Ernährung und Landwirtschaft. Woher kommen meine  Lebensmittel?

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ökopädNEWS
Juli 2012
Ausgabe Nr. 232

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Titelthema

Ernährung und Landwirtschaft. Woher kommen meine Lebensmittel?


Jede Bürgerin und jeder Bürger in der Europäischen Union unterstützt die Landwirtschaft im Durchschnitt mit etwa 100 Euro im Jahr. Was wollen die Menschen dafür erhalten? Welche Art von Landwirtschaft soll es in der Zukunft in Europa geben? Diese Fragen müssen zwischen den KonsumentInnen und den LandwirtInnen ausdiskutiert werden

„Wir haben es satt! – Bauernhöfe statt Agrarindustrie!“ Unter diesem Motto haben 23.000 Menschen im Januar dieses Jahres in Berlin demonstriert. Sie verlangten von der Bundesregierung eine Neuausrichtung der Landwirtschaftspolitik. Die Agrarzahlungen müssten an ökologische, soziale und Tierschutzkriterien gekoppelt und für Großbetriebe gedeckelt werden. Sämtliche Subventionen für den Agrarexport seien zu stoppen. Zu der Demonstration hatte ein Bündnis aus über 90 Organisationen aus den Bereichen Landwirtschaft, Umwelt-, Tier-, Verbraucherschutz und Entwicklungszusammenarbeit aufgerufen, die sich zur Kampagne „Meine Landwirtschaft“ zusammengeschlossen haben. Im Juni fand eine Rundreise von Bäuerinnen und Bauern aus Kenia, den USA und Europa statt. Die nächste Aktion ist dann der Good Food March im Spätsommer (siehe S. 31). Die deutsche Südroute soll dafür am 25. August in München starten und am 19. September in Brüssel ankommen.

Wie 4.600 Kilokalorien skandalös schrumpfen


Es sind die Fakten des Weltagrarberichts von 2008 und die aktuellen Entwicklungen in Deutschland, die die Menschen auf die Straße bringen. Fast eine Milliarde Menschen hungern, obwohl es ausreichend Lebensmittel für alle auf der Welt gäbe: Weltweit erzeugt die Landwirtschaft 4.600 Kilokalorien pro Person und Tag, davon gehen 13 Prozent durch Ernte- und Lagerverluste verloren, 26 Prozent verschwinden in der Tierfütterung und weitere 17 Prozent sind Verteilungseffekte und Abfall. Am Ende bleiben 2.000 Kilokalorien pro Person – das reicht nicht mehr aus, um alle Menschen ernähren zu können.

Im Durchschnitt isst jeder Bundesbürger im Jahr 86 Kilogramm Fleisch. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hält 23 Kilogramm für völlig ausreichend. Wir könnten also deutlich weniger pflanzliche Energie in der Tierfütterung verschwenden. Auch gibt es zwischen den Tierarten große Unterschiede in der Umsetzung von pflanzlichen Kalorien in tierische.

Turbokuh und Billighähnchen

Während Rind und Schaf etwa elf pflanzliche Kalorien benötigen, um eine tierische zu produzieren, brauchen Schwein und Huhn nur rund vier. Das spräche für weniger Rindfleisch auf dem Teller. Dem ist entgegenzuhalten, dass Rind, Schaf und Ziege Grünland verwerten, das für Mensch, Schwein oder Huhn nicht als unmittelbare Nahrungsquelle dienen kann. Doch es ist heute billiger, Kühe mit Importsoja und -getreide zu füttern, als das Grünland dafür zu nutzen. Damit das Hochleistungstier Kuh mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr gibt, braucht es zu Gras, Heu und Silage ergänzendes Kraftfutter.

Heute schon haben wir bei Hähnchenfleisch in Europa einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent. Trotzdem ist 2011 in Wietze bei Celle ein neuer großer Schlachthof mit einer Tagesleistung von 430.000 Hähnchen entstanden. Deren Leben dauert heute nur noch rund 35 Tage. Dann sind sie auf ihr Schlachtgewicht von zwei Kilogramm gemästet. Ihr kurzes Leben fristen bis zu 21 dieser Tiere auf einem Quadratmeter. Da ist von Bewegung – selbst wenn die Knochen dieses schnelle Wachstum mitmachen würden – keine Rede mehr. Unser billiges Hähnchenfleisch beruht auf dem Leiden der Tiere.

Nicht nur das Wohl der Tiere sollte unsere Essensgewohnheiten beeinflussen. Mit einer fleischarmen Ernährung verringern wir unsere Produktion an CO2. Während die Erzeugung tierischer Lebensmittel 44 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgase ausmacht, trägt die Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel dazu nur acht Prozent bei.

Klimaschonende Ernährung: Wir können etwas tun!

Eine deutliche Einsparung an CO2 erreichen wir auch mit dem Verzehr von regionalen und saisonalen Produkten. Die Produktion von Obst und Gemüse im beheizten Treibhaus während der kalten Jahreszeit verbraucht bis zu 60 Mal mehr Energie als im Freiland, weil zum Heizen zumeist fossile Energieträger dienen. Auch die Lagerung von Obst und Gemüse über den Winter ist energieaufwendig. Da der Transport mit Schiffen nur wenig CO2-Äquivalente erzeugt, ist im Juni ein Apfel aus Südamerika sinnvoller als einer aus Deutschland. Am klimafreundlichsten ist immer saisonales Obst aus Deutschland. Äpfel und Birnen aus deutscher Produktion gibt es dann zum Beispiel erst wieder im September.

Angesichts der Entwicklungen in der Landwirtschaft, der Nahrungsmittelindustrie und dem Lebensmitteleinzelhandel ist es notwendig, Alternativen aufzuzeigen. Agrarpolitik muss im Interesse von Mensch, Tier und Pflanze nicht nur gesunde Lebensmittel liefern, sondern auch ressourcenschonend, klimagerecht und umweltschonend sein. Dafür gibt es etliche Ansätze weltweit und auch in Deutschland. Sowohl unser Handeln als auch unsere Agrarpolitik können diese Ansätze stärken und unterstützen. Die Erde kann die heutige Menschheit tragen und ernähren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Seite www.meine-landwirtschaft.de bietet dafür eine Möglichkeit, indem sie den notwendigen Erzeuger-Verbraucher-Dialog organisiert.     

(von Claudia Leibrock, Vorsitzende der ANU Rheinland-Pfalz)

Literatur:
Idel, A. (2010): Die Kuh ist kein Klima-Killer! Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können. Marburg. www.bund.net/?5845
Von Koerber, K.; Kretschmer, J. (2009): Ernährung und Klima. Nachhaltiger Konsum ist ein Beitrag zum Klimaschutz. In: Der kritische Agrarbericht 2009, Kassel, S. 280–285, www.bfeoe.de/publikationen/vonKoerber_Kretschmer.pdf
Von Koerber, K.; Männle, T.; Leitzmann, C. (2012): Vollwert-Ernährung. Konzeption einer zeitgemäßen und nachhaltigen Ernährung. Stuttgart. www.bfeoe.de/publikationen/buch.shtml

Internet:
Bürgerinitiative Wietze: www.bi-wietze.de
Lernort Bauernhof: www.baglob.de
Informationen zum Weltagrarbericht der UN: www.weltagrarbericht.de
Informationsportal der Agraropposition: www.meine-landwirtschaft.de

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