Woher weiß ich, was genug ist? Philosophieren über Genügsamkeit und Glück im Nationalpark

Ein Nationalpark bietet viele Anknüpfungspunkte zu Themen einer Bildung für Postwachstum und Suffizienz. Denn besonders mit seiner Kernzone, in der die Natur sich selbst überlassen und geschützt wird, stellt er die maßlose Nutzung von Ressourcen und das menschliche Gestalten der Natur in Frage. In seiner  Bildungsarbeit nutzt der Nationalpark Schwarzwald die Methode der „Philosophischen Gesprächsführung“, um mit Kindern und Jugendlichen darüber ins Gespräch zu kommen, was wir wirklich brauchen und an welchen Stellen Verzicht sogar ein Gewinn sein kann.

Es ist eine der schönsten Fragen, die man sich stellen kann: die Frage nach dem Glück. Was brauche ich persönlich eigentlich wirklich, um glücklich zu sein? Was ist mir genug, was ist es, wonach ich streben möchte? Es ist eine Frage, die Orientierung gibt, die individuellen Entscheidungen zugrunde liegt, und die uns hilft, im Dschungel der unendlichen Möglichkeiten nicht verloren zu gehen.

Im Bildungsteam des Nationalparks Schwarzwald merken wir immer wieder, dass wir auch im beruflichen Kontext nicht um diese Frage herumkommen. Natürlich sind die Ziele unserer Bildungsarbeit auch Artenkenntnis und fachliches Wissen über Lebensräume und ökologische Zusammenhänge zu vermitteln sowie für den Nationalpark und seine Kernthemen zu sensibilisieren. Unser größtes Ziel aber ist es, für Wildnis zu begeistern und eine emotionale Verbindung zumindest zu ermöglichen. Wir möchten Impulse setzen für die Entwicklung einer inneren Haltung, durch die wir mit Freude auf das verzichten können, was wir nicht wirklich brauchen. Zu sagen, wir möchten Werte wandeln, ist ein hehres Ziel. Aber ja, wir möchten zum Nachdenken anregen über persönliche Werte und damit vielleicht auch zum Hinterfragen und Wandeln dieser Werte.

Im Nationalpark steht der Prozessschutz im Mittelpunkt: Der Grundgedanke ist es, die Natur Natur sein zu lassen, ihr Raum zu geben, sich frei zu entfalten und sich als Mensch zurückzunehmen. Um den eng mit den Bereichen Postwachstum und Suffizienz verknüpften Begriff des Verzichtens zu nutzen: ein Nationalpark stellt das stetige Nutzen von Ressourcen und Gestalten nach unseren Wünschen und Zielen in Frage. Auf seiner Fläche, besonders in der Kernzone, lädt er vielmehr dazu ein, darauf zu verzichten. Im Nationalpark Schwarzwald wird dies häufig auch als eine „Ethik der Zurückhaltung“ bezeichnet.

So bietet ein Nationalpark Lernfelder für Genügsamkeit, für die Reduktion auf das Wesentliche und das Hinterfragen impulsiver Entscheidungen. Hier finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Themenfelder einer Bildung für Postwachstum und Suffizienz.

Häufig wird die Suffizienzstrategie, in Abgrenzung zu Effizienz und Konsistenz, als die individuelle Verantwortung für Nachhaltigkeit beschrieben. Bei diesem Fokus auf das individuelle Handeln und Verzichten, das Teilen, Tauschen und Verleihen, darf nicht aus dem Blick geraten, dass es gleichzeitig eine konsequente Suffizienzpolitik und ein anderes Wirtschaftssystem braucht. Im Bildungsbereich jedoch ist die individuelle Komponente der Suffizienzstrategie sehr kraftvoll: praktisch und alltagstauglich zeigt sie Handlungsmöglichkeiten für uns alle auf.

Wenn wir über Ressourcennutzung, Lebensstil, Konsumverhalten, den ökologischen Fußabdruck oder globale Verteilungsgerechtigkeit sprechen, braucht es neben Wissen und Informationen letztendlich überall eine innere Haltung, die Orientierung gibt bei kleinen und großen Entscheidungen. Hier begegnen wir wieder den großen Fragen nach dem rechten Maß, dem guten Leben für alle oder dem Glück. Diese Fragen möchten wir also stellen, gerade in der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sie gehören zu den schönsten, aber gleichzeitig auch schwierigsten Fragen.

Eine Methode, die sich in der Bildungsarbeit des Nationalparks Schwarzwald an dieser Stelle bewährt hat, ist die „Philosophische Gesprächsführung“. Auf der Grundlage einer Weiterbildung bei der Akademie für Philosophische Gesprächsführung und WerteDialog ist das Philosophieren zu einem festen Bestandteil unserer Arbeit geworden. Es bietet einen Weg, sich großen Fragen zu nähern und das Gespräch als Gesprächsleiterin zu strukturieren, ohne es zu leiten. Es schafft einen Raum, der wertungsfrei ist und unterschiedliche Sichtweisen zulässt und fördert.

Wir integrieren diese philosophischen Runden in unsere Angebote. Am Anfang steht die Einladung, durch den Wald zu streunen, auf Entdeckungsreise zu gehen und sich überraschen zu lassen von den Wundern, die uns dabei begegnen. Und wir laden auch dazu ein, sich unterwegs die ein oder andere große Frage des Lebens zu stellen. Eine philosophische Runde hat einen passenden Einstieg und Ausstieg, im Zentrum steht eine zentrale philosophische Frage. Flankiert wird sie oft durch weitere mit dem Thema verbundene Frage-stellungen.

Für die Bereiche Suffizienz und Postwachstum hier einige beispielhafte Fragen:

Gerade mit Jugendlichen geht es manchmal auch um einen Perspektiven-wechsel und um ein Hinterfragen dessen, was cool ist. Muss ich die gleichen Schuhe tragen wie alle anderen auch? Oder bin ich cool, weil ich selbstbewusst meinen eigenen Stil entwickele? Und wer entscheidet überhaupt, was cool ist?

Unsere Erfahrung ist, dass das Philosophieren es ermöglicht, sich recht schnell großen Fragen zu nähern. Der geschützte Rahmen und vereinbarte Gesprächsregeln machen Mut, auch möglicherweise unpopuläre Gedanken zu äußern. Es entstehen Momente, wo wir als durchführende Pädagog*innen das Gefühl haben, dass gedankliche Funken sprühen und etwas in Bewegung kommt: für die Ziele einer Bildungsarbeit für Postwachstum und Suffizienz, für ein Hinterfragen gewohnter Sichtweisen und für die großen Fragen des Lebens. Was brauchst du wirklich, was ist dir genug?

Kontakt:
Svenja Fox
Nationalpark Schwarzwald (Natur- und Wildnisbildung)
svenja.fox(at)nlp.bwl.de
www.nationalpark-schwarzwald.de
Weitere Informationen: www.philosophische-bildung.de