Biologische Vielfalt. Bei Rot über die Ampel.

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ökopädNEWS
Oktober 2010
Ausgabe Nr. 214

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Titelthema

Biologische Vielfalt. Bei Rot über die Ampel.


Biologische Vielfalt.  Bei Rot über die Ampel
Nach einem aktuellen UN-Bericht konnte kein einziges Ziel zum Erhalt der weltweiten biologischen Vielfalt in den letzten 20 Jahren erreicht werden. Ursache ist nicht nur fehlendes Geld, sondern vor allem fehlender politischer Wille. Die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung NRW hat deshalb im Internationalen Jahr der Biodiversität 2010 pädagogische Materialien für die Bildungsarbeit entwickelt.
Schätzungen gehen davon aus, dass jede vierte Pflanzenart vom Aussterben bedroht ist. Die Zahl der Wirbeltiere hat seit 1970 um fast ein Drittel abgenommen. Naturnahe Lebensräume werden immer kleiner, einige davon werden in absehbarer Zeit für immer verschwunden sein. Mit der Natur gehen auch deren Leistungen für die Menschheit verloren: Lebensmittel, Medikamente, Filterfunktionen, Schutz vor Naturkatastrophen und vieles mehr. Die Menschen in Entwicklungsländern werden die Folgen dieser Veränderungen am ehesten und am stärksten zu spüren bekommen.

Keine Trendwende in Sicht
Die UN-Weltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro verabschiedete das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, auch Biodiversitätskonvention genannt. Darin verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, eine nationale Biodiversitätsstrategie zu entwickeln. Nur wenige haben ein entsprechendes Papier vorgelegt, darunter Deutschland im Dezember 2007. Im Jahr 2002 vereinbarte die Staatengemeinschaft dann bestimmte Ziele, um den globalen Biodiversitätsverlust bis 2010 deutlich zu senken. Zugleich wurde dieses Jahr von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Biodiversität ausgerufen.

Biodiversität in der Umweltbildung
Biologische Vielfalt wird in der Umweltbildung meist draußen in der Natur vermittelt. Dass Naturerleben sich auch mit globalem Lernen verbinden lässt, zeigten UmweltpädagogInnen aus Nordrhein-Westfalen. Vier Jahre lang und in über 250 Veranstaltungen entwickelten sie pädagogische Einheiten für unterschiedliche Zielgruppen. Gemeinsam mit Umweltbildungseinrichtungen, Biologischen Stationen, Zoos, Museen und Stiftungen entstanden insgesamt 24 erprobte Modelleinheiten zum Thema Biodiversität. Anfang 2007 erschien der erste Band „ANU NRW Bildungsoffensive Wert der Vielfalt – 16 Bausteine für Globales Lernen“. In diesem Jahr wurde der zweite Band mit weiteren acht Modulen vorgelegt.

Den Wert der Vielfalt erleben
Im Bildungsmodul „Die brasilianische Bodenassel Bodo besucht die Bodentiere bei uns“ lernen Grundschulkinder durch klassische Naturerlebnismethoden zunächst heimische Tierarten kennen. Anschließend wird die Geschichte der Assel Bodo erzählt, die aus ihrer Heimat vertrieben wurde, weil ihr Lebensraum einer Sojaplantage zum Opfer fiel und sie nach Deutschland auswandern musste. In ähnlicher Weise verdeutlicht das Modul „Flüsse ohne heimische Flusskrebse“, wie durch die weltweite Wanderung heimische Arten durch Neueinwanderer verdrängt werden können.
Welchen Einfluss der Klimawandel und extreme Wettersituationen auf Tiere und Pflanzen haben, lernen Grundschulkinder im Modul „Mit Sonnenhut und Regenschirm“ kennen. Im Modul „Nils Holgersson und der Flug der Wildgänse“ werden moderne GPS-Geräte eingesetzt, ein Kompass gebaut und Laufspiele durchgeführt, bei denen die Kinder sich wie Gänse in V-Flugformation bewegen.
Sogar mit Messer und Gabel kann man Biodiversität vermitteln. Im Projekt „Süßes aus dem Sauerland“ lernen Jugendliche, wie man aus indischem Springkraut Gelee herstellt. Interkulturelle Ansätze verfolgt das Projekt „Pralinenbaum und Gummibärchen“: Aus dem Saft der aus unseren Gärten fast vollständig verschwundenen Quitte werden Gummibärchen hergestellt und dann verkauft. Der Erlös fließt einer türkischen Naturschutzstiftung zu, die dafür Bäume gegen Erosion pflanzt.
Auch für Senioren wurden Angebote entwickelt. Im Bildungsmodul „Waldwarenkorb aus der Einen Welt“ wird die Vermittlung von Artenkenntnissen genutzt, um einen Bogen von der Eiche zum Gummibaum und von der Brombeere zur Kakaopflanze zu spannen und auf globale Aspekte von Nutzpflanzen hinzuweisen.

Umweltbildung allein reicht nicht!
Zu keinem Zeitpunkt stand das Thema biologische Vielfalt stärker im Fokus von Politik und Öffentlichkeit als heute. Auch die Wirtschaft hat das Thema entdeckt. So verspricht beispielsweise die Rewe-Gruppe, dass sie die biologische Vielfalt durch Kooperation mit Obstbauern am Bodensee und Verwendung von Getreide aus lokaler und regionaler Produktion fördern will. Doch Sponsoringprojekte allein oder gut gemeinte Bildungsangebote reichen nicht aus, um die biologische Vielfalt global und effektiv zu schützen.
Wie katastrophal die Lage tatsächlich ist, zeigt der im vergangenen Mai veröffentlichte dritte „Globale Ausblick zur Lage der biologischen Vielfalt“ (GBO3). Das aus über 100 nationalen Berichten zusammengestellte Dokument belegt, dass keines der gesteckten 21 Unterziele auch nur annähernd erreicht werden konnte. Ob es um den Erhalt der Artenvielfalt oder den Schutz des traditionellen Wissens indigener Völker geht – stets zeigt die Ampel tiefrot. Als kleiner Hoffnungsschimmer gilt, dass 13 Mal „einige“ und vier Mal „erhebliche“ Fortschritte erreicht werden konnten.
In der Politik jedoch reicht das Lippenbekenntnis nur so weit, wie es kein Geld kostet. Das gilt sowohl für die lokale als auch für die globale Ebene. Nachdem zum Beispiel die Bundesregierung noch 2008 für eine Initiative Ecuadors zum Schutz des Regenwaldes mehrere Hundert Millionen Euro bereitstellen wollte, wenn das Entwicklungsland auf die Förderung von Erdöl im Yasuní-Nationalpark verzichtet, erteilte Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel dem nun eine Absage.

Der politische Wille bleibt damit auf der Strecke – während die wirklich großen Bedrohungen für die Biodiversität schon in Sicht sind: Geoengineering und Nanotechnologie. [Jürgen Forkel-Schubert]

ANU NRW Bildungsoffensive Wert der Vielfalt. 16 Bausteine für Globales Lernen. Schriftenreihe der ANU, Bd. 14/15. Bezug: ANU NRW, Dorsten, Tel. +49 (0)2369 / 77-505, Fax -607, E-Mail: tenger.biostation-re@t-online.de, www.anu-nrw.de

GBO3, deutsche Kurzfassung: www.bmu.de/45972

www.rewe-group.com (Presse – 15.09.2010)

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