Mut zur Wachstumsfrage

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Oktober 2018: Umweltbildung und (Bildung für) Degrowth
Ausgabe Nr. 293

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Titelthema - Umweltbildung und (Bildung für) Degrowth

Mut zur Wachstumsfrage


Grenzenloses Wachstum in einer begrenzten Welt? Die Geschwindigkeit, mit der die globalen Umweltveränderungen im Menschenzeitalter vonstattengehen, erhöht sich. Die größtenteils negativen Folgen sind schon heute spürbar, noch drastischer werden sie für zukünftige Generationen. Weder in der Umweltbildung noch in der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist bisher eine deutliche Hinwendung zur Wachstumsfrage und damit auch zu Gerechtigkeitsfragen gelungen. Ein provokativer Appell.

Bereits im Zuge der beginnenden Industrialisierung und den mit ihr einhergehenden lokalen ökologischen Krisen (Lesetipp: Wilhelm Raabe, „Pfisters Mühle“) keimten in der (Reform-)Pädagogik Ideen und Programme, die der Naturentfremdung entgegenwirken sollten. In den 1970er-Jahren wurde die öffentliche Aufmerksamkeit erneut auf das Thema Umwelt gelenkt. Die pädagogische Reaktion auf die mittlerweile globalen Umweltveränderungen folgte auf dem Fuß: Umweltbildung entwickelte sich als eigenständiges pädagogisches Themenfeld. Allerdings konnten bis heute weder die Naturbegeisterung der Wandervögel noch der mahnende, erklärende, nach Verantwortlichen suchende Zeigefinger der frühen Umweltbildung der ökologischen Destabilisierung entscheidend entgegenwirken. Auch die Ausweitung bzw. Ergänzung der Konzepte hin zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) hat keine Trendwende im Naturverbrauch eingeläutet. Heute sind fünf der neun planetaren Grenzen bereits überschritten. Nun könnte man entgegnen, dass das gesellschaftliche Verharren und das Festhalten am Status quo grundsätzlich größer sind, als der pädagogische Arm reicht. Dann müsste man die eigene inhaltliche und methodische Arbeit nicht reflektieren. Ein Blick in die bestehende Umweltbildungs- und BNE-Landschaft zeigt aber, dass die mentalen Infrastrukturen der Bildungsarbeit, der Förderstrukturen und institutionellen Abläufe noch zu häufig den Mustern der Leistungs- und Konsumgesellschaft folgen und damit den Status quo eher manifestieren, als ihn infrage zu stellen.

Ein Beispiel: Wenn im Restaurant des Hauses einer Naturschutzorganisation neben der interaktiven, klimabezogenen Moorausstellung die Tagesgerichte zwischen Schnitzel, Braten, Gulasch, Fisch und Geschnetzeltem variieren, haben wir es mit Unterhaltungsprogrammen, mit Infotainment und einer Diskrepanz zwischen Vermittlung und Gelebtem zu tun. Ein anderes Beispiel: Die Debatte in Bayern, die aus der Idee für einen dritten Nationalpark zwar keinen Nationalpark, aber dafür eine Reihe ausgebauter Umweltbildungszentren oder Baumwipfelpfade hat werden lassen, fügt sich ins Bild: Statt den Zugriff auf die natürlichen Ressourcen zu begrenzen (Ziel der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt: Nutzungsverzicht auf fünf Prozent der Landeswaldfläche), basteln wir schlechtestenfalls Unterhaltungsprogramme ohne erkennbaren ökologischen Nutzen. Die Umweltbildung zeigt dann ihre Anschlussfähigkeit an die Spaßgesellschaft: Die Natur hält als Kulisse her, ohne dass eine intensive Auseinandersetzung mit den Zuständen der Ökosysteme oder Aktivitäten zum Schutz und Erhalt Teil der erlebnispädagogischen Maßnahmen werden.

Gesellschaftlich wie pädagogisch ist längst klar, dass ein einfaches „Weiter so“ nicht funktionieren wird. Unkritischer Fortschrittsglaube und Technikfaszination sind Teile des Problems und nicht der Lösung. Insofern lässt sich konstatieren, dass auch Nachhaltigkeitswettbewerbe zwar Aufmerksamkeit erregen, am Ende aber nicht nur Gewinner, sondern vermutlich auch viele Verlierer feststehen. Deren Begeisterung für die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie könnte dauerhaft beschädigt werden. Wenn BNE wirksamer werden soll, darf sie nicht, gemäß der Steigerungslogik, als zusätzliche Anforderung in den Bildungsplänen auftauchen. Stattdessen muss auf ihr der Fokus liegen und Nachhaltigkeitsfragen müssen fächerübergreifend und grundlegend gestellt werden. Eine kritische Haltung gegenüber unbegrenztem ökonomischem Wachstum sollte dabei zentral sein.

Es scheint, dass das Mantra des Zusammenhangs zwischen (ökonomischem) Wachstum und gerechten Gesellschaften seine Kraft, wie das bei Mantras eben so ist, nur noch aus der permanenten Wiederholung zieht. Wir benötigen für die Umweltbildung noch viel mehr pädagogische Räume, in denen soziale Gerechtigkeit und ökologische Integrität nicht nur besprochen und gepredigt, sondern gelebt werden. Wir brauchen Räume, in denen andere Reichtümer als die Glücksverheißungen der ressourcenintensiven Konsumgesellschaft ihren Platz haben: Ein Reichtum an Zeit, an Sinn, an Selbstbestimmtheit, an freudvollen Begegnungen, an Kontem­plation und an Verbundenheit mit den lokalen, natürlichen Lebensgrundlagen – es gilt, mehr solcher Räume zu entwickeln. Die vielen Bildungsanbieter, die dies schon tun, sollten mutiger und deutlicher artikulieren, welche Mission sie hinsichtlich der Wachstumsfrage verfolgen. Am Ende steht die Erwartung, dass für heutige und zukünftige Generationen mehr Glück und Gerechtigkeit als Arbeit aus diesen umweltpädagogischen Aufgaben erwächst.

Kontakt:

Martin Ladach ist Projektleiter Waldschule des Bergwaldprojekts e.V., Würzburg
E-Mail: ml(at)bergwaldprojekt.de,
www.bergwaldprojekt.de

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