Marion Loewenfeld

Liebe Marion,
du gehörst zu denjenigen, die die ANU schon sehr lange begleiten und mitgestalten. Dabei kennst du sowohl die Perspektive des Südens, als auch die der Bundesebene. Wir sind gespannt, von dir zu hören, wie du auf die letzten Jahrzehnte zurückblickst.

1. Wie verlief die Gründung des Landesverbands Bayern und welchen Einfluss hatte der Bundesverband darauf?

Die Gründung des ANU Bundesverbands war inspirierend für die wachsende Umweltbildungsszene in den Ländern. Das war es, was wir brauchten: einen Verband zum Austausch untereinander, zur Vernetzung und als Lobby für unsere immer dringender werdenden inhaltlichen und finanziellen Anliegen. Auch in Bayern herrschte Aufbruchsstimmung unter den ca. 30 Umweltzentren und vielen weiteren Akteur*innen. Am 3.10.1992 gründete sich, unterstützt durch Martina Fleckenstein, ANU Bundesverband, im Nationalpark Bayerischer Wald die ANU Bayern e.V. mit Lukas Laux als 1. Vorsitzenden. Die Geschäftsstelle war bei Schatzmeisterin Annette Dieckmann, im LBV-Umweltzentrum Muhr am See. Lukas Laux hielt als gleichzeitiges Mitglied des Bundesvorstands engen Kontakt zur Bundes-ANU.

1993 fand das erste bayerische Vernetzungstreffen mit Praxisaustausch statt. Seitdem haben sich die Werkstatt-Treffen der ANU Bayern kontinuierlich weiterentwickelt. 1993 verabschiedeten die Mitglieder der ANU Bayern Forderungen nach einer flächendeckenden Einrichtung von Umweltstationen und einer festen Finanzierung der Umweltbildung. Zwei Jahre beharrliche Presse- und intensive politische Lobbyarbeit führten 1995 zur Bereitstellung der Fördermittel für Umweltstationen und ein Jahr später zum Allgemeinen Umweltfonds zur Intensivierung der Umweltbildung in Bayern - Förderungen, die es bis heute gibt, jeweils begleitet durch die von der ANU angeregten Experten-Beratungsgremien.

2. Was waren die größten Erfolgserlebnisse und Herausforderungen der verbandlichen Doppelkonstruktion Bund - Land in den letzten 30 Jahren?

In Deutschland mit seinem föderalen Bildungssystem war es von Anfang an notwendig, neben einem Bundesverband auch Landesverbände zu gründen, um auf Bildungsrichtlinien und Förderungen entsprechend reagieren zu können und mit der Umweltbildung eine größere Breitenwirkung zu erzielen. Das hat sich sehr bewährt. Die Jahrestagungen des Bundesverbands, oft ausgerichtet in Kooperation mit einem Landesverband, gewährleisten Vernetzung, (Praxis)Austausch und stellen inhaltliche und methodische Innovationen vor. Zum vertiefenden gegenseitigen Austausch gibt es das jährliche Bund-Ländertreffen.
Es gab von Anfang an die Idee übergeordneter Projekte, die vom Bundesverband akquiriert und koordiniert werden, und an denen sich – neben weiteren Kooperationspartnern –  Landesverbände und/oder einzelne Umweltbildungseinrichtungen in den Ländern aktiv beteiligen können. Sie tragen seit 1992 dazu bei, die ANU auf Bundes- und bei Beteiligung auf Landesebene inhaltlich und gesellschaftspolitisch weiterzubringen, Innovationen zu fördern, Qualität zu sichern und BNE in die Breite zu tragen. Dazu zählte als erstes das 1992 vom BMBW geförderte Projekt „Konzepte zum Schutz der Erdatmosphäre in der Weiterbildung“, später das innerverbandlich umstrittene Projekt „Leuchtpol – BNE im Kindergarten“ (2009-2012), und „Integration Geflüchteter / Ressourcentag in Asylunterkünften“ (2015-2019), um nur einige zu nennen. Die ANU Bayern und auch einzelne Mitglieder haben sich immer wieder mit Erfolg daran beteiligt.

3. Welche Wünsche und Visionen hast du für Bundes- und Landesebene?

Die ANU hat - auf Bundes- wie auf Landesebene - in den 30 Jahren ihres Bestehens viel zur Qualifizierung der Akteur*innen, zur Breitenwirkung von Umweltbildung/BNE, zur Vernetzung mit neuen Kooperationspartnern und insgesamt zur Wahrnehmung und Institutionalisierung von BNE beigetragen.

Unsere Verbandsarbeit haben wir ehrenamtlich begonnen. Die ANU Mecklenburg-Vorpommern hatte dann über etliche Jahre durch eine Förderung eine hauptamtliche Geschäftsstelle, die ANU Brandenburg und die ANU Hessen haben derzeit durch Förderungen projektbezogen mehrere Hauptamtliche. Auch der Bundesverband finanziert seine inhaltliche Arbeit und Mitarbeiter*innen durch immer wieder zu akquirierende Projekte. Die Gremien- und Verbandsarbeit bleibt aber größtenteils ehrenamtlich, sowohl auf Bundes- als auf Landesebene, was den zeitlichen Rahmen, die Intensität und Wirksamkeit der Arbeit stark einschränkt.

Die außerschulische Bildung genießt – wie man derzeit in der Corona-Krise sehen kann – nur geringe gesellschaftliche Anerkennung und wird mit ihren Anforderungen – auch finanzieller Art - vielfach nicht wahrgenommen. In meiner Vision haben künftig sowohl der Bundesverband als auch die Landesverbände hauptamtliche, unabhängig finanzierte Geschäftsstellen und tragen durch ihre, von hoher Anerkennung getragene Arbeit und innovative Modellprojekte weiterhin zur sozial-ökonomischen Transformation der Gesellschaft und zu einer weltweit nachhaltigen Entwicklung bei.

Zur Person: 1983 habe ich nach meiner Ausbildung als Gymnasiallehrerin und Diplompädagogin beschlossen, in der außerschulischen Bildung zu arbeiten und begonnen, mit Kolleg*innen die Umweltstation Ökoprojekt MobilSpiel e.V. in München konzeptionell und organisatorisch aufzubauen. 1985 ging sie an den Start ging. Bis Ende 2014 arbeitete ich dort als Leitung. Von 1991-2005 begleitete ich im Vorstand des Münchner Umwelt-Zentrums e.V. ehrenamtlich Planung, Aufbau und die ersten Jahre des Ökologischen Bildungszentrums München. Von 1992 - 2018 war im Vorstand der ANU Bayern aktiv, davon 16 Jahre als Vorsitzende in enger Zusammenarbeit mit Caroline Fischer (U 2016) als stellvertretender Vorsitzenden. 2015 wurde ich in den Bundesvorstand der ANU gewählt und arbeite seitdem auf Bundesebene mit. Seit 2016 bin ich Mitglied im Stiftungsrat der BürgerStiftung München und dort für Nachhaltigkeitsprojekte zuständig.

Kontakt: marion.loewenfeld@anu.de