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Welches Design hat Nachhaltigkeit?

[Quelle: ökopädNEWS 225, Nov. 2011] Bildung für nachhaltige Entwicklung darf jene Bereiche nicht vernachlässigen, die bislang in der Nachhaltigkeitsforschung am Rande oder außer Sicht geblieben sind. So kann ihr die Einbeziehung einer kulturellen Dimension nachhaltige Impulse geben.

Wenn wir von Kultur sprechen, denken wir gewöhnlich an Kunstwerke oder Musik. Doch alles Menschliche ist kulturell durchformt: essen, lachen, schlafen, sitzen. Das Alltagsleben hat ein Design, das zum Teil ererbt oder von uns neu gestaltet worden ist, das wir jedoch als gegeben hinnehmen. Verkehrsordnungen, Excel-Dateien und Supermärkte erscheinen uns gleichsam natürlich, weil wir mit und in ihnen und durch sie sozialisiert worden sind. Menschliche Lebenswelten bestehen nicht nur aus Wohnungen, Autos und Stromleitungen, sondern auch aus kulturspezifischen immateriellen Ressourcen oder Wissensvorräten. So gesehen sind Lebenswelten lebendige Performances, die kulturelle Denkmuster und Werte in gelebte Beziehungen umsetzen.

Den gegenwärtigen Diskursen über Nachhaltigkeit im deutschen Sprachraum fehlt jedoch diese Perspektive auf die kulturelle Dimension. Die Nachhaltigkeitsforschung konzentriert sich bisher nur auf ökologisches, ökonomisches und soziologisches Verhalten, blendet jedoch die darin implizit wirkende Kultur aus. Wenn zum Beispiel Fleisch als hochwertiges, Kraft spendendes, männlich konnotiertes Nahrungsmittel geschätzt wird, dann kann das Essen von Brei als infantil, ärmlich, unmännlich und letztlich sogar als kulturlos empfunden werden. Eine Informationskampagne über die Vorteile vegetarischer Kost für die Gesundheit und für die Umwelt wird jedoch nur Erfolg haben, wenn sie auch die symbolischen Ebenen anspricht. Nachhaltiges Verhalten muss nicht nur logisch verständlich sein, sondern auch emotional in die lebensweltlichen Netze eingefügt werden können. Kulturelles ist ohnehin in einem permanenten Wandel begriffen.

In der beschleunigten Spätmoderne wirkt Kultur laut Zygmunt Bauman sogar als Dorn im „Fleisch der Gesellschaft“, der sie daran hindert, stillzustehen. (1)

Die gegenwärtig dringenden Forderungen nach nachhaltigen Lebensstilen stellen – unausgesprochen – einen Aufruf zum kulturellen Wandel dar. Doch leider haben sich jene KultursoziologInnen und -anthropologInnen, die gegenwärtig Alltagspraktiken und Konsumgewohnheiten untersuchen, bisher nicht mit Nachhaltigkeit befasst, sondern sie als eng begrenzten Forschungsbereich einer kleinen Gruppe von ExpertInnen der Ökologie und Soziologie überlassen. Dabei könnten gerade kulturwissenschaftliche Methoden die Herkunft und Vergänglichkeit derzeitiger nicht nachhaltiger Produktions- und Konsumptionspraktiken aufzeigen und neue Impulse liefern, wie das ExpertInnenwissen in die Praxis umgesetzt werden kann. Freilich um den Preis, dass Kulturanalyse und Kulturkritik nicht ausgespart werden dürfen. Dies würde zu einer Selbstreflexion der Engagierten über die eigenen Kontexte und Beweggründe auffordern, um zu klären, welche Kultur sich in der Nachhaltigkeitsbewegung fortsetzt: Eine puritanische Ethik? Eine verwandelte sozialistische Ideologie? Eine Heimatideologie? Kleinbürgerliches Sparsamkeitsdenken? Oder gar ein christlich inspirierter Respekt vor der Schöpfung? Denn auch die Nachhaltigkeitsbewegung selbst hat kulturelle Fundamente. Das Worldwatch Institute hat 2010 dem jährlichen Bericht „State of the World“ jedenfalls in der Originalfassung den Titel „Transforming Cultures“ gegeben. Es gibt keinen anderen Ausweg, vermitteln die Berichte und Analysen, als diese Kultur des Herstellens und Verbrauchens zu verändern, die dazu geführt hat, dass die Menschheit derzeit 1,5 Mal so viel Ressourcen verbraucht als einem zukunftsfähigen Lebensstil entsprechen würde.

Man kann einen Wandel zwar nicht vorschreiben oder lehren, weil Kulturen keine Schöpfer oder Autoren haben. Man kann jedoch Nischen und Spielräume auffinden und Experimente zulassen. Kulturwissenschaftliche Studien legen nahe, dass das Neue selten aus den Thinktanks der vorherrschenden kulturellen OrdnungshüterInnen stammt. Vielmehr passiert das Neue gerade dort, wo die Autorität der jeweiligen dominanten Kultur schwach ist. Kulturen produzieren immer Zufälliges, Widersprüchliches und Überschüssiges. Poesie, Spiel und Musik können weitaus stärker motivieren und Sinn machen als eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) muss sich stärker damit befassen, wie Menschen ihre Lebenswelten mit spezifischen kulturellen Ressourcen innerhalb symbolischer Universen bauen. Bildung heißt grundsätzlich, das Kulturelle zu reflektieren, um es für zukunftsfähige Beziehungen in der Lebenspraxis aktivieren zu können.

Vielleicht kann nachhaltiges Handeln im kulturellen Prozess statt als Pflicht endlich als Gabe, nämlich als Gestaltungsaufgabe betrachtet werden, die durch eine Fülle an Handlungs- und Vernetzungsmöglichkeiten motiviert. Eine BNE ohne Kulturanalyse kann nicht erfolgreich sein, sondern bleibt fragmentiert und wahrscheinlich steril.

[Gabriele Sorgo]

Anmerkung

(1) Bauman, Z. (2004): The Consumerist Syndrome in Contemporary Society. In: Journal of Consumer Culture, Bd. 4 (3), S. 291–312, hier S. 296

Literatur

Sorgo, G. (Hrsg.): Die unsichtbare Dimension. Bildung für nachhaltige Entwicklung im kulturellen Prozess. Forum Exkurse Edition, Wien 2011, 192 S., 14,– €, ISBN 978-3-900717-68-1. Bezug: www.umweltbildung.at/cgi-bin/cms/af.pl?navid=58

Lesen Sie die komplette Ausgabe ökopädNEWS Nr.225 / November 2011 hier: www.umweltbildung.de/oekopaednews.html