Tauchen für den Naturschutz

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ökopädNEWS
März 2015: Citizen Science
Ausgabe Nr. 258

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Blickpunkt: Citizen Science praktisch

Tauchen für den Naturschutz


Die Klarwasserseen des Norddeutschen Tieflandes sind stark gefährdet. Sporttaucher und Naturschützer können sich gemeinsam für den Schutz dieser Seen einsetzen.

Sporttaucher werden durch das Projekt „Naturschutz-Tauchen“ befähigt, beim Tauchgang eigenständig den Zustand der Unterwasservegetation eines Sees einzuschätzen und darüber zu berichten. Dadurch tragen sie zu einem besseren Monitoring der Seen bei. Außerdem werden sie durch die Auseinandersetzung mit der ökologischen Qualität ihrer Tauchgewässer für den Naturschutz sensibilisiert und werden so zu wertvollen Multiplikatoren. Naturschützer lernen, ihr Wissen an Laien weiterzugeben und sich neuen Nutzergruppen zu öffnen. Nur durch derartige strategische Allianzen kann es gelingen, die Öffentlichkeit ausreichend für den Schutz unserer Klarwasserseen zu gewinnen.


Verschiedene Blickwinkel ergeben ein vollständiges Gesamtbild
Allein in den Bundesländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gibt es über 5.000 Seen. Die meisten dieser Seen sind Klarwasserseen mit untergetauchten Grundrasen. Dieser Lebensraumtyp ist durch eine einzigartige Flora und Fauna charakterisiert. Doch der einstmals gute Zustand der Gewässer hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ursachen hierfür gibt es viele, genauso wie Lösungsansätze. Doch wie lässt sich ein Problem lösen, das oft gar nicht erst erkannt wird?
Viele Naturschützer legen ihren Fokus auf an den Seen lebende Vogel- und Amphibienarten und deren angrenzenden Habitate. Sie geben sogar den Sporttauchern die Schuld am Zustand der Seen, da Tauchen eine technische Sportart ist. Stadtverwaltungen und Verantwortliche im Tourismus achten auf eine intakte Uferzone, um die Attraktivität eines Sees für Ausflügler und Urlauber zu gewährleisten. Aber wer wirft einen genauen Blick unter die Wasseroberfläche?


Nutzen für alle: Taucher, Umweltschützer, Natur
Die Naturschützer im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land haben sich von den Sporttauchern die Unterwasserwelt zeigen lassen. Im Jahr 2006 bot der Tauchclub Nehmitzsee e.V. (TCN) dem NABU und der Naturparkverwaltung Stechlin-Ruppiner Land seine Mithilfe beim Schutz der gefährdeten Klarwasserseen an. Die gemeinsam entwickelte Idee, Sporttaucher nach botanischer Schulung fit zu machen, den Erhaltungszustand von Klarwasserseen anhand ihrer Unterwasserpflanzen einzuschätzen, eröffnete beiden Seiten neue Möglichkeiten. Was für die beteiligten Sporttaucher die Aussicht war, in Seen, in denen das Tauchen durch die Naturschutzgebietsverordnung verboten ist, in reglementiertem Rahmen wieder tauchen zu dürfen, war für die Naturschützer die Aussicht, endlich aktuelle Aussagen zu bekommen, warum es vielen Seen in Schutzgebieten zunehmend schlechter geht.  Nach anderthalb Jahren der Vorbereitung, Beantragung von Genehmigungen und Schulungen ging es 2008 mit den ersten Tauchgängen los. Sieben Jahre und viele Tauchgänge später steht nun fest – die so entstandenen Daten zum Zustand der untersuchten Seen sind belast-, vergleich- und nutzbar für den Schutz von Seen. Die Taucher, haben sich zwar im Laufe der Zeit zu regelrechten „Pflanzenexperten“ entwickelt, dennoch kommt es vor, dass eine Art nicht eindeutig unter Wasser bestimmt werden kann. Hier werden Proben mitgenommen, die im Anschluss gemeinsam nachbestimmt werden. Da Pflanzen, sowohl an Land als auch im Wasser, sehr gute Bioindikatoren sind, können die Naturschützer anhand der gesammelten Daten über die Vegetation frühzeitig Veränderungen in den Gewässern feststellen. Durch die Datenaufnahme über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg können Veränderungen von natürlichen Schwankungen unterschieden werden. Diese Daten können für gezielte Maßnahmen im Gewässermanagement genutzt werden.


Vielfalt der Akteure erhält biologische Vielfalt
Mitmachen kann jeder, der sich für die heimische Unterwasserwelt begeistert. Das Projekt lebt von der Vielfalt der Akteure. Die einzige Voraussetzung ist die Bereitschaft, offen aufeinander zuzugehen. Je weiter das Projekt in Deutschland gestreut werden kann, desto mehr Seen können regelmäßig untersucht werden. Haben die Taucher erst einmal die Vielfalt ihrer eigenen Seen kennengelernt und die Naturschützer die ersten Daten in der Hand, haben beide ein Interesse daran, die Entwicklung des Gewässers auch in den Folgejahren zu begleiten. Vor Lernstress und angestrengtem Büffeln braucht hier keiner Angst zu haben. Die wichtigsten Arten der typischen Unterwasserpflanzen sind recht schnell gelernt. Und wer noch nicht den Anspruch hat, alle Pflanzen auf die Art genau zu bestimmen, der kann sich auch erst einmal auf die Pflanzenfamilien beschränken.  Denn trotz der guten Absicht, steht vor allem der Spaß im Vordergrund und das Ziel: Gemeinsam für klare Seen!

Janine Jachtner, Projektmanagement „Tauchen für den Naturschutz“
Silke Oldorff, Projektkoordinatorin „Tauchen für den Naturschutz

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