Selbermachen statt konsumieren. Aus der Mitte der Gesellschaft kommen nachhaltige und ökologische Alternativen.

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ökopädNEWS
August/September 2013: Transformation von unten
Ausgabe Nr. 243

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BLICKPUNKT:Selbermachen statt konsumieren

Selbermachen statt konsumieren. Aus der Mitte der Gesellschaft kommen nachhaltige und ökologische Alternativen.


Die Nachhaltigkeitsdebatte dreht sich oft um große volkswirtschaftliche Fragen. Beispielsweise: Wo liegen die Grenzen des Wachstums? Oder: Wie lässt sich Wachstum „grüner“ gestalten? Noch weitgehend unbemerkt werden Alternativen zum konsumorientierten Wirtschaftsmodell „im Privaten“ bereits praktisch ausprobiert.

„Die Dinge selber in die Hand nehmen“ – so könnte die Maxime lauten, die so unterschiedliche Initiativen wie das „Kartoffelkombinat“ (Münchener Initiative einer Community Supported Agriculture), die „workstation“ (Berliner Ideenwerkstatt für Recycling und mehr), Offene Werkstätten – wie die Open Design City in Berlin oder das FabLab in Hamburg – sowie diverse neue urbane Gemeinschaftsgärten verbindet.

 

Eigenarbeit als Grundrecht

Unbehagen gegenüber Massenware, Fremdbestimmung und Kommerzialisierung breitet sich zunehmend aus. Es ist beunruhigend, dass immer mehr Menschen nicht mehr wissen, wie die Dinge des alltäglichen Lebens eigentlich hergestellt werden, und wie man sie zur Not auch selber herstellen könnte. Viele Menschen wollen nicht mehr hinnehmen, dass international agierende Unternehmen weitestgehend bestimmen, was wir essen, wie wir uns kleiden und wo wir unser Geld anlegen. Das Gebot „neukaufen statt reparieren“ erleben viele zunehmend als Verweigerung des elementaren Zugangsrechts zur Eigenarbeit. Die Reduzierung auf den Konsumentenstatus empfinden sie als Zumutung. Sie wollen sich auch nicht mehr an der Ressourcenverschwendung beteiligen oder sich mit vorgefertigten Produkten zufriedengeben. Stattdessen wollen sich viele wieder in regionalen Bezügen verorten und nicht länger bloße Profiteure der internationalen Arbeitsteilung sein.

 

Community statt Eigennutz

Waren die „traditionellen“ Selbermacher auf die eigene Haushaltsökonomie ausgerichtet, verorten sich die „neuen“ Eigenarbeiter in kommunalen oder durch das Internet begründeten Communitys. Sie beziehen sich explizit auf das städtische Gemeinwesen und lokale Zusammenhänge. Kooperation, Teilen (von Wissen) und Solidarität gehören zum Selbstverständnis und Ethos der Szene. Bevorzugt wird auf die Ideen von Open Source und Allmende Bezug genommen. Unterschwellig geht es auch um eine andere Ökonomie, die vor Ort beeinflusst werden kann. Kooperative ökonomische Selbsthilfe ist das Gebot der Stunde. Das bedeutet, sich vom Markt unabhängig zu machen, die Dinge wieder selber zu durchschauen und dadurch handlungsfähiger zu werden. Dazu gehört, sich auch Produktionsmittel wieder kollektiv anzueignen, Infrastrukturen zu schaffen (wie eben eine Nähwerkstatt, einen Gemeinschaftsgarten) und Fähigkeiten zu erwerben (wie Saatgutproduktion, Programmieren, Stricken), um weniger von entsprechenden Expertinnen und Experten abhängig zu sein. Selbstorganisation, Austausch und Vernetzung sind für solche „neuen Werkstätten“ von zentraler Bedeutung. Immer geht es auch darum, Unabhängigkeit und Einflussnahme auf die eigenen Lebensbedingungen wie auch auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ermöglichen. Meist haben die ProtagonistInnen zudem eine eigene Vorstellung von Stadtentwicklung bzw. eine Idee davon, wie sie zusammen mit anderen in der Stadt leben wollen. Demokratisierung ist dabei ebenso ein Stichwort wie Ernährungssicherheit, Partizipation oder Lebensqualität, die sich nicht auf den Konsum von Gütern beschränkt.

 

Nachhaltig ökologische Antworten auf gesellschaftliche Fragen

Hier entstehen inmitten einer hochgradig individualisierten, an Selbstentfaltungswerten orientierten Gesellschaft gemeinschaftsbezogene soziale Netzwerke und eine Verantwortung für die lokalen und globalen Allmenden sowie neue institutionelle Möglichkeiten für soziales Engagement.

Man kann das folgendermaßen interpretieren: Klimawandel und die Endlichkeit der fossilen Brennstoffe lassen viele Menschen nach neuen Antworten suchen. Hier erscheint möglicherweise eine neue Ökologiebewegung auf der politischen Tagesordnung, die sich zwar selbst nicht als solche bezeichnet, die aber die natürlichen Lebensgrundlagen und den Umgang damit thematisiert und politisiert. Die neuen Aktionsformen, Ethiken, Gemeinschaftsstrukturen können versuchsweise mit den Begriffen postindustriell, postmodern, postbürgerlich, postfossil umschrieben werden.

 

Andrea Baier

ist Soziologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis und Mitautorin des gerade erschienenen Buchs: Andrea Baier/Christa Müller/Karin Werner: Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do It Yourself, transcript Verlag 2013

 

www.anstiftung-ertomis.de

 

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