Ausgezeichnete Kommunen - Leitbild Nachhaltigkeit nur noch selten

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ökopädNEWS
November 2010
Ausgabe Nr. 215

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Titelthema

Ausgezeichnete Kommunen - Leitbild Nachhaltigkeit nur noch selten


Nur elf deutsche Städte wurden bislang als „Kommunen der UN-Dekade“ ausgezeichnet. Mit beispielhaften Initiativen tragen sie dazu bei, das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu verankern. Zwar stehen meist ökologische und soziale Projekte im Vordergrund, doch das Thema Geld und ökonomische Aspekte spielen eine immer größere Rolle.

Von Jürgen Forkel-Schubert

Die Zukunft der Menschheit liegt weltweit in den Städten. Im Jahr 2007 lebten hier erstmals mehr Bewohner als auf dem Lande. Forscher schätzen, dass im Jahr 2050 zwei Drittel aller Menschen in Metropolen leben werden. Jeder dritte Deutsche wohnt inzwischen in einer Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern.Doch ob Metropole oder Kleinstadt: Kommunen sind die wichtigste Schnittstelle zwischen den Menschen und dem Staat. Gesetze und Verwaltungsvorschriften regeln Geburt, Hausbau und Parkplätze. In welchem Umfang Bürgerinteressen dabei Berücksichtigung finden, erkennt man an deren Einbezug in politische Vorhaben. Die Ausstattung von Schulen, eine funktionierende Infrastruktur, die Förderung zukunftsfähiger Wirtschaftsprojekte, die Berücksichtigung von Minderheiten oder eine geringe Pro-Kopf-Verschuldung sind Anzeichen einer „Good Governance“, die das Wohl der Bürger im Blick hat. Eine solche nachhaltige Entwicklung braucht Pioniere, Bildung und politischen Willen.

Auch deutsche Städte können „Kommune der UN-Dekade“ werden

Im Rahmen der von der Unesco für die Jahre 2005 bis 2014 ausgerufenen Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) können sich auch in Deutschland vorbildliche Städte und Gemeinden um den Titel „Kommune der UN-Dekade BNE“ bewerben. Bislang konnten nur elf Kommunen diese von Nationalkomitee verliehene hohe Auszeichnung für jeweils zwei Jahre entgegennehmen. Hierzu mussten sie einen umfangreichen Fragenkatalog beantworten und ihre Leistungen im Bildungsbereich nachweisen. Grundlage der Bewerbung ist ein formaler Beschluss des Gemeinde- oder Stadtrates, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung Bestandteil des Leitbildes der Kommune ist. Für die kommenden Jahre müssen weitere Ziele und Maßnahmen beschlossen werden, außerdem sollen die Aktivitäten in einem Schwerpunktbereich Modellcharakter besitzen.Nach zwei Jahren ist eine Wiederbewerbung möglich, wenn ein Fortschrittsbericht vorgelegt wird. Er soll zeigen, welche positiven Effekte die Bildungsaktivitäten für die nachhaltige Entwicklung auf kommunaler Ebene zur Folge hatten.

Ausgezeichnete Kommunen mit vielfältigen Projekten

Die ausgezeichneten Projekte und Schwerpunkte sind so vielfältig wie die Kommunen selbst:

In Aalen (Baden-Württemberg) haben Agenda-21-Gruppen einen Stadtführer „Aalen für Alle“ veröffentlicht und organisieren zum Beispiel ein Programmkino, Tauschtage und die Informationstage Energie.

- Die Gemeinde Alheim (Hessen) stellt ihre Modellprojekte zu regenerativen Energien, naturbewusstem Tourismus oder Gesundheitsversorgung ganz unter das Leitbild einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.

- Da die Stadt Bonn (Nordrhein-Westfalen) Sitz verschiedener UN-Sekretariate und vieler internationaler Organisationen ist, nehmen viele Bonner Maßnahmen Bezug auf internationale Aspekte, Kampagnen und Jahrespartnerschaften.

- Erfurt (Thüringen) will seine vielen guten Projekte stärker in die Öffentlichkeit tragen: die Mil¬len¬niums¬erklä­rung der Kommune, solar¬gerech¬te Bau¬leit¬planung, CO2-Minderungsplan, Kinderstadtplan, Bürgerbeteiligungshaushalt und vieles mehr.

- Herzstück des Programms von Frankfurt am Main (Hessen) ist das Netzwerk „Nachhaltigkeit lernen in Frankfurt“, das unterschiedliche Akteure aus Institutionen, Unternehmen und der Zivilgesellschaft zusammenbringt.

- In Gelsenkirchen (NRW) entstanden zu verschiedenen Themen Kooperationen und Netzwerke, in denen Bürger, Organisationen, Verbände, Kirchen und die Wirtschaft gemeinsam arbeiten.

- Hamburg hat die Initiative „Hamburg lernt Nachhaltigkeit“ gestartet, in der auch die für alle Bildungsbereiche zuständigen Behörden mitwirken, und gibt einen jährlichen Aktionsplan mit guten Praxisbeispielen heraus.

- In Heidelberg (Baden-Württemberg) gibt es ein umfassendes BNE-Konzept, das Kindertagesstätten, Schulen, die Universität, Unternehmen, Sportvereine und Kirchen in die Umsetzung einbezieht.

- Obwohl die Gemeinde Hellenthal (NRW) mit 8.600 Einwohnern zu den kleinsten Kommunen im Land zählt, haben hier bereits über 100 Tagungen zu BNE-Themen stattgefunden.

- In Minden (NRW) kann das kleine Stadtviertel Obere Altstadt auf über 60 schulische und außerschulische Einrichtungen verweisen und hat damit Modellcharakter für BNE in der gesamten Stadt.

- Neumarkt (Bayern) will ein Zentrum für Nachhaltigkeit als Bildungs- und Wissenschaftseinrichtung aufbauen und legt besonderen Wert darauf, unterschiedliche Zielgruppen mit den Inhalten der BNE zu erreichen.

Bildung als Vorteil für knappe Kassen

Alle Kommunen wirken bei der Umsetzung der strategischen Ziele des Nationalen Aktionsplans BNE mit. Doch in den Zeiten knapper öffentlicher Kassen können Kommunen nicht immer alle gewünschten oder notwendigen Aktivitäten finanzieren. Über ehrenamtliches Engagement und Bildungskompetenz hinaus brauchen Projekte auch eine sichere ökonomische Grundlage. Das von der Deutschen ¬Unesco-Kommission ausgerufene Jahresthema „Geld“ bietet eine hervorragende Basis, um auch ökonomische Aspekte stärker in der Bildung zu verankern und mehr Gerechtigkeit zum Beispiel durch regionale Bildungslandschaften zu schaffen. Der begehrte Titel hilft Kommunen und Akteuren bei der Suche nach neuen Kooperationspartnern oder bei der Vergabe von Förderpreisen.

 

www.bne-portal.de (Kommunen der UN-Dekade)

 

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