Werte, Normen, Einstellungen und Verhalten: Wie die Klimapsychologie uns helfen kann, Bildungsangebote nachhaltig zu gestalten

Werte, Normen, Einstellungen und Verhalten: Wie die Klimapsychologie uns helfen kann, Bildungsangebote nachhaltig zu gestalten

Biodiversitätsverlust, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, schmelzende Pol-kappen – all diese globalen Problemfelder haben eines gemeinsam: Das Zutun der Weltbevölkerung daran ist immens. Der Wunsch nach einer gesicherten und planbaren Zukunft für das Individuum und die künftigen Generationen wurde durch die Covid-19-Pandemie deutlicher denn je und dennoch verhalten sich so viele Menschen konträr. Ob durch den kontinuierlich steigenden Flugverkehr (International civil aviation organization, 2019), den immensen Fleischkonsum (Stoll-Kleemann, 2014) oder die Unterstützung der Fast Fashion Industrie (Bhardwaj & Fairhurst, 2010) entscheiden sich besonders Menschen in westlichen Staaten tagtäglich gegen die eigene Zukunft und die ihrer Mitmenschen. Daraus resultieren die folgenden Fragestellungen: Wie entsteht klimafreundliches Verhalten? Wie können diese Erkenntnisse als Basis der Gestaltung von Bildungsangeboten genutzt werden, um ein klimafreundlicheres Verhalten der Menschen zu fördern? Diesen Fragestellungen nimmt sich der folgende Artikel an führt zum Schluss ein beispielhaftes Bildungsprogramm auf.

 

 

 

Die Grundätze der Klimapsychologie

Einen wichtigen Teil der Persönlichkeit jedes Menschen stellen seine Werte da. Im Gegensatz zu Einstellungen sind Werte einzelne und dafür festere Einflussvariablen für Entscheidungsfindungen. Wichtig zu berücksichtigen ist, dass manche Werte höher priorisiert werden als andere und damit immer ein Abwägungsprozess entsteht. Die „Biospheric, Altruistic, Egoistic Theorie“ (De Groot & Steg, 2012) differenziert drei Typen von Werten. Der „Biosphärische Typ“ konzentriert sich bei einer Entscheidung im Zeichen des Klimawandels immer auf Kosten und Nutzen für das Ökosystem. Menschen mit altruistischer Orientierung hingegen wägen bei einem Klimaverhalten das Ergebnis für die Gemeinschaft ab. Egoistisch orientierte Menschen handeln klimafreundlich, wenn es ihnen selbst nutzt.

Wie bei vielen Entscheidungen spielt auch beim klimafreundlichen Verhalten die soziale Norm eine wichtige Rolle. Ein großer Treiber ist dabei der Wunsch des Individuums nach Anerkennung und Be-stätigung (De Groot & Steg, 2012). Sind wir also von Menschen umgeben, welche sich vegan ernähren, so folgen wir dieser Norm und erhalten im Gegenzug die gewünschte gesellschaftliche Bestätigung. Darüber hinaus schätzen wir das Verhalten von einer Gruppe an Menschen schnell als Standard ein. Dabei ist es entscheidend, wie groß die Gruppe ist und ob Menschen, die wir sozial wertschätzen, dieser angehören.

Eine weitere Basis für klimaschützendes Verhalten kann es sein, bei Menschen ein Klimagerechtigkeitsgefühl zu generieren. Dieses Veralten zeichnet sich durch eine Anerkennung der Menschen aus, die von klimaschädlichen Belastungen betroffen sind und fördert die Bereitschaft, diese zu unterstützen. Darüber hinaus muss den betroffenen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, durch ihre politische Stimme über Maßnahmen gegen den Klimawandel entscheiden zu können. Wenn diese zwei Gerechtigkeitskriterien nicht erfüllt sind, entsteht ein Gefühl der Ungerechtigkeit, was im nächsten Schritt als Handlungsmotivation dienen kann. Klimafreundliches Handeln aus Gerechtigkeitsgründen kann aufgrund dreier verschiedener Motivationen verfolgt werden: erstens aufgrund des Wunsches nach Gerechtigkeit für die folgenden Genera-tionen (intergenerational), zweitens aufgrund des Wunsches nach Gerechtigkeit für Natur und Umwelt (ökologisch) oder drittens aufgrund des Wunsches nach Gerechtigkeit für die Menschen an allen Orten der Welt (global). Laut einer Studie von Reese und Jacob (2015) ergeben sich aus diesen drei Gerechtigkeitsdimensionen zum einen ein Gefühl der Verantwortung für die Betroffenen oder zum anderen eine gewisse Wut aufgrund der nicht zufriedenstellenden Situation. Gerade ersteres kann ein Prädiktor für eine klimafreundliche Intention darstellen und somit zu klimaschützendem Verhalten führen.

Vom Verhaltensmodell zu klimaschützendem Verhalten

Um von der theoretischen Überlegung zu klimafreundlichem Verhalten zu gelangen, bieten sich Verhaltensmodelle an. In der Theorie des geplanten Verhaltens (vgl. Ajzen, 1985) werden Einstellungen, subjektive Norm und wahrgenommene Verhaltenskontrolle als Einflussvariablen für eine Klimaintention bzw. ein Klimaverhalten verstanden.

Eine Einstellung ist dabei gekennzeichnet durch einen Abwägungsprozess von Kosten und Nutzen in der Überlegung eines Verhaltens. Die Einstellung gegenüber „Fahrrad fahren“ kann sich beispielsweise aus den positiven Bewertungskriterien: günstig, klima-freundlich, gesundheitsförderlich und den negativen Bewertungskriterien: anstrengend, dem Wetter ausgesetzt und langsamer zusammensetzen. Je nachdem, welche Kriterien stärker gewichtet werden, entsteht eine Pro- oder Contra-Fahrradfahr-Intention. Bei der subjektiven Norm wägt das Individuum zwischen den Erwartungen einer sozialen Gruppe und der eigenen Motivation, diesen gerecht zu werden ab. Nutzen beispielsweise in einer Klasse 22 von 24 Schüler*innen eine Mehrwegtrinkflasche, so wird bei den anderen zwei Kindern in naher Zukunft sehr wahrscheinlich eine Mehrwegtrinkflaschen-Intention entstehen. Die dritte Einflussvariable ist die wahr-genommene Verhaltenskontrolle. Bei dieser werden die eigenen, subjektiv wahrgenommenen Kompetenzen und Ressourcen bezüglich eines möglichen klima-freundlichen Verhaltens abgewogen und somit die Wahrscheinlichkeit für ein Verhalten bestimmt. Je sicherer sich ein Individuum bezüglich seiner Fähigkeiten, Fertigkeiten und Ressourcen in Bezug auf das betreffende Verhalten fühlt, desto eher neigt es dazu, dieses Verhalten auszuführen. Auf diese Weise benötigt es für das klimaschützende Verhalten nicht einmal unbedingt eine starke Verhaltensintention.

Erkenntnisse für die Klimabildung

Bei der Gestaltung von Klimabildungsangeboten können all diese theoretischen Überlegungen als Grundlage genutzt werden. Zum einen sollte die Werteorientierung der Zielperson oder der Zielgruppe im Durchschnitt erkannt werden. Spielt in einer Zielgruppe beispielsweise die Natur eine große Rolle oder besteht in diesem Punkt eine Faszination, so sollte der Fokus auf den biosphärischen Werten liegen und entsprechend die Argumentation, Wissensvermittlung oder etwaige Spiele an ihnen orientiert werden. Gerade in Schulklassen sollte die soziale Norm bei der Ausführung von Klimabildungsprogrammen beachtet werden. Es gilt zu erkennen, wie die Klassenstruktur aufgebaut ist und wer welche Rolle darin einnimmt. Gerade in längerfristigen Projekten kann durch die Inspiration einiger weniger Kinder eine Art Schneeballeffekt ausgelöst werden und so kollektives klimafreundliches Verhalten entstehen. Dabei ist es natürlich zu beachten, dass die Klasse eine gut funktionierende soziale Gruppe sein muss und gegenseitige Wertschätzung und Austausch bestehen. Hinzu kommt, dass die Kursleitung eine Verhaltensveränderung vorschlagen sollte, welche sie selbst schon durchführt, die für Kinder einfach umzusetzen ist und mit keinem Verzicht verbunden wird.

Ein Beispiel: Plastian der kleine Fisch!

Wie diese Erkenntnisse nun in der Bil-dungs¬gestaltung angewandt werden können, zeigt beispielsweise das Bildungs-programm für Grundschulklassen (ab Klasse 3) zum Thema „Plastian der kleine Fisch“. Das Projekt untergliedert sich in sieben Programmpunkte. Zu Beginn kann ein Namensspiel helfen, die Rollen der Kinder zu erkennen, was für den Aufbau der sozialen Norm von Bedeutung ist. Darauf folgt das Vorlesen der Geschichte „Plastian der kleine Fisch“. Dabei erhalten die Kinder paarweise Karten mit den verschiedenen Charakteren der Geschichte. Die Kinder müssen die Karte nun immer aufzeigen, wenn der passende Name fällt und versuchen, sich in die Lage des Charakters zu versetzen. So wird das intergenerationale, globale und ökologische Gerechtigkeitsgefühl der Kinder gestärkt und eine Intention im Zeichen der Plastikreduktion kann entstehen.

Ähnliches gilt für das Nahrungskettenspiel, bei welchem die Kinder verschiedene Tierrollen einnehmen und erfahren, wie Mikroplastik eine gesamte aquatische Nahrungskette beeinflusst. Ein „Alternativenkoffer“ kann den Glauben an die eigenen Fähigkeiten positiv beeinflussen. Durch dieses Spiel werden günstige, einfach zu beschaffende und alters-spezifische Alternativen zu Plastikprodukten aufgezeigt und den Kindern so das Gefühl gegeben, selbst etwas verändern zu können. Durch ein abschließendes Upcycling Projekt kann eine umweltfreundliche Intention gestärkt werden. Wird diese Intention nun mit einem klaren Ziel verbunden, beispielsweise „ich benutze für mein Pausenbrot jeden Tag ein Bienenwachstuch“, so wird ein umweltfreundliches Verhalten wahrscheinlicher ausgeführt (Hamann et al., 2016).

Literatur

International civil aviation organization (2019): Passenger traffic growth and moderate air cargo demand in 2018. www.icao.int/Newsroom/Pages/Solid-passenger-traffic-growth-and-moderate-air-cargo-demand-in-2018.aspx, abgerufen am 15.03.2022

Bhardwaj, V./ Fairhust, A. (2010): Fast fashion: Response to changes in the fashion industry. The international review of retail, distribution and consumers research 20: 165-173.

Stoll-Kleeman, S. (2014): Fleischkonsum im 21. Jahrhundert – ein Thema für die humanökologische Forschung. GAIA_Eco-logi¬cal perspective for Science and Society 23: 366-368.

Steg, L./ van den Berg, A.E./De Groot, J.I.M. (2012): Environmental psychology: An introduction. 1. Auflage. Wiley-Black-well. Hoboken, USA.

Reese, G./ Jacob, L. (2015): Principles of Environmental Justice and Pro-Environ-mental Action: A Two-Step Process Model of Moral Anger and Responsibility to Act. Environmental Science and Policy, 51, 88-94.

Ajzen, I. (1985): From Intentions to Actions: A Theory of Planned Behavior. In: Kuhl, J./ Beckmann, J. (Hrsg.) Action Control. SSSP Springer Series in Social Psychology. Springer. Berlin/ Heidelberg.

Hamann, K./ Baumann, A./ Löschinger, D. (2016): Psychologie im Umweltschutz: Handbuch zur Förderung nachhaltigen Verhaltens. Oekom Verlag. München.

 

Autorin und Kontakt:

Alina Rösch, Projektmitarbeiterin BildungKlima-plus-56

Ansprechperson Region Ost

E-Mail: info@auwaldstation.de

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