Tagung „Naturschutz – ein aktuelles Themen- und Aktionsfeld der rechtsradikalen Szene“

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Mai 2014: Rechtsextremismus
Ausgabe Nr. 250

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Titelthema: Braune Grüne

Tagung „Naturschutz – ein aktuelles Themen- und Aktionsfeld der rechtsradikalen Szene“


Braune Grüne

Wo sind die Schnittstellen zwischen Fremdenfeindlichkeit, antidemokratischen Einstellungen und ökologischem Bewusstsein? Mit welchen Strategien wird der Umweltschutz in einem rechtsradikalen Weltbild instrumentalisiert? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Tagung „Naturschutz – ein aktuelles Themen- und Aktionsfeld der rechtsradikalen Szene“.

In Vorträgen und Workshops widmeten sich rund 50 TeilnehmerInnen dem Thema in seiner ganzen Bandbreite. Die Tagung, die im November 2013 in der Internationalen Naturschutzakademie der Insel Vilm stattfand, wird im Juni fortgesetzt.
Wer sich von rechtem Gedankengut distanzieren will, braucht als Handwerkszeug zunächst eine differenzierte Begriffswahl. Reinhard Piechoki vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) auf Vilm betonte, dass gerade im naturwissenschaftlichen Kontext eine wertfreie Sprache unabdingbar sei, um eine sachliche Diskussion zu ermöglichen.


Historie
Der deutsche Bauer auf eigener Scholle galt Nationalisten zur Zeit der Industrialisierung als idealer Gegenentwurf zum kritisierten modernen Bürgertum. Dass der in diesen Kreisen entstandene Heimatschutzgedanke nicht nur demokratische Formen kannte, erklärte Hans Werner Frohn von der Stiftung Naturschutzgeschichte in Königswinter.
Mit dem Reichsnaturschutzgesetz von 1935 wurde der Naturschutz politisches Thema. Zeitgleich entwickelten sich völkische Siedlungsprojekte des Bund Artam, wie Hartmut Gutsche vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Stralsund in seinem Workshop skizzierte. Seit den Neunzigerjahren gebe es erneut Siedlungsprojekte, die sich mit Biobauern und Handwerkern zu regelrechten Ökosiedlungen ausgeweitet hätten. Die rechte Gesinnung der sogenannten Neoartamanen bleibe oft lange unerkannt. Wenn Kinder jedoch von Pommern statt Vorpommern sprächen, die Eltern zu Brauchtumsfeiern einlüden oder den „Multikultiwahn“ beklagten, zeige sich ihr rechtes Weltbild.
Dass Rechtsextremismus aus weit mehr als Parteien wie der NPD, der Rechten oder Pro NRW besteht, weiß Politologin Gudrun Heinrich von der Universität Rostock. Unter dieser „Spitze des Eisberges“ verstecke sich eine große Bandbreite an Möglichkeiten, rechte Gesinnung zu leben. Sei es in freien Kameradschaften, bei Konzerten rechtsextremistischer Bands oder durch das Tragen entsprechender Kleidung. Frau Heinrich stellte weiter klar, dass die Besetzung des Umweltthemas durch die Rechten nicht aus populistischen Gründen, sondern aus einer langen Tradition heraus geschehe.


Mythos Germania
Die Argumentation beruht auf einem Weltbild, als dessen Grundlage Kommunikationswissenschaftler Nils Franke aus Leipzig den „Mythos Germania“ nennt. Die raue Wildnis Urgermaniens erforderte Stärke und Robustheit. Eigenschaften, die von den Rechten zu deutschen, vererbbaren Charakteristika stilisiert werden. Überfremdung ist somit ihre größte Bedrohung, sei es bei der angeblich durch amerikanische Konzerne bedrohten Nutzpflanzenvielfalt, oder durch Migration, die zu Überbevölkerung und dem „deutschen Volkstod“ führe.
Ergänzend stellte Christine Decker von der Heinrich-Böll-Stiftung Rostock dar, wie sich der Tierschutz in diese Denkmuster einfügt. Rechte AktivistInnen nähmen beispielsweise die religiöse Praxis des Schächtens als Ansatzpunkt für Antisemitismus und Antiislamismus.


Medien
In rechten Medien, wie der von Sozialwissenschaftler Andreas Speit aus Hamburg präsentierten Zeitschrift „Umwelt&Aktiv“, wird die Vielschichtigkeit der ideologischen Propaganda besonders deutlich. Unter dem Deckmäntelchen von ganzheitlichem Denken, Umwelt-,Tier- und Heimatschutz wirbt der herausgebende Verband Midgard e.V. für rechtes Gedankengut. Zwischen Artikeln über Preisdumping bei Großkonzernen und die Bedrohung durch Genhonig findet sich sorgfältig verpackt viel rechtes Gedankengut.
Wer sich gezielt davon distanzieren möchte, sollte besonders bei den Argumentationen der Akteure aufmerksam sein. Gerade Bürgerinitiativen und Verbände bieten Gelegenheiten für Rechte, ihre Ideen nach und nach zu verbreiten. Beim Einkauf zeigenVerbände wie Bioland oder der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft politisch korrekte Ware: Sie haben sich vom menschenverachtenden rechten Weltbild distanziert und schließen rechtsextreme Bauern aus.
Die Tagung bot über das Programm hinaus eine Plattform für Austausch und Vernetzung der Akteure aus Naturschutz und Beratungsinstitutionen. Die Folgetagung findet im Juni 2014 statt.


Ann-Kathrin Hoffmann,
Bildungszentrum für Natur, Umwelt und
ländliche Räume des Landes
Schleswig-Holstein
www.bnur.schleswig-holstein.de

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