Natur- und Umweltbewusstsein

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ökopädNEWS
März 2011
Ausgabe Nr. 218

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Titelthema

Natur- und Umweltbewusstsein


Umwelt-, Natur- und Klimaschutz genießen einen hohen Stellenwert bei der deutschen Bevölkerung. Doch die Bereitschaft sich dafür zu engagieren hängt in entscheidendem Maße von der Bildung ab. Das ergaben übereinstimmend zwei aktuelle Studien zum Natur- und Umweltbewusstsein in Deutschland. Überraschenderweise sind Bildungsmaßnahmen darin überhaupt kein Thema.

Die PISA-Studie hat gezeigt, dass die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu mitverantwortlich ist für den Bildungserfolg und somit auch für die Höhe des Einkommens. Einkommen und Bildung sind auch die beiden entscheidenden Faktoren für umweltfreundliches Verhalten – dennoch muss in den verschiedenen sozialen Milieus genau hingeschaut werden.

Umweltbewusstsein 2010: Technik statt Handeln
Bereits zum achten Mal hat das Bundesumweltministerium (BMU) eine repräsentative Studie zum Umweltbewusstsein und Umweltverhalten der Bundesbürger durchgeführt. Erfreulicherweise bleiben Umwelt- und Klimaschutz für viele Deutsche trotz Finanzkrise politische Topthemen. Allerdings neigt ein Großteil der Bevölkerung zu technischen Problemlösungen: So fordern 85 Prozent den Umstieg auf erneuerbare Energien und etwa gleich viele sehen große Potenziale durch technischen Umweltschutz in der Automobilindustrie. Deutlich geringer ist die Aufgeschlossenheit, wenn es um persönliches Verhalten geht. So sehen nur 58 Prozent der Autofahrer die Lösung auch bei sich selbst und ganze acht Prozent aller Bürger beziehen Ökostrom.
Es gibt aber durchaus Chancen für Verhaltensänderungen – bei bestimmten Gruppen oder in einigen Milieus: Car¬sharing findet zum Beispiel jeder vierte Autofahrer attraktiv, insbesondere Gebildete, Frauen und Westdeutsche. Die Strategie „Nutzen statt Besitzen“, also Gartengeräte oder Geräte für Renovierungsarbeiten auszuleihen statt zu kaufen, finden immerhin etwa die Hälfte der Befragten gut – allerdings eher Menschen mit hoher Bildung und gutem Einkommen als solche aus den weniger begüterten Mi¬lieus.

Vom Klimaschutz zur Alltagskultur der Nachhaltigkeit
Allein beim Klimaschutz sind sich alle einig, dass das richtige eigene Verhalten noch wichtiger ist als der Druck auf Politiker oder die Arbeit der Umweltverbände. Dieser Befund lässt den Schluss zu, dass sich hier ein Kulturwandel abzeichnet, indem der Klimawandel persönlich und gesellschaftlich ernst genommen wird. Bei der politischen Umsetzung bestehen dagegen beträchtliche Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen. Unterstützung findet Klimapolitik insbesondere im sozial-ökologischen und liberal-intellektuellen Milieu. Um auch sozial schwächere oder traditionelle Zielgruppen zu erreichen, müsste Klimaschutz mit sozialen (Berufs-)Chancen oder finanziellen Einsparungen durch technische Innovationen verknüpft werden. Zugleich sollten die sogenannten proaktiven Milieus weiter unterstützt werden, damit ihr Verhalten und ihre Bewertung von Lebensqualität zum Mehrheitsmodell und zur Alltagskultur werden können. Insgesamt ist das Leitbild der Nachhaltigkeit auf dem Weg zu breiter gesellschaftlicher Akzeptanz. Immerhin 43 Prozent wollen „ressourcenschonendes Wirtschaften sowie inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit“ – das ist eine Verdreifachung in den letzten zehn Jahren.

Naturbewusstsein 2009: Ganzheitliches Verständnis nötig
Erstmals liegt auch eine repräsentative Bevölkerungsumfrage zu Natur und bio¬logischer Vielfalt vor. Natur wird von 95 Prozent aller Menschen mit positiven Gedanken verbunden – mit gutem Leben, Vielfalt, Gesundheit und Erholung. Knapp 80 Prozent aller Deutschen gehen mindestens einmal pro Woche hinaus in die Natur – in den Garten, den Park oder den Wald. Aber jenseits dieser Nutzung der Natur für Erholung und Gesundheit kommt kaum jemandem bei freier Assoziation die erweiterte Bedeutung von Natur als Luft- und Wasserfilter oder gar als Lieferant von Rohstoffen oder genetischen Ressourcen in den Sinn.
Zwar ist die Sorge um die Natur weit verbreitet. Vor allem Menschen mit höherer Bildung treten für Schutz und nachhaltige Nutzung von Natur ein. Bevorzugt werden aber meist einfache und individuell kontrollierbare Handlungen – beispielsweise die Bereitschaft, Obst und Gemüse aus der Region zu kaufen oder Schutzzonen nicht zu betreten. Mehr als die Hälfte aller Menschen können mit dem Begriff der biologischen Vielfalt nichts anfangen. Ein echtes Problem, denn die Bundesregierung hat 2007 in ihrer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt das Ziel vorgegeben, dass bis zum Jahre 2015 mindestens 75 Prozent der Bevölkerung Biodiversität als eine gesellschaftliche Priorität ansehen.

Positive Naturerfahrung durch mehr Umweltbildung
Auch die zweite Studie nutzt das Milieumodell und verbindet Lebensstil mit Bewusstseinstyp. Dabei konnten mehrere naturnahe und bildungsorientierte Zielgruppen identifiziert werden: Etablierte, Postmaterielle, moderne Performer, Konservative und in Teilen auch die sogenannten DDR-Nostalgiker und die bürgerliche Mitte. Bemerkenswert ist der Wunsch von 71 Prozent der Befragten, mehr Kenntnisse über die heimische Natur zu erhalten, obwohl 65 Prozent angeben, schon über viel Wissen zu verfügen. Ob und welche Erfahrungen mit Natur- und Umweltbildungs-angeboten vorliegen, wurde nicht gefragt.
Die Autoren der Studie fordern, dass bei naturnahen Bildungsbürgern der Nachhaltigkeitsgedanke vertieft und ein ganzheitliches Naturverständnis gestärkt wird. Für naturferne Zielgruppen müssten erste positive Zugänge zur Natur geschaffen werden, beispielsweise durch gezielte Familienangebote. Für beide Zielgruppen stellt die außerschulische Natur- und Umweltbildung seit Jahren hervorragende Angebote bereit. Leider kommt Bildung in der Studie so gut wie nicht vor – außer bei der Frage nach vorrangigen Naturschutzmaßnahmen(!): Hier befürworten immerhin 91 Prozent, dass Natur- und Umweltbildung an Schulen ausgeweitet wird.

[Jürgen Forkel-Schubert]

BMU/UBA (Hrsg.): Umweltbewusstsein in Deutschland 2010
www.uba.de/uba-info-medien/4045.html

BMU/BfN: Naturbewusstsein 2009
www.bfn.de/0309_kommunikation.html

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