Erfassung des Unfassbaren? Monitoring non-formaler BNE

Im non-formalen Bereich hat sich in den letzten Jahren viel getan: Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist fester Bestandteil viele Anbieter non-formaler Bildungsangebote. Dieser Bildungsbereich verfügt über ein großes Potenzial zur Förderung und Verbreitung einer BNE. Wie ist es jedoch um die Erfassbarkeit des non-formalen Bildungsbereiches bestellt?

Im Herbst 2015 war der offizielle Beginn des Folgeprogramms zur UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE), dem UNESCO-Weltaktionsprogramm (WAP) BNE. Prof. Dr. Gerhard de Haan und die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Instituts Futur an der Freien Universität Berlin haben ein Monitoring-Verfahren zum WAP BNE entwickelt. Es nimmt den Ist-Zustand von BNE sowie Entwicklungstrends innerhalb der letzten Jahre in den Blick, um Qualität und Ausmaß der BNE-Aktivitäten in Deutschland zu erfassen und zu beschreiben. Auf Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse berät das WAP-Team zudem das Bundesministerium für Bildung Forschung (BMBF) und die Gremien zur nationalen Umsetzung des WAP – und nunmehr zur Umsetzung der Ziele und Maßnahmen des Nationalen Aktionsplan (NAP).

Der Bereich der non-formalen BNE entzieht sich dabei dem systematischen Erfassungsanspruch eines Monitorings wie kein anderer Bildungsbereich. Das Fachforum „Informelles und non-formales Lernen / Jugend“ formuliert im NAP sieben Handlungsfelder, 30 Ziele und 77 Maßnahmen. Schon diese Zahlen zeugen von dem breiten potenziell zu bearbeitenden Handlungsspektrum dieses Bildungsbereiches, der erheblich schwerer abzustecken ist als die formalen Bildungsbereiche. Vor dem Hintergrund des Bedeutungszuwachses des lebenslangen Lernens sowie der Jugend- und Erwachsenenbildung kommt dem non-formalen Bildungsbereich in der Umsetzung von Bildungsangeboten im Kontext von BNE eine entscheidende, komplementäre Bedeutung zum formalen Bildungsbereich wie Schule zu: Außerschulische Lernorte bieten ein breites Spektrum von Lernanlässen im Kontext einer BNE an und haben das Potenzial, formales, non-formales und informelles Lernen zu verbinden (Overwien 2016). Diese Lernangebote sind häufig offen, partizipativ und situativ gestaltet. Die Bedeutung erfahrungsorientierten Lernens für den Erwerb von Gestaltungskompetenzen im Rahmen einer BNE spiegeln auch die Ergebnisse einer im Rahmen des Monitorings durchgeführten Studie wider(1) : Partizipative Methoden sowie ein deutlicher Alltags- und Lebensweltbezug sind notwendig, um Lernprozesse im Rahmen einer BNE zu fördern. Weiterhin sind außerschulische Akteure maßgeblich an der Entwicklung von lokalen Bildungslandschaften beteiligt.(2) Auch wenn durch Auszeichnungspraxis, Preisverleihungen und kommunale Zusammenschlüsse sowie durch politische Statements wichtige Schritte zur Unterstützung kommunaler BNE-Aktivitäten unternommen wurden, zeigen die Ergebnisse der Dokumentenanalyse für den Bereich Kommunen, dass nach wie vor großer Bedarf darin besteht, Bildungs- und Nachhaltigkeitsbestrebungen stärker zusammenzudenken.(3)

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, Bildungsorte und Bildungsaktivitäten in der non-formalen BNE systematisch(er) zu erfassen, als das bisher der Fall war. Zugleich wird dieser Anspruch erschwert durch eine bisher lückenhafte Erforschung außerschulischer BNE (Michelsen et al. 2013) – ein Desiderat, das sich noch vergrößert, wenn die vielfältigen informellen Lernprozesse hinzugenommen werden. Hinzu kommt, dass sich die Förderung außerschulischer BNE auf unterschiedliche Ressorts verteilt und ressortübergreifende Förderkonzeptionen der außerschulischen BNE kaum vorhanden sind. Aufgrund der Heterogenität der Angebote und Anbieter innerhalb der außerschulischen Bildungslandschaft konnte dieser Bildungsbereich auch nicht in der ersten Phase des Monitorings, einer Dokumentenanalyse zentraler BNE-relevanter Dokumente (zum Beispiel Bildungspläne für die frühkindliche Bildung) im jeweiligen Bildungsbereich, berücksichtigt und daher keine vergleichbaren Daten über den Stand der außerschulischen BNE erhoben werden. In der zweiten Phase des Monitorings werden jedoch gezielt Interviews mit ExpertInnen dieses Bildungsbereiches geführt, um zentrale Hebelpunkte für eine wirksame Verankerung von BNE im non-formalen Bildungsbereich zu identifizieren. Der non-formale Bildungsbereich, der durch seine Vielfalt und Eigensinnigkeit charakterisiert wird, ist im Rahmen solch einer qualitativen Erhebung wesentlich besser einzufangen. 

Zusätzlich werden Interviews mit Jugendlichen durchgeführt, um zur Entwicklung von Strukturen institutionalisierter Jugendbeteiligung im Kontext von BNE beizutragen. Im Rahmen der Förderung einer nachhaltigeren Zukunft ist die Stärkung und Mobilisierung der Jugend notwendig (Handlungsfeld 4 im WAP, S. 15). Junge Menschen sind unverzichtbare Akteure und durch wirksame Beteiligung und Mitsprache in der BNE einzubinden (NAP, S. 61). Deshalb will das BMBF die Beteiligung Jugendlicher institutionalisieren, indem ein Jugendforum etabliert wird, das die Perspektive junger Menschen bei der Umsetzung des NAP einbringen soll. Das Jugendforum hat sich auf der ersten Jugendkonferenz „youcoN – Wir l(i)eben Zukunft.“ vom 15.–18.09.2017 im Haus Neuland Bielefeld konstituiert. Insgesamt kamen rund 120 junge Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren zusammen und setzten sich mit BNE und der Umsetzung des NAP in zahlreichen Workshops, Diskussionen sowie Vorträgen auseinander und entwickelten eigene Projekte.

In jedem Fall besteht Handlungsbedarf zur Kooperation von Bund, Ländern und Zivilgesellschaft sowie Jugend, wenn die ambitionierten Ziele und Maßnahmen des NAP erreicht werden sollen. Dazu zählt nicht zuletzt, den heterogenen, dynamischen und teilweise immer noch unterschätzten Bildungsbereich der non-formalen BNE weiterzuerforschen und damit das scheinbar „Unfassbare“ so wenigstens besser zu verstehen.

Anmerkungen

(1) Siehe Diskussionspapier „Was ist gute BNE?“: www.kurzlink.de/gute_BNE_Erhebg

(2) Siehe dazu NAP, S. 60, www.kurzlink.de/NAP_BNE

(3) Siehe dazu die Executive Summary für Kommunen und die anderen Bildungsbereiche unter www.bne-portal.de/de/bundesweit/monitoring

Nadine Etzkorn, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle des Wissenschaftlichen Beraters des UNESCO-Weltaktionsprogramms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, Freie Universität Berlin,
Institut Futur, E-Mail: etzkorn(at)institutfutur.de