Klimavisionen - Von der Vision zur Wirklichkeit

Ein Projekt mit dem Anspruch, Berliner Schulen klimaneutral zu machen

Wie alle gesellschaftlichen Bereiche muss auch der Schulbetrieb langfristig klimaneutral umgestaltet werden. Das von der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz (SenUMVK) geförderte Projekt KlimaVisionen des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen – UfU e.V. hat dies zum Ziel und wurde dafür kürzlich mit dem „Anerkennungspreis für herausragende Projekte öffentlicher Einrichtungen“ im KlimaSchutzPartner-Wettbewerb der IHK-Berlin ausgezeichnet. Den zahlreichen Berliner Schulen kommt in zweierlei Hinsicht eine Schlüsselrolle in der stattfindenden Transformation zu: Einerseits wegen ihres Bildungsauftrages und andererseits, weil Schulen als öffentliche Nicht-Wohngebäude einen großen CO2-Fußabdruck sowie einen enormen Ressourcenverbrauch haben. Für diese Tatsache sensibilisiert das UfU seit Jahrzehnten in zahlreichen Schulprojekten. Im Projekt KlimaVisionen bereitet es nun die ersten 40 Schulen auf das komplexe Thema Klimaneutralität vor. In Visionswerkstätten und weiteren Workshops kommen Schüler*innen, Lehrkräfte, Eltern und andere Mitarbeitende der Schule, wie das Gebäudemanagement, zusammen. Zunächst analysieren sie den schuleigenen Ressourcenbedarf und suchen gemeinsam nach Lösungswegen, diesen langfristig zu senken. Am Ende steht jeder Schule eine eigene Roadmap für ihren individuellen Weg zur Klimaneutralität zur Verfügung.

Berliner Schulen auf dem Weg in ein klimaneutrales Zeitalter

Berlin plant derzeit, bis spätestens 2045 klimaneutral zu sein. Um dieses wichtige Ziel zu erreichen und internationalen Abkommen Rechnung zu tragen, müssen größte Anstrengungen in allen gesellschaftlichen Bereichen unternommen werden. Es sind immerhin nur noch 23 Jahre, um dieses Ziel zu realisieren. Berlin ist laut der Studie „Berlin Paris-konform machen“ bei Weitem noch nicht auf dem Zielpfad und wird seine Ambitionen steigern müssen. Der Ukraine-Krieg hat zusätzlich verdeutlicht, wie groß die Abhängigkeiten von den fossilen Energieträgern sind. Je schneller wir also den Wandel hin zu Erneuerbaren Energien schaffen, desto schneller können wir uns aus diesen Abhängigkeiten befreien.

Schulen als Vorreiter der Transformation

Die Relevanz von Bildung für gesellschaftlichen Wandel ist unumstritten und die Agenda 2030 der Vereinten Nationen schreibt ihr in ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung eine wichtige Funktion zu. In der Schule schlummert ein großes Transformationspotenzial und sie nimmt in zweierlei Hinsicht eine Schlüsselrolle ein: Aufgrund ihres großen CO2-Fußabdruckes tragen Schulen im Rahmen der Energiewende eine besondere Verantwortung. Darüber hinaus haben Schulen den wichtigen multiplikatorischen Auftrag, zu ökologischem Bewusstsein beizutragen und heranwachsende Generationen zu zukunftsfähigem Handeln zu befähigen.

In Berlin gibt es 827 Schulen, die bis zum Jahr 2045 klimaneutral sein müssen. Das wären ab heute 36 Schulen, die jährlich fit für die Zukunft gemacht werden müssten! Wenn man bedenkt, was damit zusammenhängt, wird schnell klar, was für ein Kraftakt hier auf uns zukommt. Jedes Jahr Verzögerung in der Umsetzung von konkreten Maßnahmen baut zusätzlichen Druck auf. Wenn Berlin die selbstgesteckten und die Pariser Klimaziele einhalten möchte, müssen in Bezug auf die Schulen sowohl die Energieeffizienzstandards der Gebäude, als auch das Verhalten der rund 370.000 Nutzer*innen langfristig transformiert werden. Hier setzt das Projekt KlimaVisionen des UfU im Auftrag der SenUMVK an und gibt seit Herbst 2021 Anstöße, um in die praktische Umsetzung zu kommen.

Von der Vision zur Roadmap und in die Umsetzung

Neben der Tatsache, dass die Sanierungen der Schulgebäude ganz praktisch voran-gehen müssen, muss die Schulgemeinschaft sich über die notwendigen Schritte für ein klimaneutrales Leben verständigen. Im Projekt geht es zunächst um die Aus-einandersetzung damit, was eigentlich Klimaneutralität für eine Schule bedeutet. Wo sind die Systemgrenzen, d.h. wo beginnt und wo hört der Verantwortungsbereich der Schule auf? Was wird alles in den ökologischen Schulabdruck einberechnet? Auf welche Faktoren haben die Akteur*innen in einem Schulgebäude selbst Einfluss?

Anhand eines KlimaChecks zu Beginn des Projektes werden die Gebäude, aber auch die internen Abläufe unter die Lupe genommen und der ökologische Fußabdruck berechnet. Hier werden neben Fragen zu den Heizenergie- und Stromverbräuchen auch solche zu Ernährung, Beschaffung sowie Mobilität beantwortet. Viele Schulen sind beispielsweise überrascht, welchen Einfluss der Weg zur Schule, aber insbesondere auch Klassenfahrten und Flugreisen auf den ökologischen Fußabdruck haben. Um wirklich klimaneutral zu werden, reicht es nämlich nicht mehr Schüler*innen zu vermitteln, in der Pause mal das Licht auszumachen. Stattdessen braucht es eine richtige Analyse der Gegebenheiten und darauf abgestimmte Fahrpläne (Roadmaps), die den Weg zur Klimaneutralität aufzeigen und dabei auch Bereiche wie beispielsweise die Schulspeisung in den Blick nehmen. Im Sinne des Whole Institution Approach muss die gesamte Institution Schule als Handlungsraum in den Lernprozess einbezogen werden.

Erfolg durch Beteiligung

Um den Schulen nicht einfach einen Plan mit konkreten Maßnahmen und Zeitplänen überzustülpen, werden die Schulgemeinschaften bei KlimaVisionen kreativ in den Planungsprozess einbezogen und entwickeln eigene Visionen ihrer klimaneutralen Schule der Zukunft. Dabei stellen sich die Teilnehmenden der beteiligten Schu¬len folgende Fragen: Wie wollen wir leben? Wie sieht unsere Schule dann aus? Wie kommen wir zur Schule hin und wieder weg? Wie findet der Unterricht in unserer Zukunftsschule statt? Im Verlauf eines Projekttages entsteht eine individuelle Vision. Darauf aufbauend zeigt das UfU Wege auf, welche Schritte zur Verwirklichung helfen können, welche weiteren Maßnahmen sinnvoll sein können, was die Nutzer*innen beitragen können, welche Verantwortlichkeiten inner- und außerhalb der Schule vergeben werden könnten, etc. Auch eine Vernetzung und ein Austausch mit anderen Schulen und Akteur*innen soll erreicht werden, z.B. im Zuge eines berlinweiten Klimaaktionstages im Sommer 2023. Als Begleitangebot bekommen Lehrkräfte und Schüler*innen die Möglichkeit, an themenspezifischen Workshops teilzunehmen. Der Projektablauf kann für jede Schule individuell gestaltet werden.

Traum vs. Realität - Der Weg ist steinig, aber Selbstmachen ist mehrfach wertvoll

Das Thema Klimaneutralität stößt bei vielen Schulen auf großes Interesse. Einige Schulen beschäftigen sich schon lange mit Klimaschutz und sind gut aufgestellt. Dennoch gibt es große Herausforderungen, dieses sehr komplexe Thema in die Schulen zu bringen und dann auch wirklich mit der Umsetzung zu beginnen. Da ist zum Beispiel die Frage nach den Verantwortlichkeiten. Viele vor allem langfristige Maßnahmen, scheitern beispielsweise daran, dass es die Schulträger sind, die konkrete Baumaßnahmen durchführen. Dort gibt es dann Sanierungsstau und die Schulen haben oft wenig Einfluss. Schulgemeinschaften, die aber Kooperations-möglichkeiten mit z.B. Initiativen und Verbänden nutzen und Projekte eigenständig und selbstwirksam ins Leben rufen, machen den entscheidenden Schritt in die richtige Richtung. Zudem ist die Schule für viele junge Menschen einer der prägendsten Orte. An diesem Ort sollte es darum gehen, mutige, lösungsorientierte Menschen zu fördern, die Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Hierin liegt großes gesellschaftliches Gestaltungspotenzial, wenn wir Schüler*innen nicht als Konsument*innen von Wissen verstehen, sondern als wichtige und motivierte Mitden-kende, die ihre Zukunft mitgestalten wollen.

KlimaVisionen – Los geht’s!

Das Projekt KlimaVisionen bietet einen Einstieg in das komplexe Thema klima-neutrale Schule und soll besonders dabei helfen, den Schulen einen Überblick über ihre Möglichkeiten zu geben. Es hilft, Ideen zu entwickeln und zeigt, an welchen Stellschrauben gleich morgen gedreht werden kann, wie man sich dafür organisiert und mit welchen Initiativen und Organisationen man sich zur Unterstützung bestenfalls verbündet. Im Projekt werden Schulen dazu angeregt, ihre Stärken als Triebkräfte des Wandels zu erkennen und sich mit Begeisterung an der sozial-ökologischen Transformation zu beteiligen.

Initiativen und Organisationen mit Schulkontextspezifischen Angeboten können sich bei Interesse gerne an das UfU wenden und sich als Partner*innen für die Schulen in die Netzwerklisten des Projektes aufnehmen lassen.

 

KlimaVisionen wird Klimaschutzpartner 2022 der IHK-Berlin

Im Mai 2022 gewann das Pilotprojekt für die Transformation von Schulen hin zur Klimaneutralität den ersten Preis in der Kategorie C „Anerkennungspreis für heraus-ragende Projekte öffentlicher Einrichtungen“ im KlimaSchutzPartner-Wettbewerb der IHK-Berlin. Auf den Berliner Energietagen wurde das Projekt mit einer Laudatio von Staatssekretärin Dr. Silke Karcher mit dem Preis ausgezeichnet, welcher von der IHK-Berlin seit 2002 jährlich vergeben wird. In verschiedenen Kategorien ehrt es Pro-jekte, Unternehmen und Initiativen, die sich um klimaschützende Maßnahmen bemü-hen und damit als gutes Beispiel zum Nachahmen dienen sollen.

 

Autor*innen und Kontakt:

Florian Kliche, Anne Nemack, Muriel Neugebauer, Cindy Prager

Unabhängiges Institut für Umweltfragen (UfU) e.V.

E-Mail: muriel.neugebauer@ufu.de

www.ufu.de/projekt/klimavisionen