Wilde Vielfalt

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August/September 2014: Naturbewusstseinsstudie 2013
Ausgabe Nr. 253

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Titelthema: Naturbewusstseinsstudie 2013

Wilde Vielfalt


Die dritte bundesweite Befragung zum Naturbewusstsein in Deutschland beinhaltet aktuelle Hintergrundinformationen zu den Zielgruppen von UmweltpädagogInnen und BNE-Aktiven. Zu den zentralen Themen Wildnis, Konsum, Naturschutz und Biologische Vielfalt liefert die Studie eine fundierte Analyse des Naturbewusstseins in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus und bietet Arbeitsanregungen nicht nur für PädagogInnen

„Man kann die Zukunft nur bewusst gestalten, wenn man die Gegenwart kennt! Deshalb brauchen wir [...] eine verlässliche Einschätzung darüber, was die Menschen über den momentanen Zustand der Natur wissen und welche Einstellungen sie zu bestimmten Naturschutzthemen haben“, so Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.
Die repräsentative Bevölkerungsumfrage des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz gliedert sich in vier Kapitel:

-       Wildnis – die Suche des Menschen nach unberührter Natur

-       Mensch und Natur – Naturgefährdung, Naturnutzung und Naturschutz

-       Kultur – das Leben des Menschen mit der Natur nachhaltig gestalten

-       Erhaltung der biologischen Vielfalt als gesellschaftliche Aufgabe

Die Studie liefert  außerdem Informationen zur Einstellung der Bevölkerung zu Nationalparks in Deutschland, zur Energiewende und zu naturverträglichem Konsum.

Wildnis kommt an
Zwei Drittel der Befragten sind überzeugt, dass es Wildnis nicht nur in Afrika und Südamerika, sondern auch in Deutschland gibt. Trotzdem ist Wildnis für die Meisten ein Raum weit weg von Menschen und Zivilisation, nur 6 Prozent sehen sie als Ort für Erholung und Entspannung. Zwar wünschen sich 40 Prozent mehr Wildnis in Deutschland, aber bitte zu 80 Prozent in den Wäldern. Dabei ist die Idee der wilden Natur durchwegs positiv besetzt; Wildnisgebiete werden als wichtige Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen gesehen, in denen Besucher viel über die ursprüngliche Natur in Deutschland lernen können. 79 Prozent sprechen sich für irgendeine Form des Zugangs zu diesen Gebieten aus, entweder auf markierten Wegen oder unter fachkundiger Führung. Der Wildnis-Begriff lässt sich daher gut für Werbung und Kommunikation in der Umweltbildung und BNE nutzen. Denn die Wildniserfahrung muss sich dabei nicht auf Exkursionen in spektakuläre Schutzgebiete beschränken,  als Gegenpol zur technisierten Welt können auch Wildnis-Inseln mitten in der Großstadt kreativ für Bildungsangebote genutzt werden.  

Naturnutzung und Naturgefährdung
Grundsätzlich schätzen die Deutschen die Natur in ihrer Vielfalt als wichtigen Teil eines guten Lebens. Daher ärgert sich ein Großteil über sorglosen Umgang mit der Natur und hegt die Befürchtung, dass es für die kommenden Generationen kaum noch intakte Naturräume geben wird. Die Mehrheit ist der Auffassung, dass Naturschutz eine wichtige politische Aufgabe ist und Natur nur nachhaltig genutzt  werden sollte. Im Widerspruch dazu sieht sich knapp die Hälfte der Befragten persönlich nicht von der Naturzerstörung gefährdet und nur 18 Prozent fühlen sich persönlich dafür verantwortlich, die Natur zu erhalten.  Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, in der Bildungsarbeit die positiven Wirkungen von Natur, die in Begriffen wie „gutes Leben“, „Gesundheit“ und „Erholung“ zum Ausdruck kommen, in der Kommunikation herauszustellen. Sozial schwächer gestellte Bevölkerungsschichten können speziell mit der kostenlosen positiven Wirkung von Natur erreicht werden. Für alle sozialen Milieus können Bildungsangebote entwickelt werden, die  eigene Handlungsoptionen zum Schutz der Natur begreifbar machen und die BürgerInnen ermuntern, Eigenverantwortung zu übernehmen.

 Naturverträgliches Alltagshandeln
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Hälfte der BürgerInnen nur wenig über die Auswirkungen ihres Konsums auf die Natur weiß, auch wenn sie sich ihrer Einflussmöglichkeit durch naturverträglichen Konsum bewusst ist. Dieses Wissensdefizit zu beheben kann ein guter Ansatzpunkt der Bildung für nachhaltige Entwicklung sein. Rund die Hälfte der Befragten scheut außerdem den Mehraufwand: naturverträgliche Produkte gelten als überteuert, zeitaufwändig zu beschaffen und situativ oft nicht realisierbar. Hier könnte die Nachhaltigkeitsbildung mit Einkaufstouren durch das direkte Lebensumfeld der KonsumentInnen Hilfestellung leisten. Dabei können sowohl der globale und regionale als auch der ganz persönliche Nutzenaspekt des naturverträglichen Konsums deutlich gemacht werden. Nützlich wäre an dieser Stelle auch Unterstützung bei der Entscheidung für das naturfreundlichste Produkt – regional oder doch lieber Bio-zertifiziert? Fleisch aus Freilandhaltung oder doch lieber Tofu? In diesem Diskurs stellen die Fragen des guten Lebens, des Konsumniveaus und der Suffizienz von Lebensstilen auch die MultiplikatorInnen vor große Herausforderungen.

 Biologische Vielfalt bewahren
Auch wenn unter den Deutschen Einigkeit herrscht, dass die biologische Vielfalt für die nächsten Generationen erhalten werden soll, können nur knapp 40 Prozent erklären, was biologische Vielfalt eigentlich ist. An diesem Punkt sollte die Bildungsarbeit also sinnigerweise ansetzen und dann passend zu den Bedürfnissen der einzelnen Bevölkerungsschichten die persönlichen Vorteile für den Einzelnen betonen. Für die gehobenen Milieus hießt das: Lebensqualität durch biologische Vielfalt, Gesundheit und Fitness durch den Konsum von Bio-Produkten oder die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Geeignete Partner können Kunst- und Kulturverbände sein. Bürger in niedrigerer sozialer Lage interessieren sich mehr für persönliche Entlastungen. Um gerade die Kinder dieses Bevölkerungssegments zu erreichen, bietet sich die Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen an. Strategische Partner für die Bildung im traditionellen Segment sind Glaubenseinrichtungen und vor Ort tätige Vereine. Deren Mitglieder sind offener für eine Argumentation im Stile von „Heimat“, „Schützen“, „Bewahren“. Den sogenannten postmodernen Personenkreis, also hauptsächlich jüngere BürgerInnen mit überdurchschnittlicher Bildung, erreicht man über moderne Werbekanäle wie youtube, apps und social media, wenn man den Kommunikationsschwerpunkt auf Erlebnisse, Abenteuer und Veränderung legt.
Die Studie sieht gerade die Bildung für nachhaltige Entwicklung als geeignetes Instrument, um die Gestaltungskompetenz im Umgang mit widersprüchlichen  Zielsetzungen zu erlernen. Sei es bei der Energiewende der Konflikt zwischen nachhaltiger Energiegewinnung und der befürchteten Verschandelung der Landschaft oder bei dem alltäglichen Kampf der Bequemlichkeit beim Einkauf gegen den Wunsch, nachhaltige Produkte zu erwerben.
Der Abschlussbericht zur Studie samt vertiefenden Analysen für die Kommunikation wird im Herbst 2014 vorliegen.

 

Lisa Hübner
ANU Bundesverband

www.bfn.de/0309_naturbewusstsein.html

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