Bildung mit Handicap. Keine Opfer eines tragischen Schicksals

Ausgabe direkt auswählen:

Suchen in allen Ausgaben:

ökopädNEWS
Mai 2013: BNE mit Handicap
Ausgabe Nr. 240

Inhaltsverzeichnis | nächster Artikel

Titelthema

Bildung mit Handicap. Keine Opfer eines tragischen Schicksals


Darf man „behindert“ sagen? Wie gebe ich zur Begrüßung jemandem die Hand, der keine hat? Die Arbeit mit und für Menschen mit Behinderungen scheint mit Fettnäpfchen gepflastert. Der Bereich Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung bietet viele Möglichkeiten zur Kooperation – Leidmedien.de hilft mit Begrifflichkeiten und praktischen Tipps.

Es klingt ganz einfach: Eine Gesellschaft wird von Menschen geprägt, die in ihr leben. Im Sinne der Inklusion soll jeder Mensch die Möglichkeit erhalten, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter. Seit 2009 gelten hierfür auch in Deutschland die Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Um Denken und Handeln aber langfristig zu verändern, muss jedem bewusst werden, warum Inklusion für das gesellschaftliche Miteinander wichtig ist.

Hierzu wollen die MitarbeiterInnen von „Leidmedien.de“, einem Projekt des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung und der Aktion Mensch beitragen. Die Seite bietet neue Ideen, Hintergrundinformationen, atypische Blickwinkel und ungewöhnliche Anknüpfungspunkte für alle, die sich für Menschen mit Behinderung interessieren. Ziel ist es, das in der Gesellschaft transportierte Bild von Behinderten positiv zu wandeln: Behinderte sind eben keine Opfer eines tragischen Schicksals. Im Interview mit ökopädNEWS hat Lilian Masuhr, Redakteurin und Projektleiterin von Leidmedien.de, einige Fragen zu Inklusion und Bildung beantwortet:

Frau Masuhr, darf man denn „behindert“ überhaupt noch sagen?

Behinderter Mensch oder Mensch mit Behinderung – beide Varianten unterstreichen, dass eine Behinderung nicht den ganzen Menschen ausmacht. „Behinderter Mensch“ zeigt zudem, dass oft die Umwelt eine Person mehr behindert, als das eigentliche Handicap. Auf Leidmedien.de haben wir ein ganzes Lexikon an Begriffen zusammengestellt – auch für PädagogInnen eine sehr interessante Lektüre. Zum Beispiel auch zur Frage „Wie begrüße ich jemanden, der keine Hände hat?“ Strecken Sie einfach trotzdem die Hand zur Begrüßung aus – ihr Gegenüber wird Ihnen dann schon die Alternative zeigen. Ansonsten gilt: Fragen Sie den behinderten Menschen, wenn Sie unsicher sind.

Warum ist Bildung im Bereich Inklusion überhaupt so notwendig?

Im Grunde gibt es zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen kaum Berührungspunkte im Alltag. Nur Wenige haben behinderte Menschen im Kollegen- und Freundeskreis, im gleichen Sportverein oder in der Schule. Auch in Filmen kommen sie selten vor. Also bleiben die Medien als Vermittler zwischen zwei Welten. Dabei ist die Berichterstattung über behinderte Menschen aber leider oft problembeladen und zeichnet ein bemitleidenswertes Bild. Das falsche und einseitige Bild beeinflusst dann den Umgang oder eben den Nicht-Umgang miteinander und schafft neue Realitäten.

Wie sähe denn eine inklusive Gesellschaft aus?

Jeder Mensch könnte selbstbestimmt an allen Teilen des Lebens teilhaben, an denen er teilhaben möchte. Dazu gehören Alltagssituationen: Rollstuhlfahrer sollten nicht über die Treppe ins Café getragen werden müssen, sondern über eine Rampe fahren können. Es sollte selbstverständlich sein, dass in Betrieben auch Menschen mit Behinderung eingestellt werden. Der wichtigste Punkt ist aber, dass sich das Bild in den Köpfen ändert und den Menschen klar wird, dass von einer solchen inklusiven Gesellschaft alle profitieren. Dass behinderte Menschen nicht als wandelnde Belastung gesehen werden, sondern als normale Bürger, von denen die Gesamtgesellschaft und der Einzelne Positives erwarten kann.

Kann Bildung zu einer langfristigen Verbesserung der Situation beitragen?

Auf jeden Fall. Je früher, desto besser. Kinder haben noch einen relativ unverkrampften Umgang mit dem Thema, den man ihnen aber in der schulischen oder außerschulischen Bildung bewusst erhalten muss, damit sie als Erwachsene einen Menschen mit individuellen Stärken und Schwächen sehen und nicht nur eine Behinderung. Wir gehen zum Beispiel mit unserem Projekt „wheelmap.org – eine Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte“ in Schulen und schaffen damit eine Sensibilisierung für die Thematik. Aber auch Erwachsene sind oft unsicher, was denn nun der „richtige“ Umgang ist. Auf Leidmedien.de haben wir darum unter „Journalistische Tipps“ viele oft ganz praktische Hinweise für den Umgang mit behinderten Menschen zusammengefasst.Es gibt Unmengen von Zusammenhängen und Ansatzpunkten. Architekturstudenten, zum Beispiel. Wenn sie gleich in der Ausbildung mitbekommen würden, dass es Menschen mit Gehbehinderungen gibt, müssten wir nicht nachher für die Anbringung von Rampen kämpfen.

Diese Informationen sind exklusiv für Journalisten?

Nein, die Informationen sind erst mal für alle Interessierten, dann für Multiplikatoren wie Medienmacher, Blogger, Fotografen und natürlich für Menschen mit Behinderung selbst, die ja sowohl die Internetseite als auch die facebook-Seite mit betreuen. Wir arbeiten ja auch in einem sehr regen Austausch mit unseren Lesern, fragen immer wieder nach, verbessern und entwickeln weiter.

Kommt daher auch Ihr sehr humorvoller Umgang mit dem Thema?

Ja, wahrscheinlich. Mit erhobenem Zeigefinger kommt man auch nicht weiter, da hört nur schnell keiner mehr zu. Statt dessen hören wir unseren Nutzern und Gastautoren zu. Und lockern die Debatte mit Stofftragetaschen mit Aufschriften wie „Trotz der Baumwolle meistere ich tapfer die Winterkälte“ oder der Floskelbox .Meckerer gibt es schließlich schon genug – wir wollen nachhaltig positiv verändern, da macht es keinen Sinn, als schlechtes Gewissen der Nation aufzutreten.

Vielen Dank für das Gespräch.

[Das Interview führte Lisa Hübner]

www.wheelmap.org

www.leidmedien.de

www.sozialhelden.de

Nächster Artikel: „Leben gestalten“ Umweltbildung für und mit Menschen mit Handicap in der Praxis