Hamburg öffnet als UNESCO Learning City ein "Tor zur Welt" für die Bildung

Seit vielen Jahren tauscht sich die Hansestadt Hamburg intensiv mit anderen Kommunen in Deutschland zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung aus. Warum sich auch weltweit viele Städte hier für Hamburg interessieren, erläutert Ralf Behrens, Mitarbeiter der Hamburger Umweltbehörde. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen (Interview: Jürgen Forkel-Schubert, jfs(at)anu.de).

Warum ist Hamburg dem UNESCO Netz­werk der Learning Cities beigetreten?

Hamburg hat sich schon sehr früh an den Aktivitäten der UNESCO beteiligt. So waren wir eine der ersten UN-Dekadestädte in Deutschland und haben das deutsche Netz­werk der BNE-Kommunen mitge­gründet – das heutige Partnernetzwerk Kommunen und BNE im UNESCO Programm ESD2030 auf Bundesebene. Wir waren von 2015 bis 2019 als eine von nur vier Städten weltweit Partner der UNESCO im Globalen Aktions­programm BNE und haben damals die Arbeitsgruppe “Accelerating sustainable solutions at local level through ESD” ko­ordiniert. Und wir haben auch viele gute Kontakte im Bildungsbereich zu unseren internationalen Partnerstädten, insbe­son­dere zu Sankt Petersburg in Russland. Daher war es nur folgerichtig, dass wir uns für eine Mitgliedschaft beim weltweit größ­ten Netzwerk für BNE-Kommunen bewor­ben haben.

Wie aufwändig war der Bewerbungsprozess?

Hamburg ist im Jahr 2019 dem Netzwerk beigetreten. Eine Bewerbung ist nur alle 2 Jahre möglich. Nächster Stichtag ist bereits der 28. Februar dieses Jahres, das wird dann aber sehr sportlich, wenn man noch beitreten will.

Man sollte zunächst die verschiedenen Konzepte und Dokumente über Learning Cities kennen. Man findet sie auf der Website des UNESCO Instituts. Dann gilt es, ein Internetformular auszufüllen. Darin muss man unter anderem in einem Konzept darlegen, wie die Stadt lebenslanges Lernen und BNE in Zukunft fördern will. Wir haben als Schwerpunkt unseren „Hamburger Masterplan BNE 2030“ genommen, weil er alle Bildungsbereiche umfasst und dort ein lebenslanges Lernen und mehr Nachhaltigkeit verankern soll. Besonders wichtig war, dass unser Bürgermeister den Antrag persönlich unterschreibt. In Hamburg war das für uns ein weiter Weg!

Deutsche Städte brauchen aber meiner Meinung nach keine Angst zu haben, dass ihr Mitgliedsantrag abgelehnt wird. Denn das deutsche Bildungssystem ist im internationalen Bildungsvergleich sehr gut aufgestellt.

Welche Ergebnisse liegen aus den letzten Jahren vor?

Hamburg wurde neben Espoo in Finnland und Shanghai in China gleich als Koordinator für ein Cluster von rund 120 Städten erkoren, die ein besonderes Interesse an BNE haben. Darunter sind Schwergewichte wie Shanghai und Peking, aber auch viele mittlere und kleinere Kommunen.

Wegen Corona waren persönliche Treffen in 2021 nicht möglich. Wir haben daher mehrere internationale Webinare organisiert und neue BNE-Ansätze diskutiert. Die Themen reich­ten von praktischen Beispielen wie „Urban gardening“ und „Klimaschulen in Hamburg“ bis zu “Experiential learning for sustainable development in Shanghai districts” und zur Frage „Wie entwickelt man als Stadt einen Aktionsplan für BNE“. Hier haben wir den Hamburger Masterplan BNE vorgestellt, der bei vielen Kommunen auf großes Interesse stieß. Daher haben wir ihn in die englische Sprache übersetzt und ins Internet gestellt. Hamburg hat darüber hinaus mit Unterstützung durch die FU Berlin und die Uni Oldenburg ein Monitoring-Instrument für Kommunen entwickelt: das ”ESD quick check tool”. Es ermöglicht Kommunen eine erste Einschätzung, in welchen Bereichen noch etwas getan werden müsste und wo man schon ganz gut ist. Alle Infos findet man auf unserer Website www.hamburg.de/nachhaltigkeitlernen.

Wie wird Hamburg international wahrgenommen?

Hamburg ist mit weniger als zwei Millionen Menschen im internationalen Vergleich eher eine kleine Großstadt, also nicht unbedingt überall bekannt. Wenn man über die Bildung den Bekanntheitsgrad und das Image der Stadt verbessern kann, ist das natürlich sehr hilfreich.

Das Hamburger UNESCO Institut UIL hat im letzten Jahr die Arbeit des BNE Clusters im Bericht „ESD implementation in learning cities“ zusammengefasst und darin Städte vorgestellt, die im Bereich BNE aktiv sind. Aus rund 50 Beiträgen wurden neun Städte ausgewählt: Hamburg und Shanghai wegen ihrer politischen Ansätze, wie man BNE vor Ort systemisch stärken kann und sieben weitere Kommunen, die über einzelne gute BNE-Projekte berichteten.

Insgesamt hat sich Hamburg in der internationalen BNE-Community einen guten Ruf erarbeiten können. Man kann das auch daran erkennen, dass wir 2019 den UNESCO-Japan-Preis BNE bekommen haben und zu einigen internationalen Veranstaltungen eingeladen wurden. Hamburg durfte sich beispielsweise auf der Auftaktkonferenz zum neuen UNESCO-Programm ESD 2030 im Mai 2021 in Berlin präsentieren. Auch im Oktober letzten Jahres auf der internationalen Konferenz der Learning Cities in Yeonsu, in Südkorea, war Hamburg wieder mit dabei und konnte sein Konzept “Hamburg - a climate smart city” präsentieren. Hamburg wird also durchaus als erfolgreiche Learning City wahrgenommen.

Spiegelt sich das auch in Hamburg wider?

Man darf die Zahl der Personen, die sich für internationale Bildung interessieren, nicht überschätzen. Auch lesen nach meiner Erfahrung noch zu wenige Menschen gerne Texte in englischer Sprache – und das ist nun mal die Hauptsprache der UN. Wir informieren daher über unsere internationalen Aktivitäten in Deutsch, beispielsweise über unseren Newsletter „Hamburg lernt Nachhaltigkeit“ oder auf unserer Website.

Zugleich ist das Interesse von Kommunen aus aller Welt groß, welche Ansätze Hamburg bei der nachhaltigen Entwicklung verfolgt. Häufig kommt man dann von der fachlichen Ebene: Was tut Hamburg zum Beispiel gegen die Plastikflut oder die Coffee-to-go-Becher und welche Lösungsansätze gibt es zum Thema Klimaanpassung, was ja besonders für andere Küstenstädte interessant ist. Und so kommt man ganz schnell von der Fachebene zu Fragen über Aufklärung, Beratung und Bildung und kann Verständnis für die Bedeutung von BNE wecken.

Unsere „Hamburger Klimawaage“ erfährt beispielsweise derzeit in Russland eine gewisse Beliebtheit. Unser „Hamburger Masterplan BNE“ ist als systemisches Konzept für viele Städte in Asien und Afrika ein spannender Ansatz. So können wir Fachleute aus Hamburg mit Menschen aus anderen Kommunen zusammenbringen. Wobei ich immer wieder betone, dass vor allem der partizipative Entstehungsprozess unseres Masterplans BNE ein möglicher Weg für andere sein kann, nicht das Ergebnis. Das muss jede Kommune individuell für sich entwickeln.

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung? Können Sie das Programm anderen Kommunen empfehlen?

Ich finde, dass es sich auf jeden Fall lohnt, in den internationalen Austausch zu treten, auch wenn direkte Besuche derzeit ja kaum möglich sind.

Mit dem UNESCO-Label werben zu können, hat schon eine große Wirkung. Zugleich sollte aber der grundsätzliche Aufwand nicht unterschätzt werden. Das beginnt damit, dass man jemanden braucht, der gute Englischkenntnisse hat und sich auch in der internationalen Szene einigermaßen gut auskennt. Dann gilt es Anfragen anderer Städte zu beantworten, Berichte über die eigene Arbeit zu erstellen oder Vorträge zu unterschiedlichsten Themen vorzubereiten und zu halten. So einen Kümmerer muss man auf jeden Fall finden.

Meine Empfehlung an andere Kommunen wäre, sich bei den drei deutschen Mitgliedern des Netzwerks, also Gelsenkirchen, Hamburg und Bonn zu erkundigen. Das für die Learning Cities zuständige UNESCO-Institution UIL leistet hervorragende Unterstützungsarbeit und verfügt über ausgezeichnete Expertise. Meiner Meinung nach sollten interessierte Kommunen einfach einmal als Mitglied einsteigen und mitwirken – der Appetit kommt ja bekanntlich mit dem Essen.

Kontakt:

Ralf Behrens
ralf.behrens(at)bukea.hamburg.de