Netzwerke: Online vernetzen – offline arbeiten

Ausgabe direkt auswählen:

Suchen in allen Ausgaben:

ökopädNEWS
Mai 2012
Ausgabe Nr. 230

Inhaltsverzeichnis | nächster Artikel

Titelthema

Netzwerke: Online vernetzen – offline arbeiten


Studien belegen schon lange, dass ein Netzwerk stabiler privater Kontakte das Leben verlängert, gute berufliche Kontakte die Karriere. Auch im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) helfen Netzwerke, Projekte voranzutreiben, Partner für neue Kooperationen zu gewinnen oder Lösungen für praktische umweltpädagogische Fragen zu finden.

Das Thema ist so aktuell, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und der Rat für Nachhaltige Entwicklung als gemeinsame Initiative den Wettbewerb „Förderung von lokalen Bildungs- und Kompetenznetzwerken für Nachhaltigkeit“ initiiert haben. Sowohl bestehende als auch geplante neue Netzwerke aus mindestens vier Partnern wie Kommunen, Bildungseinrichtungen, Unternehmen oder zivilgesellschaftlichen Akteuren können sich bis zum 31. Mai um eine Förderung von bis zu 35.000 Euro bewerben. Der Schwerpunkt liegt auf „Innovativen und nachhaltigen Technologien“. Leider ist die Förderung von Personalkosten bei dem Wettbewerb ausgeschlossen, obwohl gerade langfristige gute Netzwerkarbeit auf dem Wissen und Engagement der beteiligten Akteure beruht. Über den Wettbewerb hinaus – mit denen die Organisatoren anlässlich der im Juni 2012 stattfindenden Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro ein Zeichen für nachhaltige Entwicklung setzen wollen – gibt es in Deutschland vielfältige etablierte Netzwerke im Bereich Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Etablierte BNE-Netzwerke

Zu den ältesten Netzwerken im Bereich Umweltbildung gehören die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung (ANU). Die ANU versteht sich als Dach- und Fachverband der Umweltzentren, Initiativen, FreiberuflerInnen und Selbstständigen sowie weiteren Einzelpersonen, die in der außerschulischen Umweltbildung tätig sind. Neben Möglichkeiten zum Netzwerken im Internet über die Homepage www.umweltbildung.de oder die Face­bookseite der ANU bietet sie über die Landesverbände mit Workshops, Tagungen und Informationstreffen auch zahlreiche Möglichkeiten zur realen Interaktion an. Mit dem Projekt Leuchtpol entstand ein Netzwerk von Regionalbüros in ganz Deutschland, das sich speziell der BNE im Elementarbereich widmet. Zahlreiche andere Netzwerke können ebenfalls eine lange Erfolgsgeschichte vorweisen, bei denen der Umweltbildungsakteur im Mittelpunkt steht. Auf der Homepage www.bne-portal.de steht interessierten Nutzern eine detaillierte Beschreibung von Bildungsakteuren im Bereich BNE zur Verfügung, wahlweise nach Bundesländern oder alphabetisch sortiert. Mit dem Ende der Dekade 2014 wird sich herauskristallisieren, welche Netzwerke und Initiativen stabil genug sind, um langfristig weiterbestehen zu können.

In der Schweiz und in Österreich organisieren sich die Multiplikatoren im BNE-Bereich unter anderem über die Websites umweltbildung.ch und umweltbildung.at, die anders als in Deutschland von staatlicher Seite getragen werden. Die Stiftung Umweltbildung Schweiz koordiniert beispielsweise auch das multilaterale Netzwerk CoDes im Rahmen des EU-Programms Comenius, um in Kooperation mit verschiedenen europäischen Universitäten, Vertretungen aus dem schulischen Bereich, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Gemeinden der Frage nachzugehen, wie die Kooperation von Schule und Gemeinwesen ausgestaltet sein muss, damit eine praktische Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung erfolgreich einsetzen kann.

Bestehende Netzwerke bieten Verknüpfungschancen für Umweltbildung

Netzwerke können auch Informationsnetzwerke sein. Eine detaillierte Kenntnis darüber, wo welches Wissen für verschiedene Bildungszielgruppen zur Verfügung steht, vereinfacht den Arbeitsalltag enorm. Praktischerweise hält BNE auch Einzug in bereits bestehende pädagogische Netzwerke. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) förderte zum Beispiel die Erstellung und den Betrieb des Themenportals „Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ mit Materialien für Lehrkräfte und für die außerschulische Bildung auf Lehrer-Online mit 75.000 Euro. Ergebnisse aus DBU-Förderprojekten werden als Fachartikel, Unterrichtseinheiten und -anregungen aufgearbeitet und auf der Plattform publiziert. Auch andere Bildungsanbieter bieten Anknüpfungspunkte für BNE-Akteure über das Ende der Bildungsdekade hinaus. Bildung ist beispielsweise ein elementarer Bestandteil der Arbeit in Zoos, Museen und auch Botanischen Gärten. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2007 betrachtet die Hälfte aller Botanischen Gärten in Deutschland Umweltbildung als eine ihrer Hauptaufgaben. Umweltschulen, Wissenschaftsläden, Umweltbibliotheken, Globales Lernen – im Bereich BNE gibt es bereits eine Vielzahl gut funktionierender Fachnetzwerke, deren Bestehen über das Ende der Dekade hinaus außer Frage steht.

Virtuelle Netzwerke oder lieber doch Workshoptreffen?

Verändert hat sich nicht der Stellenwert von Vernetzung, sondern die Form. Derzeit sind vor allem die virtuellen sozialen Netzwerke in aller Munde. Mal als Verlustgarant persönlicher Freundschaften verteufelt, mal als Möglichkeit der Interaktion mit Kunden und Geschäftspartnern in den Himmel gehoben. Eine interessante Möglichkeit der bewussten Nutzung des Internets zur Vernetzung kommt aus Berlin: Die Gründer der Socialbar entwickelten auf der Suche nach zeitgemäßen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements ein Konzept frei nach der Devise „online vernetzen – offline bewegen“, in dem die virtuelle Vernetzung um die Offline-Komponente eines realen Treffens erweitert wird und damit Web-Aktivisten, NGOs, Unternehmen und Ehrenamtliche zusammenbringt. Ganz ohne Fördergelder stellten die meist ehrenamtlich arbeitenden Organisatoren, die sich selbst als „Weltverbesserer“ bezeichnen, eine modellhafte Vernetzungsstruktur auf die Beine, die inzwischen in 20 deutschen Städten sowie in Österreich, der Schweiz und bald auch in Polen Mitstreiter findet.

In den nächsten Jahren wird es auch eine wissenschaftliche Evaluation zu der Frage geben, was Netzwerke im Bereich BNE leisten können. Das vom BMBF mit 320.000 Euro geförderte Forschungsprojekt „Institutionalisierung von BNE durch Netzwerkbildung – eine empirische Untersuchung von Schul-Unternehmens-Lernpartnerschaften“ wird in Kooperation zwischen der Bergischen Universität Wuppertal, Fachbereich School of Education (Projektleitung), und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie durchgeführt und soll in drei Jahren seine Ergebnisse veröffentlichen.

Lisa Hübner

www.umweltbildung.de
www.bne.lehrer-online.de
www.comenius-codes.eu
www.socialbar.de

www.ifb.uni-wuppertal.de/en/forschung-am-ifb/projekte/institutionalisierung-von-bne-durch-netzwerkbildung.html 

Nächster Artikel: Der oekom-Verlag als Wissensnetzwerk