdeutlichen. Es zeigt sich, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) wichtige Kompetenzen zum Erhalt der biologischen Vielfalt liefert, die im Alltagshandeln von uns Menschen sehr hilfreich sind,“ sagte Prof. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz während des Forums.

Der Biologiedidaktiker Prof. Ulrich Gebhard zeigte wie die subjektiven und oft intuitiven Bilder und Deutungen, die Menschen zum Thema Natur in sich tragen, ihre Entscheidungen wesentlich prägen. Besonders für das Erleben der Natur in der frühen Kindheit aber auch für die Naturzugänge sowie die Weiterbildung Erwachsener ergeben sich daraus wichtige Konsequenzen. Sozialwissenschaftliche Studien bestätigen die Erfahrung, dass sich Menschen durch positive Zugänge und Freude an der Natur eher zu nbatur- und umweltfreundlichen Handeln motiviert werden als durch den besserwissenden Zeigefinger. Abstinenz von Sachwissen und politischer Bildung ist dennoch nicht angebracht. Dazu sind die Erhebungen des Rückgangs biologischer Vielfalt zu alarmierend, weltweit und auch in Deutschland wie Markus Wessel vom BUND berichtete. Trotz detaillierter und ambitionierter Zielsetzungen der NBS ist es bislang nicht gelungen, die Land-, Forst oder Fischereiwirtschaft so naturschonend zu gestalten, dass der Rückgang von Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume, wie zum Beispiel der deutschen Auenlandschaften , gestoppt werden könnte. Oder dass der oft illegale Kahlschlag der weltweit besonders artenreichen tropischen Regenwälder zuverlässig aufgehalten werden kann.

Die Verantwortlichen der staatlichen Verwaltung setzten bereits in der NBS auf mehr und verbesserte Bildung weil sich ein Umsteuern nur durch einen grundlegenden Wechsel unserer Einstellungen, unseres Wirtschaftssystems und unseres individuellen Handelns erreichen lässt. Der strategische Einsatz von Bildungsangeboten soll nun noch höhere Aufmerksamkeit erhalten. „Das Bewusstsein der Deutschen für biologische Vielfalt hat sich in den letzten Jahren nicht auffällig verändert und liegt noch weit vom 75-Prozent-Ziel entfernt. Im Zuge der Informations- und Bildungsarbeit muss weiterhin das gesellschaftliche Verständnis des Begriffs Biologische Vielfalt vertieft werden“, sagte Jessel.

 

Erfolge aus zehn Jahren UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“

Wie sich in der Bildung Förderung von sachhaltigem Verstehen und von Fähigkeiten zu zukunftsfähigen Entscheidungen und engagiertem Handeln verbinden lassen wurde in den vergangenen 10 Jahren intensiv erprobt. Die UN-Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ hatte einen Rahmen und Anreize für die Entwicklung neuer Bildungsansätze geschaffen. Unter rund 2000 von der UNESCO ausgezeichneten Dekade-Projekten für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beschäftigten sich rund 400 auch mit Biologischer Vielfalt. Rund 30 für solche Projekte ausgezeichnete PädagogInnen tauschten in Arbeitsgruppen, einem Projektemarkt und in einem offenen Diskussionsraum „Open Space“ ihre Konzepte und Erfahrungen zur Diskussion. Zudem waren junge Menschen eingeladen zu berichten, wie sie sich für den weltweiten Erhalt biologischer Vielfalt engagieren und welche Unterstützung sie sich von Erwachsenen wünschen.

Zwei Schwerpunkte lagen auf den Themen „Ernährung“ und „Aktivitäten im urbanen Raum“. Benny Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft berichtete anschaulich von einem spannenden Experiment „2000 m2“: Soviel Land stehen rechnerisch weltweit jedem Menschen für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung. In Berlin zeigen Haerlin und sein Team, welche Fragen und Einsichten sich zeigen, wenn man tatsächlich versucht auf 2000 m2 das anzubauen was man zum Essen braucht. Fast flächendeckend geht die Stadt Andernach vor, aus deren Rathaus Dr. Lutz Kosack zu Gast war. Andernach ist mit dem Projekt „Essbares Andernach“ bekannt geworden, weil es den Anbau von Gemüse und Wildpflanzen auf öffentlichem Grund nicht nur zulässt sondern sogar aktiv fördert. Auch dies ist ein anregendes Lernfeld für die Bürgerinnen und Bürger.

ANU, BfN und Gäste begannen damit, sich auf ein weltweites Folgeprogramm für BNE vorzubereiten. In einem Weltaktionsprogramm, das die Vereinten Nationen voraussichtlich in Kürze für die Jahre 2015-2019 beschließen werden, sollen Lehrende besser ausgebildet, Bildungsinstitutionen selbst noch vorbildlicher betrieben und mehr Kooperationen zwischen Naturschutz und Nutzergruppen sowie zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren eingegangen werden.

Zu Gast war das Dialogforum in der Akademie Gesundes Leben in Oberursel, zentrale Ausbildungsstätte beruflicher Weiterbildung im Reformhaussektor. Die Akademie geht hinsichtlich des Tagungsthemas selbst vorbildlich voran und verpflegte die Teilnehmenden mit biologischen und mit weitgehend regionalen und saisonalen Zutaten in einem baubiologischen Ambiente.