Natur 2.0 – Potenziale natürlicher und medialer Erfahrungsräume

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Juli 2015: Multimedia in der Umweltbildung
Ausgabe Nr. 262

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Blickpunkt

Natur 2.0 – Potenziale natürlicher und medialer Erfahrungsräume


Feuer aus Steinen schlagen, Frühlingskräuter sammeln und Tee daraus bereiten oder auf einen Baum klettern begeistert auch heute noch Kinder und Jugendliche – und muss nicht im Gegensatz zu digitalen Abenteuern stehen. Das ist ein Ergebnis der Tagung „Natur 2.0 – Natur und neue Medien“, die von der ANU Bayern, dem Naturerlebniszentrum Burg Schwaneck und Ökoprojekt MobilSpiel e.V. Ende April veranstaltet wurde.

Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Es stellt sich die Frage: Wie kann eine Bildung für nachhaltige Entwicklung beide Potenziale, Natur- und Medienerfahrung, für die Entwicklung nachhaltiger Lebensstile nutzen?

Digitaler Weg zum eigenen Wertesystem

Klaus Lutz, Medienpädagoge am JFF-Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis zeigte, wie positiv und vielfältig Mediennutzung sein kann und wie Kinder und Jugendliche davon profitieren können. Soziale Netzwerke dienen Jugendlichen sowohl auf der Suche nach einer eigenen Identität zur Selbstvergewisserung als auch dazu, Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen. Jugendliche nutzen das Internet zur Informationsgewinnung, um sich in der Welt zu orientieren und ihr eigenes Wertesystem auszubilden. Das Netz ist für junge Menschen ein Ort der Emotionen, eine Form von Heimat. Im Internet finden sie Bestätigung, schließen Freundschaften, streiten sich, verlieben sich und trauern gemeinsam. Darüber hinaus verändern die digitalen Medien alle Formen des Austauschs und der Partizipation grundlegend. Sie ermöglichen eine kostengünstige, effektive Zusammenarbeit, Gruppenorganisation und Vernetzung und sind damit ein starkes Werkzeug für eine intensive Kommunikation. Daher sind sich viele junge Menschen über den Nutzen der digitalen Medien einig: Sie sind sinnvoll, vielfältig einsetzbar und aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Lebendige Kinder – lebendige Zukunft

Der Philosoph und Biologe Andreas Weber zeigte in seinem Referat „Lebendige Kinder – lebendige Zukunft“ auf, warum Naturerfahrungen für Kinder und Jugendliche wesentlich sind. Einig war er sich mit Klaus Lutz darin, dass Kinder und Jugendliche heute mehr Freiräume haben sollten, um eigene Erfahrungen zu machen und zu einer eigenen Identität zu finden. Andreas Weber bezieht die Freiräume auf die Auseinandersetzung mit der Natur, die für Kinder grundlegend ist. Seine These ist „Kinder sind Wildnis“, weil sie die Welt so nehmen, wie sie ist, und damit auch Erwachsenen eine andere Sichtweise auf die Welt vermitteln können. Das zweckfreie Spiel in der Natur erschließt Kindern die Natur auch als Mysterium und vermittelt Lebendigkeit, Freude und ein In-Beziehung-Sein mit der Welt. Von Bedeutung ist, sich selbst als Teil eines großen Ganzen zu erfahren und mit diesem in andauernder Beziehung zu stehen. Ebenso ist es für Kinder wichtig, in dieser Auseinandersetzung mit Natur keiner Kontrolle unterworfen zu sein und nicht beurteilt zu werden. Diese Phänomene wirken glücks- und identitätsstiftend. Daraus entwickeln sich emotionale Bindungen, die Voraussetzungen sind für ein Agieren zum Erhalt der Erde.

Soziale Medien als Werkzeug des Engagements

Junge Akteure aus den Bereichen Naturschutz und Nachhaltigkeit zeigten überzeugend, dass für sie soziale Medien Basis und Werkzeuge ihres Engagements sind. Diese stellen eine kostengünstige Möglichkeit dar, eigene Beispiele aus ihrer Arbeit und persönliche Eindrücke vor allem als Video oder Bild weiterzuverbreiten. Als aktuelle Themen, für die sie sich engagieren, nannten sie Konsumkritik, alternative Lebensstile, Weltbürgertum und Verteilungsgerechtigkeit auf der Erde. Sie betonten aber auch, dass ihre Aktionen Spaß machen müssen. Als Beispiele nannten sie die Organisation einer TT IP-Demonstration, Walderlebnisse, eine Schnippelparty mit Containerfood oder die Organisation und Durchführung einer Kleidertauschbörse.

Wie gut sich Naturerfahrung und Mediennutzung mit einem Kompetenzgewinn in beiden Bereichen verbinden lässt, zeigten Workshops und Foren auf der Tagung: Witzige Filme zum Schutz des Regenwalds, eine spannende grüne Schatzsuche, um biologische Vielfalt über das Smartphone zu erkunden oder das digitale Tagebuch einer von Jugendlichen organisierten und durchgeführten Bergwanderung – es gibt viele kreative Möglichkeiten, neue Medien auch in Verbindung mit Naturerfahrung zu nutzen.

Besonders in der internationalen Zusammenarbeit, im Austausch mit anderen Kulturen, spielen über die persönliche Begegnung hinaus Radio, Internet und soziale Medien eine entscheidende Rolle, um eine Vielfalt der Informationen zu gewähren, Lernprozesse und Beziehungen längerfristig aufrechtzuerhalten und zu nachhaltigen Ergebnissen zu kommen.

Von- und miteinander lernen

Im Gespräch mit den ReferentInnen und durch Best-Practice-Beispiele wurde klar: Bildung für nachhaltige Entwicklung bedeutet gerade im Medienbereich von- und miteinander zu lernen, um Kompetenzen zu erweitern und zu stärken. Dabei sollten echte Erfahrungs- und Freiräume in der natürlichen wie in der medialen Welt gewährt werden. Es wurde auch betont, dass Natur gegenüber Medien Kindern und Jugendlichen einen Mehrwert vermitteln kann, was Lebendigkeit, Körperlichkeit und Spiritualität anbelangt. Aber beide, Natur und digitale Medien, tragen wesentlich zur Verortung der jungen Generation in der Welt bei. Mitgenommen haben viele, dass sie das Potenzial der digitalen Medien in ihre pädagogische Arbeit einbinden können. Dies schlägt auch das Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen vor, das die Stärkung und Mobilisierung von Jugendlichen fördern möchte. Jugendliche, gerade mit ihren medialen Kompetenzen, als Change Agents zu stärken, ist ein strategisches Handlungsfeld, um zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag zu kommen und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zu fördern.

 

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