Informelle Umweltbildung - Wissbegierde fördern und nutzen

Urlaub und Freizeit nehmen einen immer größeren Stellenwert bei vielen Menschen ein. In diesen Wachstumsmarkt stößt die "Informelle Umweltbildung" vor. Typische Einrichtungen wie Biosphärenreservate, Nationalparke, Zoologische und Botanische Gärten, Planetarien, Museen, forstliche Bildungseinrichtungen und in wachsendem Maße auch Freizeit- und Themenparks zählen dazu.

"Informelle Bildung" ist dadurch gekennzeichnet, dass in der Regel die besuchten Institutionen die bewusste Absicht haben, einen Lernprozess in Gang zu bringen - nicht aber die Besucher. Dadurch unterscheidet sie sich beispielsweise von der "Formellen Bildung" in Schule und Weiterbildung. Ziel der eingangs genannten Einrichtungen ist es, nicht nur Unterhaltung, sondern auch Wissen, Werte sowie authentische Erlebnisse zu vermitteln. Doch während die überwiegend auf Unterhaltung setzenden Freizeitparks boomen, darben viele der anderen Einrichtungen. Wie können auch hier die Entwicklungspotenziale der informellen Umweltbildung ausgeschöpft werden?

Kein Geld für Bildung?

Die Zahl der Gäste, die allein in Deutschland jedes Jahr die genannten Einrichtungen besucht, wird auf 100 Millionen geschätzt, Tendenz steigend. Aus pädagogischer Sicht muss der Trend jedoch sehr kritisch beurteilt werden. Immer häufiger kommen bei der Neukonzeption von Zoos, Botanischen Gärten oder Nationalparkeinrichtungen "Freizeitparkberater" zum Einsatz - was zunächst nicht schlecht klingt. Doch die BeraterInnen setzen auf Unterhaltung, damit die Besucherzahlen weiter steigen. Der eigentliche Bildungsauftrag der Institution wird weitgehend in den Hintergrund gedrängt. Bildung wird immer häufiger in Form von Informationstafeln, einigen interaktiven Exponaten oder kleinen Rätseln vermittelt. Der ursprüngliche Bildungscharakter der Einrichtung und das damit verbundene Leitbild treten immer seltener in Erscheinung.
Aktuelles Beispiel ist eine Einrichtung, die für eine Umgestaltung bereits sehr konkrete Vorstellungen entwickelt hat. Kostenpunkt: etwa zwei Millionen Euro. Umweltpädagogische Elemente sind allerdings nicht geplant. Die Finanziers würden zusätzliche Ausgaben in dieser Richtung nicht mittragen, hieß es.

Klarer Bildungsauftrag vorhanden

Bildungseinrichtungen könnten aber durchaus klare Positionen zu gesellschaftlichen Fragestellungen beziehen und diese als Grundlage für ihre Neu- und Umgestaltung nutzen, wie folgende Beispiele zeigen:



Defizite aufarbeiten

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der informellen Umweltbildung findet im deutschsprachigen Raum erst seit kurzem statt. Historisch und methodisch ähnelt informelle Umweltbildung (engl. interpretive design) in Teilen dem Konzept der Naturinterpretation. Abweichend hierzu wird jedoch ein eigener Weg begangen, indem das Erlebnis und die Erfahrung von Gästen in touristischen Umwelteinrichtungen ganz konkret in den Mittelpunkt planerischer Überlegungen gestellt werden.
Doch nicht nur in der Theorie, sondern auch bei der Ausbildung und Praxis bestehen im gesamten deutschsprachigen Raum erhebliche Defizite in der informellen Umweltbildung. Weiterbildungsveranstaltungen beschränken sich häufig auf die Vermittlung von Methoden. Eine grundlegende Auseinandersetzung mit freizeitgerechten, dramaturgisch-didaktischen Elementen findet kaum statt. Stattdessen werden die zu kommunizierenden Inhalte überwiegend durch den einengenden Fokus einer bestimmten Methode betrachtet. Dies ist der Fall bei klassischen Seminaren zu Führungen, Ausstellungen, Lehrpfaden oder Broschürengestaltung.

Fazit

1. Zusehends formiert sich ein mit dem Begriff "Informelle Umweltbildung" beschreibbarer eigenständiger Zweig der Umweltbildung, der gleichwertig neben die zumeist in schulische Kontexte eingebettete "Formelle Umweltbildung" tritt.
2. Entwicklungsbedarf besteht hinsichtlich einer stärkeren Vernetzung der genannten Einrichtungen, um fachliches Know-how zu bündeln und mögliche Synergieeffekte zu nutzen. Erste Bemühungen, die jedoch nicht fortgeführt wurden, gab es bereits Anfang der 80er Jahre, initiiert durch Gerhard Winkel. Didaktisch wird heute zwar in Zoo-, Nationalpark- oder Museumspädagogik differenziert, die Freizeitmotivation der Besucher und Gäste wird jedoch noch zu wenig aufgegriffen und gemeinsam bearbeitet.
3. Es besteht ein dringender Handlungsbedarf hinsichtlich der Entwicklung von berufsbezogenen Aus- und Weiterbildungen, bei denen der Umweltbildungsaspekt im Mittelpunkt steht. Sinnvoll wäre eine erst noch zu entwickelnde universitäre Ausbildung, die in Kombination mit Praxiseinheiten zunächst als Aufbaustudium angeboten werden könnte.

Dr. Lars Wohlers, Universität Lüneburg
Jürgen Forkel-Schubert, ANU


Kontakt: Dr. Lars Wohlers, Universität Lüneburg, Institut für Umweltkommunikation, D-21332 Lüneburg, E-Mail wohlers(at)uni-lueneburg.de, www.uni-lueneburg.de/infu

Wohlers, Lars (2000): Informelle Umweltbildung am Beispiel der deutschen Nationalparke. Shaker, Aachen.
Bezug: pdf-download für 4,55 EUR unter www.shaker.de/Online-Gesamtkatalog

Neben seiner Mitarbeit am Institut für Umweltkommunikation bietet Lars Wohlers Weiterbildungsseminare zur Planung informeller Umweltbildung an.
Aktueller Termin: 22.04. - 23.04.2004 im Otterzentrum Hankensbüttel, www.enviroscom.de (Link: Aktuelles)