Meine Ziege braucht Platz

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November 2015: Tiergestützte Pädagogik
Ausgabe Nr. 265

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Blickpunkt I

Meine Ziege braucht Platz


Auf Bauernhöfen haben Menschen seit Generationen zusammen mit Nutztieren nachhaltiges Leben praktiziert. Tiergestützte Pädagogik, die zunehmend in der Bildung aufgegriffen wird, findet am „Lernort Bauernhof“ ideale Anwendungsbedingungen.

Immer mehr Bauernhöfe öffnen sich für Kindergartengruppen und Schulklassen, um die Kinder beim Mit-Tun selbst erleben zu lassen, wie unsere Lebensmittel erzeugt werden. Die Begegnung mit Tieren, die meist Nutztiere sind, ist dabei ein ganz zentrales Erlebnis, wie ein typischer Ausflug auf einen „Lernort Bauernhof“ zeigt:

Lärmend füllt sich der Innenhof des landwirtschaftlichen Betriebes mit Kindern einer Grundschulklasse. Als die Wohnhaustür aufgeht, die Bäuerin erscheint und der Hofhund bellend und gleichzeitig schwanzwedelnd auf die Kinder zurennt, ist die Konzentration da: Die Mutigen laufen dem Hund entgegen, die Vorsichtigen beobachten das Geschehen mit Abstand. Die Bäuerin begrüßt die Klasse und erklärt, dass ihr die Kinder heute helfen dürfen, die Kälber und Jungrinder des Milchviehbetriebes zu versorgen. Sie stellt das Arbeitsprogramm vor: Die Kälber haben Hunger und warten auf ihre Milch, die Rinder brauchen Heu und Wasser, alle Ställe müssen gemistet und eingestreut werden.

Bald sieht man die Kindergruppen in die Arbeit vertieft: Einige dürfen den Kälbern Milch in Tränke-Eimern an ihre Boxen hängen und beobachten begeistert, wie sie gierig saugen. Die lebhaften Kinder, die Kräfte „rauslassen wollen“, werden in die Scheune geschickt, um Heuballen für die Jungrinder zu holen. Einige laden Mist auf Schubkarren und bugsieren ihn auf den Misthaufen. Der Rest der Klasse ist mit großen Karren unterwegs, um Stroh zum Einstreuen zu holen – sie hantieren mit Heugabeln und Schaufeln. Die Bäuerin geht von Gruppe zu Gruppe, um auf die Sicherheit zu achten und für Fragen zur Verfügung zu stehen. Nach getaner Arbeit finden sich alle zu einem abschließenden Frühstück zusammen und die Kinder erzählen mit leuchtenden Augen ihre Erlebnisse.

Die Motivation der Bäuerinnen und Bauern für solch ein Angebot ist zunächst oft, das Wissen über die Lebensmittelherkunft zu verbessern und die Wertschätzung der bäuerlichen Arbeit zu erhöhen. Doch Bauernhöfe, die sich als außerschulische Lernorte für Besucher und Besucherinnen öffnen, können noch mehr leisten als „nur“ erlebnisreiche Öffentlichkeitsarbeit für die Landwirtschaft – sie bieten im Sinne moderner Bildungspläne Lernräume an, in denen die großen und kleinen Besucher Kompetenzen erwerben können, die sie für nachhaltiges Handeln insgesamt benötigen.

Der direkte Kontakt mit dem „echten Leben“, der auf Bauernhöfen erlebbar wird, bietet einen idealen Bildungsraum zum Kompetenzerwerb, und insbesondere die Tiere werden zu realen  „Bildungspartnern“. Es beginnt schon bei der Begrüßung durch den Hofhund – sie verlangt bereits von vielen Kindern gehörigen Mut. Bei allen Arbeiten in der Gruppe ist Teamarbeit gefragt, denn die Schüler müssen ihre Arbeitsteilung besprechen und anwenden, sie müssen die Reaktionen der Tiere beachten, bei Problemen müssen sie Lösungen suchen und gemeinsam umsetzen. Beim Misten lernen einige ihre Kraftgrenzen kennen oder sie üben, ihre Ekelgrenzen zu überwinden. Beim Füttern im Umgang mit den Heugabeln gegenüber Mensch und Tier ist Rücksichtnahme gefordert. Zudem ist Einfühlungsvermögen in die Tiere gefragt.

Nach einer stillen Beobachtungszeit von Ziegen in ihrem Herdenverhalten sagte einmal eine Schülerin zu mir: „ …und dann habe ich gesehen, wie meine Ziege zu der anderen gesagt hat: Das ist mein Platz, ich möchte bitte schön hier liegen – kannst du mal weggehen?“ Schöner kann kaum ausgedrückt werden, was Einfühlungsvermögen bedeutet. 

www.baglob.de

 

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