Neue Wertediskussion: Zeitwohlstand

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Dezember 2013/Januar 2014: Zeit
Ausgabe Nr. 246

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Titelthema: Zeit

Neue Wertediskussion: Zeitwohlstand


<div class="section">Was bedeutet Kapital in einer Gesellschaft, in der Menschen einen noch nie da gewesenen materiellen Lebensstandard erreicht haben? Unter der Überschrift Zeitwohlstand verschmilzt die persönliche Frage nach einem guten Leben mit der gesellschaftlichen Debatte über den Reichtumsbegriff. Bildungsarbeit kann hierfür wichtige Grundsteine legen.


Bei „Zeitwohlstand“ denkt man vielleicht zunächst einmal an Urlaub. Aber Urlaub wovon? Vom Alltag? Von der Arbeit? Vom Stress? Bestimmt. Aber Zeitwohlstand ist kein unendlicher Urlaub, denn trotz all dem Bedürfnis nach Entspannung bleibt den meisten der Wunsch, auch etwas  zu schaffen, „produktiv zu sein“.


Wohlstand neu denken
Neben dieser persönlichen Ebene hat das Nachdenken über Wohlstand auch immer eine gesellschaftliche Dimension. Wie wollen wir zusammen leben? An welchen Prinzipien richten wir unsere Gesellschaft aus? Ist es das oberste Ziel, den Wohlstand zu mehren? Bei näherem Hinsehen wird schnell deutlich: Wohlstand kann heutzutage weniger denn je mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt werden. Der Verlust biologischer Vielfalt und der Klimawandel sind akute Probleme, die ein Umdenken geradezu erzwingen. Aber auch die wachsende Schere zwischen Arm und Reich in Europa sowie die permanente Armutskrise in verschiedenen Regionen unserer Welt zeigen deutlich, dass die bisherige Formel vom „Wohlstand durch Wirtschaftswachstum“ nicht aufgeht.
Also muss Wohlstand neu definiert werden. Aber wie? Ein Bereich, der Persönliches und Gesellschaftliches im Alltag zusammenbringt, ist die Arbeit. Da ist die Erwerbsarbeit, um Geld zu verdienen. Manche, vor allem Frauen arbeiten in Teilzeit, die Mehrheit aber arbeitet in Vollzeit 40 Stunden pro Woche. Wer die Karriereleiter hochklettern möchte, leistet öfters auch 50 oder 60 Stunden ab. Das Ziel der Erwerbsarbeit ist klar vorgegeben: Der Wohlstand soll gemehrt werden. Das funktioniert durch einen Tausch: Arbeitskraft gegen Geld beziehungsweise Zeit gegen Geld. Dieser Tausch hat es in sich. Auf persönlicher Ebene bedeutet er ein Abwägen zwischen zwei Freiheiten: Geld gibt die Freiheit, begehrte Dinge zu kaufen. Dinge, die das Leben womöglich angenehmer machen.


Zeit als grundlegende Ressource
Allerdings ist Zeit die grundlegende Ressource, um Dinge auch tatsächlich zu konsumieren. Wer viel Geld für die Werke Beethovens bezahlt, braucht immer noch Zeit, um sie anzuhören. Zeit ist ein wichtiges Kapital, um das Leben „tätig zu genießen“, wie Frigga Haug, Sozialpsychologin und Vorsitzende des Berliner Instituts für kritische Theorie, betont. Ob tanzen, handwerken oder schwimmen – Selbstverwirklichung, das „Möglich Machen“ vorhandener Entwicklungspotenziale verlangt Zeit und Energie. Und dabei sind die notwendigsten aller Arbeiten noch gar nicht erledigt. Reproduktionsarbeiten, also die Arbeiten, die die Notwendigkeiten des Lebens umfassen und meistens von Frauen verrichtet werden, prägen den Alltag entscheidend mit: Kochen, putzen, Wäsche waschen, Kinder erziehen – auch diese grundlegenden Tätigkeiten brauchen Zeit.


Zeit, die Gesellschaft zu gestalten
Auch gesellschaftliche Prozesse sind zeitintensiv. Dazu gehört insbesondere die Beschäftigung mit Politik. Eine Demokratie verfolgt den Anspruch, dass Gesellschaft zu gestalten kein arbeitsteiliges Unternehmen sein soll, in dem die wenigen Politik machen, während die vielen deren Folgen ausbaden. In einer Demokratie sollten alle ihre Lebenswelt mitprägen. Nur dadurch wird die öffentliche Ordnung wirklich zur selbst gewählten Ordnung. Die Menschen bestimmen selbst, was verboten wird und was erlaubt ist. Sie sind es, die die gesellschaftlichen Ziele festsetzen können und sollten. Doch dazu braucht es unter anderem Zeit.
Zeit für Veränderung
Zeitwohlstand resultiert aus der Suche nach einer ausgewogenen Balance: Zeit für Selbstverwirklichung, für politische Arbeit, für Reproduktions- und Erwerbsarbeit – Frigga Haug nennt das „die Vier-in-Einem-Perspektive“. Mit dem Fokus auf Wirtschaftswachstum als Wohlstandsindikator wird die Erwerbsarbeit in das Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt. Da die anderen Arbeiten meist nicht durch das Bruttoinlandsprodukt erfasst werden, gelten sie oft als minderwertig – insbesondere die Reproduktionsarbeit. Dabei tragen sie wesentlich zum guten Leben bei. Die Möglichkeit der Selbstverwirklichung und der politischen Teilhabe sind sogar eine der Voraussetzungen für ein gutes Leben.
    Der einseitige Fokus auf das vermeintliche gesellschaftliche Ziel Wirtschaftswachstum hat die ungetrübte Sicht auf Wohlstand lange genug verklärt. Die Zeit ist reif für Veränderung. „Selbst denken“ ist ein Anfang, wie Harald Welzer, Sozialpsychologe und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei, betont. „Aktiv werden“ ein nächster Schritt. Bildungsarbeit kann hierfür wichtige Grundsteine legen.

Felix Wittmann,
Mitarbeiter im Projekt Zeitwohlstand beim Konzeptwerk Neue Ökonomie

www.zeitwohlstand.info
www.vier-in-einem.de
www.knoe.org

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