Grumbeere trifft Erdapfel

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April 2016: Solidarische Landwirtschaft und Lernort Bauernhof
Ausgabe Nr. 269

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Blickpunkt

Grumbeere trifft Erdapfel


Die Kartoffel ist weltweit eines der wichtigsten Nahrungsmittel. In Deutschland nimmt ihre Bedeutung allerdings kontinuierlich ab. Sie eignet sich gut, um für Kinder den Kreislauf des Lebens erfahrbar zu machen.

Sie heißt Grumbeere oder Erdapfel, sie ist braun, gelb, rot oder blau und sie trägt im Juni wunderhübsche Blüten und versteckt in der Erde die kostbarsten Schätze: unsere Kartoffel. Diese vielfältige Pflanze lädt zur Entdeckungsreise ein und ist perfekt dazu geeignet, Kinder in Kontakt zur Natur, zur Landwirtschaft und zu ihren Nahrungsmitteln zu bringen. Die tolle Knolle passt wunderbar in eine Kinderhand und lässt sich bereitwillig erfühlen: „Hat sie eine glatte oder eine raue Schale? Ist sie rund oder oval oder ganz knubbelig gewachsen? Wo finde ich ihren Nabel, die Stelle, an der sie einst über die Nabelschnur mit der Mutterknolle verbunden war? Wo ist ihre Krone, der Kranz ihrer Keime, mit denen sie Richtung Sonne wachsen möchte? Wo hat sie den langen Winter verbracht und woran sehe ich, dass sie den Frühling spürt? Meine Kartoffel lebt!“

Im April ist unsere Pflanzaktion. Als Erstes werden die Kinder von dem Kartoffelkönigspaar begrüßt – den dicksten beiden Knollen des Vorjahres. Sie besuchen die Untertanen bei Kerzenschein im Gewölbekartoffelkeller und staunen über die circa 70 verschiedenen Sorten, die wir ihnen in kleinen Holzkisten zeigen: alle Formen, Farben, Größen, mit unterschiedlichen Keimen. Und wie sehen sie innen aus? Schau mal die Blaue Anneliese oder die Rote Emmalie! Und ist dieses Bamberger Hörnchen nicht lustig?… So viel gibt es zu entdecken, bevor der Bauer Glahn mit seiner alten Kartoffeltechnik für uns die Pflanzlöcher in die Erde zieht. Die vorgekeimten Kartoffeln werden vorsichtig mit der Krone nach oben in die Löcher gedrückt, das macht besonders Spaß, wenn man es mit einem Laufspiel verbindet. Mit den allerbesten Wünschen für gutes Wachsen werden die Kartoffeln zugehäufelt und es ist Zeit fürs Abschlussessen: Wir genießen gemeinsam drei verschiedene Sorten Pellkartoffeln mit Kräutersalz und Butter. Was ist deine Lieblingssorte? So manches Kind hält hier zum ersten Mal eine Pellkartoffel in der Hand und hat noch nie zuvor die Kartoffel in ihrer urspünglichsten Form gegessen. „Mmh, die sind ja lecker! Kann ich welche mitnehmen, dass meine Mami sie auch mal probieren kann? Ich wusste ja gar nicht, dass es auch blaue Kartoffeln gibt und dass man die essen kann!“ Die Kinder entwickeln eigene Maßstäbe zur Beurteilung der Kartoffeln und lernen sie in einer Vielfalt kennen, die es im Laden schon lange nicht mehr gibt.

Im Juni, wenn die Kinder zur Kartoffelpflege kommen, sieht das Königspaar schon nicht mehr ganz so frisch aus: Schrumpelig und voller Keime gehen sie nun bei den Kindern von Hand zu Hand. Wie sieht wohl unsere Kartoffelpflanze aus? Wie groß ist sie und hat sie Blüten? Warum ist Unkrautjäten wichtig? Und wieso müssen wir die hübschen Kartoffelkäfer absammeln? Wie sehen die Larven und Eier aus und wie entwickelt sich der Käfer? Die Kinder drängt es auf den Acker und sofort strömen sie aus, um nach Käfern zu suchen. Und wie viele unterschiedliche Beikräuter es gibt – wir finden über 25 Arten! Auch das Kraut verschiedener Kartoffelsorten unterscheidet sich voneinander und Blüten gibt es in allen Farben. Wir graben eine Kartoffelpflanze aus, wiegen und zählen deren Tochterknollen und legen aus ihnen eine wunderschöne Reihe. Und mittendrin finden wir manchmal noch die alte, verschrumpelte Knolle, aus der all die neuen, jungen Knollen entstanden sind. Wie zart die dünne Haut der kleinen Knollen ist! Was steckt eigentlich in ihnen drin und was macht sie so gesund für uns? Was unterscheidet die Sorten, was ist eine Kocheigenschaft und wie erkenne ich beides auf den Verpackungen im Handel?

Nur fünf Monate nachdem die Mutterknollen in die Erde gelegt wurden, können die Tochterknollen schon geerntet werden – dies macht die Kartoffel auch so attraktiv als Lern- und Verbindungspflanze zur Natur und Landwirtschaft. In unserem Erntespiel geht es nun darum, unter einer Vielzahl von Gartengeräten (darunter ein Apfelpflücker), Körben, Eimern und Säcken im Team das herauszusuchen, was sich am besten für die Kartoffelernte eignet. Die Kinder entscheiden selbstständig und prüfen die Geräte auf ihre Tauglichkeit. Wie haben die Menschen es früher gemacht und wie geht es heute? Auf dem Acker hilft uns wieder Bauer Glahn mit seinem Vorratsroder und einen Teil der Knollen graben wir selbst mit Grabegabeln aus – gar nicht so einfach, dabei keine aufzuspießen! Und schließlich essen wir unsere eigenen Kartoffeln – was für ein Genuss! Die dicksten Knollen, die wir gefunden haben, werden zum neuen Kartoffelkönigspaar, während die alten Majestäten ihre letzte Ruhe auf dem Kompost finden. Die Kinder begleiten und begreifen das Leben der Kartoffel mit allen Sinnen, sie erfahren den ewigen Kreislauf des Lebens im aktiven Mitgestalten.

Am Ende der Saison sind die Kinder zu echten Kennern und oftmals Liebhabern der Knolle geworden und beeinflussen nicht selten auch die Kauf- und Kochgewohnheiten ihrer Familien. Unser Kartoffelprojekt besteht seit fast 20 Jahren mit dem Ziel, die Wertschätzung für dieses gesunde Lebensmittel wiederzuerlangen und zu verbreiten, um dem seit Jahrzehnten rückläufigen Kartoffelkonsum entgegenzuwirken. Inzwischen kommen jährlich 28 Grundschulklassen und 4 Kindergärten zum Kartoffelprojekt. Etliche kooperierende Schulen haben es fest in ihr Schulprogramm aufgenommen. Sie schätzen unsere praxisorientierte Arbeit mit den Kindern und wir freuen uns, viele weitere Jahre mit den Kindern auf dem Kartoffelacker verbringen zu können.

www.landesforsten.de/Waldpaedagogikzentrum-Goettingen-RUZ-Reinhausen.337.0.html

 

 

 

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