Wildnis mitten in der Stadt

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ökopädNEWS
August/September 2014: Naturbewusstseinsstudie 2013
Ausgabe Nr. 253

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Blickpunkt II:Wildnis mitten in der Stadt

Wildnis mitten in der Stadt


Rund drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands wohnt in Städten. Folglich nimmt die Mehrheit der Menschen Natur aus einer städtischen Perspektive wahr und lernt Natur vorwiegend in urbanen Grünflächen kennen und schätzen. Doch Stadtgrün wird in aller Regel von Menschen nach deren Maßstäben und Vorstellungen angelegt und gepflegt und hat meist nur wenig mit natürlicher Entwicklung zu tun. Natur mit Wildnis-Charakter mitten in Städten verfügbar zu machen kann urban geprägten Menschen Natur in allen ihren Facetten erlebbar machen und ihnen eine Vorstellung von natürlichen Prozessen und Wildnis vermitteln.

Wie wild kann Stadtnatur sein?

An vielen Stellen lässt sich Stadtnatur – eventuell auch nur in Teilbereichen – naturnäher und damit „wilder“ gestalten, beispielsweise als ungemähte Wiesenbereiche in Parks oder als Sukzessionsflächen, die ganz aus der Pflege genommen werden. Besondere Bedeutung haben innerstädtische Wälder, Gewässer und Brachen. Nutzungsfreie Flächen im Wald oder Uferabschnitte mit ungelenkter Naturentwicklung können wertvolle Strukturen mit hohem Artenreichtum ausbilden. Auch gibt es in praktisch jeder Stadt Brachflächen, auf denen sich die Natur mehr oder weniger unbemerkt „wild“ entwickelt: Alte Zechengelände im Ruhrgebiet beispielsweise bieten bereits nach wenigen Jahren faszinierende Mischungen aus alter Industriekultur und neuer Natur. Stillgelegte Gleisanlagen bilden schon nach kürzester Zeit erste Pionierstrukturen aus. Manchmal werden solche Orte erst Jahre später richtig wahrgenommen, wie etwa das Schöneberger Südgelände in Berlin: Der ehemalige Güterbahnhof lag auf Grund der schwierigen Besitzverhältnisse im geteilten Berlin jahrzehntelang brach. Bis zur Wende hatten sich hier Strukturen entwickelt, die durchaus einer Wildnis nahe kommen, wenn auch nicht mit einer gebietstypischen Artenzusammensetzung. Inmitten dieser Stadtwildnis begegnen die BesucherInnen immer wieder der Industriegeschichte des Ortes, was ein ganz besonderes Flair entstehen lässt: Gleise wurden im Boden belassen und eine Dampflok steht mitten im Wald. Auch Kunstobjekte locken BesucherInnen an  und fördern die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Potential für die Umweltbildung

Wilde Stadtnatur unterscheidet sich meist grundsätzlich von ihrem natürlichen Pendant in der freien Landschaft. Wie im Schöneberger Südgelände dominieren oft Pionier- und zugewanderte Pflanzen wie Birken und Robinien. Wildnisentwicklungsgebiete, wie in den Kernzonen von Nationalparks, unterliegen starken Einschränkungen hinsichtlich Nutzung und Betretung. Im Gegensatz dazu weist wilde Stadtnatur aber einige zentrale Vorteile auf: Anstatt weitab der urbanen Räume ist wilde Stadtnatur genau dort zu finden, wo viele Menschen wohnen und arbeiten. Ohne teure Anreise können am eigenen Wohnort natürliche Prozesse und Wildnis-ähnliche Strukturen intensiv erfahren werden ohne dabei sensible heimische Ökosysteme zu stören.
Verwildernde Stadtnatur, auch wenn diese oft nur kleinräumig ist, bietet also ganz neue Möglichkeiten für Umweltbildung und Naturerfahrung. Deren Existenz ist der erste und wichtigste Schritt, um Wildnis für Stadtmenschen erlebbar zu machen. Sie verdienen daher besondere Aufmerksamkeit als Naturerfahrungsräume und „wilde“ Lernorte für Umweltbildung und wildnispädagogische Angebote.

DUH-Projekt „Wildnis in der Stadt“

Wilde Natur ist bereits in städtischen Gebieten vorhanden, oft unbemerkt, oft aber auch von der Bevölkerung wegen vermeintlicher „Verwilderung“ abgelehnt. Es gilt also wilde Natur als integralen Bestandteil des städtischen Grüns zu etablieren und gleichzeitig die Akzeptanz und Wertschätzung in der Bevölkerung zu sichern. Diesen beiden Herausforderungen widmet sich das im Juni 2014 gestartete Projekt „Wildnis in der Stadt“ der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Zentraler Bestandteil des DBU-geförderten Projekts ist die Erarbeitung geeigneter Managementkonzepte, vor allem aber die Entwicklung tragfähiger Kommunikationskonzepte für urbane Wildnis in den vier Beispielstädten Arnsberg, Berlin, Gelsenkirchen und Leipzig. Hierzu gehört zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit genauso wie Angebote der informellen Umweltbildung, die gezielt auf die urbanen Wildnisflächen zurückgreifen. Innovative Ansätze und bewährte Konzepte werden im Verlauf des Projekts der Öffentlichkeit vorgestellt.

Silke Wissel, Deutsche Umwelthilfe e.V.

www.duh.de/stadtwildnis.html

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