Kinder als Stadtteilgärtner in Hamburg

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ökopädNEWS
November 2012
Ausgabe Nr. 235

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BLICKPUNKT

Kinder als Stadtteilgärtner in Hamburg


Gestaltung öffentlicher Räume und innerer Haltungen am Beispiel der „Stadtteilgärtner“ der ANU Hamburg.

2050 wird ein Großteil der Menschen unseres Planeten in Städten leben. Diese Ballungsräume sind mit ihren Bedürfnissen an Nahrungsmitteln und Energie, ihren Themen wie Mobilität, CO2-Ausstoß, Bildung, Integration und Kultur und ihrem Innovationspotenzial Chance und Risiko zugleich, wenn es um die Entwicklung und Umsetzung von Lösungsansätzen zur nachhaltigen Entwicklung geht. In den Metropolen entscheidet sich unsere Zukunft. Vor diesem Hintergrund ist jeder Städter aufgerufen, sich zu fragen, welchen Beitrag zur Gestaltung der urbanen Zukunft er oder sie zu leisten vermag. Die Möglichkeiten sind vielfältig und thematisch breit gefächert. Für eine nachhaltige Entwicklung ist es wichtig, eigene Spielräume zu erkennen und zu nutzen und Stadt als gestaltbar zu erleben

„Die Stadtteilgärtner“ sind ein Projekt der ANU Hamburg für Vorschulkinder. Nach einem erfolgreichen ersten Jahr, nehmen im zweiten Durchgang vier Einrichtungen in einem benachteiligten Stadtteil Hamburgs teil. Die zwei signifikantesten Merkmale des Projektes sind zum einen die öffentlich sichtbare Anlage eines Beetes durch Kinder in Nähe der Kindertagesstätte (Kita), um einen kleinen Beitrag zur Gestaltung des Stadtteils durch die lebendige Interaktion zwischen Beet und Nachbarschaft zu schaffen. Den zweiten Schwerpunkt setzt die pädagogische Arbeit von Umweltpädagogen der ANU Hamburg mit den Kindern über den Zeitraum eines Jahres verteilt, deren Ziele in der Initiierung und Steuerung von Prozessen, der Möglichkeit zur Entwicklung eigener Sichtweisen und der Reflexion über das eigene Handeln basierend auf der Kenntnis von Zusammenhängen und Kreisläufen liegen.

Die Beete befinden sich jeweils in Nähe der Kitas, die Grundeigentümer, in der Regel die öffentliche Hand oder Wohnungsbaugenossenschaften, haben die Genehmigung zur Nutzung der Fläche erteilt und unterstützen das Projekt. Für die Kinder liegen die Beete oft auf dem Weg zur Kita oder sogar direkt im Wohnumfeld. Ihre Beteiligung an der Gestaltung ihres Stadtteiles wird hier auch durch das Hinweisschild im Beet für alle sichtbar. Die regelmäßige Arbeit der Kinder im Beet wird durch Gespräche mit Anwohnern lobend gewertet, hier entsteht ein lebendiges Miteinander durch die Übernahme von „Gießdiensten“ oder Angeboten, auch in der eigenen Kleingartenparzelle oder dem Vorgarten eine Fläche für Kinderbeete zur Verfügung stellen zu wollen. Die Freude an der gemeinsamen Arbeit wird als bereichernd und sinnvoll erlebt und das Ergebnis kann stolz präsentiert werden. Gepflanzt werden heimische Stauden und Kräuter, die durch ihre Anpassung an Klima und Böden als Bienenweide im Sommer und reiches Samenangebot im Herbst zahlreichen Tieren und den Kindern Freude bereiten. Nach der einjährigen Projektzeit übernehmen die Einrichtungen die Patenschaft für das Beet und können es mit den Folgejahrgängen in ihre Bildungsarbeit integrieren; eine Fortbildung für die ErzieherInnen liefert hierzu ergänzend Anregungen und Informationen. Sechs der sieben Beete befinden sich in einem Stadtteil, durch diese Bündelung ist der Austausch der Einrichtungen untereinander möglich und die Präsenz des Projektes im Stadtteil spürbar.

Das zweite wesentliche Merkmal der „Stadtteilgärtner“ liegt in der pädagogischen Arbeit mit den Kindern, die sich über den Zeitraum eines Jahres erstreckt. Dieser Bildungsprozess wird aktiv gestaltet durch das ganzheitlich ausgerichtete pädagogische Konzept, in dessen Rahmen mit unterschiedlichen Methoden Naturprozesse aufgegriffen und spielerisch vermittelt werden. Stadtkindern, besonders aus benachteiligten Stadtteilen, fehlt zunehmend die Möglichkeit, Naturerfahrungen in der Kindheit zu sammeln. Die Kinder pflanzen als Projektauftakt die eigene Patenpflanze und begleiten sie durch die Jahreszeiten, sie erfahren die Naturkreisläufe, schärfen ihre Wahrnehmung und erleben durch das bewusste Einbeziehen aller Sinne mehr Vielfalt in ihrem Alltag. Die Bedürfnisse der Pflanzen und Tiere im Beet werden thematisiert, erste Bezüge zur Landwirtschaft und zu Anbaumethoden können besprochen und eigene Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Die Verwendungsmöglichkeiten von Pflanzenteilen für medizinische Zwecke oder zur Ernährung eröffnen den Kindern einen neuen Blickwinkel auf ihre Zöglinge und schaffen durch die gemeinsame Verarbeitung einprägsame Erlebnisse. Affekt und Kognition gehören untrennbar zusammen, auf dieser Basis wird das Beet als Ausgangspunkt für die pädagogische Arbeit genutzt.

Motivation und Freude in der Umsetzung des Projektes bereitet die Arbeit mit den Kindern, die Zusammenarbeit mit den Kitas, den Flächeneigentümern und die Kontakte zu Anwohnern und Passanten. Durch die Bündelung in einem Stadtteil besteht enger Kontakt zu dem für die Stadtteilentwicklung vor Ort zuständigen Stadtteilbüro. Nach der bisherigen Unterstützung durch Stiftungen werden die „Stadtteilgärtner“ ab dem Sommer 2013 als eigenständiges Projekt der ANU Hamburg mit einem gestaffelten Preissystem für Kitas in weiteren Stadtteilen Hamburgs angeboten.                                          
[Sabine Teufert, Vorsitzende ANU Hamburg]

www.anu-hamburg.de

 

 

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