Bauernhofpädagogik für starke Kinder

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Juli 2018: Landwirtschaft und Umweltbildung
Ausgabe Nr. 291

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Titelthema - Landwirtschaft und Umweltbildung

Bauernhofpädagogik für starke Kinder


Der Bauernhof wird schon seit den 1920-er Jahren als Lernort genutzt. Die Waldorfschulen führen regelmäßig zwei- bis dreiwöchige Landbaupraktika in der Mittelstufe durch. Der Bauernhof als Lernort gewann aber erst in den 1980-er Jahren richtig an Schwung. 1985 nahm der Schulbauernhof Ummeln bei Bielefeld als erster Schulbauernhof in Deutschland seinen Betrieb auf und gehörte 2003 zu den Gründungsmitgliedern der Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (www.baglob.de).

Bauernhöfe als Lernort

Bauernhöfe sind Orte ursprünglichen Lebens: Bäuerinnen und Bauern erzeugen unsere Lebensmittel in enger Zusammenarbeit mit ihren Lebewesen, den Pflanzen und Tieren. Der Hof ist ein komplexes System, in dem es vielschichtige Zusammenhänge und Wechselwirkungen gibt. Damit sind Bauernhöfe Orte, an denen alle Lebenskompetenzen unmittelbar erworben werden können. Gleichzeitig bieten sie ein nahezu unerschöpfliches Angebot an Erfahrungs-, Lern- und Spielmöglichkeiten. Im Erleben von Tieren und Pflanzen erfahren Kinder und Jugendliche sich und ihre Umwelt unverfälscht, sie können ein Bewusstsein für die Abläufe in der Natur im Jahreslauf entwickeln und lernen, Verantwortung für sich und ihr Umfeld zu übernehmen. Damit ist der Bauernhof ein idealer Lernort für das Lebendige im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Bickel (2015) stellt in seiner Arbeit den Zusammenhang von Lernen auf dem Bauernhof oder auch Bauernhofpädagogik zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung her und untersucht, inwieweit die unmittelbaren Erfahrungen auf dem Bauernhof zu einem weiteren Interesse an der Landwirtschaft führen. Dabei stellt er fest, dass „bezüglich des situationalen Interesses bei der Arbeit auf dem Schulbauernhof vor allem das Kompetenzerleben, zudem wahrgenommene Autonomie und soziale Eingebundenheit von Bedeutung waren. … Diese Arbeit unterstreicht die Bedeutung wiederholter landwirtschaftlicher Bildungsinterventionen, um diesbezügliche Interessen nachhaltig zu stärken.“

Im Kindergarten

Das ganzheitliche Lernen kann bereits im Kindergarten beginnen. Die Einsicht, dass Kinder ihre Entwicklung selbst gestalten, indem sie sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, gewonnene Erfahrungen und Wissen verarbeiten, auf subjektive Weise bewerten und ordnen, ist die Grundlage einer Pädagogik, die vom Kind ausgeht. Sie wird im Bauernhofkindergarten optimal umgesetzt. Die Erfahrungen auf dem Bauernhof befähigen Kinder, sich Kompetenzen anzueignen, die für die Gestaltung ihrer eigenen und der gemeinsamen Zukunft von grundlegender Bedeutung sind. Was sich Menschen in der frühen Kindheit an Grundfertigkeiten, Werthaltungen und Überzeugungen aneignen, spielt später eine große Rolle dafür, wie sie sich als Erwachsene gegenüber ihren Mitmenschen und der Umwelt verhalten.

Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Bauernhofkindergarten bedeutet vor allem auch Persönlichkeitsbildung, die auf „starke“ Kinder abzielt, die ihre Beziehung zur Mitwelt gestalten wollen. Es geht darum, Leben gestalten zu lernen! Kinder durchleben im Kindergarten auf dem Bauernhof Lernprozesse an realen, für sie authentisch erfahrbaren Situationen und Begegnungen, die ein Bauernhof mit seinen vielfältigen, echten und lebendigen Lernanlässen anbietet. Kinder erwerben im Alltag auf Bauernhöfen Vorerfahrungen, an die weitere Lernprozesse gut anknüpfen können. Das Prinzip der Alltagsorientierung in der frühkindlichen Bildung wird in Bauernhofkindergärten authentisch umgesetzt: Die täglich stattfindenden Aktivitäten am Hof und in der Umgebung bieten eine unendliche Fülle an Themen, die von den pädagogischen Fachkräften aufgegriffen werden. Für die pädagogischen Zwecke und Ziele müssen keine künstlichen Umgebungen ohne Realitätsbezug geschaffen werden. Dieses „Lernen im Kontext“ ist wegweisend für das weitere (schulische) Leben und Lernen. Im Kindergarten am Bauernhof sind die Bildungsbereiche nicht in einzelne, abgegrenzte „Bildungsräume“ getrennt. Sie sind sinnhaft und lebenspraktisch miteinander verbunden, wodurch die Entwicklung der Lebenskompetenzen optimal und umfassend unterstützt wird.

In der Schule

Der Bauernhof bietet aber nicht nur den spielerischen Zugang zur Entwicklung von Lebenskompetenzen, sondern ist auch für Schülerinnen und Schüler ein idealer Lernort. Komplexe Zusammenhänge können nachvollzogen, das eigene Handeln in der Gruppe kann ausprobiert und reflektiert werden. Konsequenzen des eigenen Handelns oder Unterlassens werden erlebbar und eigene Wertvorstellungen können überprüft und bestätigt oder verändert werden. Der Lernort Bauernhof bietet die Möglichkeit, in der Arbeit miteinander Empathie und Solidarität zu entwickeln. Die Erfahrungen auf dem Lernort Bauernhof können Kinder und Jugendliche darin bestärken, dass sie gemeinsam etwas bewirken und gestalten können. 

Der Text beruht auf Auszügen aus: Hampl, U.; Heuser, H.-H. und Siegl, H. (2017): „Kompetent im Leben werden. Besondere Chancen im Bauernhofkindergarten“ (www.kurzlink.de/BauernhofKiGa). Internetseite: www.baglob.de

Bickel, Malte (2015): Students’ Interests in Agriculture: The Impact of School Farms Regarding Fifth and Sixth Graders. www.kurzlink.de/schoolfarm

Kontakt: Claudia Leibrock, ANU-Bundessprecherrat, In den Gärten 7, 57610 Altenkirchen, Tel. +49 (0)151 / 155 45 447, E-Mail: leibrock@anu.de, www.anu.de

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