GPS in der Umweltbildung. Geocaching frisst Naturerleben

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ökopädNEWS
Juni 2010
Ausgabe Nr. 211

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Titelthema

GPS in der Umweltbildung. Geocaching frisst Naturerleben


Moderne Navigationsgeräte sollen naturmüde Kinder und Jugendliche ins Grüne locken. Geocaching und GPS-unterstützte Angebote erobern die Umweltbildung. Doch ob dabei wirklich Interesse an der Natur geweckt, eine emotionale Bindung vermittelt und ein schonendes Verhalten eingeübt werden, ist zu bezweifeln.
Das Global Positioning System (GPS) ist ein weltumspannendes Satellitensystem, das in den 1970er-Jahren vom US-Verteidigungsministerium für Kriegsschiffe und Flugzeuge entwickelt wurde. Im Gegensatz zum Radar empfängt GPS nur Signale und sendet nicht. Man kann damit die Position exakt messen, aber nicht geortet werden. Heute wird GPS in vielen zivilen Bereichen eingesetzt. Wanderern und Segelfliegern hilft es bei der Ortsfindung und zeigt den Heimweg an. In der Landwirtschaft ermöglicht „Precision Farming“ eine genauere Düngemittelgabe. Künstler zeichnen beim „GPS-Drawing“ eine Route auf, speisen sie in den PC ein und verfremden das Bild durch Überlagerung mit Luftaufnahmen. In den Niederlanden gibt es Pläne, die Fahrstrecke von Autos zu speichern und daran eine CO2-Steuer zu koppeln. Sexualstraftäter werden heute bereits durch elektronische GPS-Fußfesseln überwacht. Gefährlichen Tieren, die eine Grenze überschreiten, kann per Fernübertragung ein Elektroimpuls übermittelt werden, der sie zum Umkehren veranlasst. Big Brother lässt grüßen!
Einfache GPS-Geräte gibt es schon für etwa 70 Euro. Bessere Geräte haben eine gespeicherte Landkarte. Der Trend geht zum Handy mit integriertem GPS-Empfänger. Ältere Handys kann man durch ein Zusatzprogramm für weniger als zehn Euro aufrüsten. Doch Vorsicht: Datenübertragung per Mobilfunk kostet Geld.

Geocaching
Groß in Mode ist das „Geocaching“, eine Art elektronische Schatzsuche oder Schnitzeljagd. Die Verstecke sind oft kleine Plastikdosen und heißen „Caches“. Sie müssen anhand geografischer Koordinaten mit dem GPS gefunden werden. Der Finder legt einen neuen kleinen Schatz (Trade), beispielsweise Süßigkeiten, ins Versteck. Unbeteiligte Menschen (Muggels) oder Diebe (Piraten) dürfen das Geschehen aber auf keinen Fall mitbekommen und eingreifen. Zu Hause wird dann im Internet durch einen „Log“ auf der Seite geocaching.com oder opencaching.de der Erfolg dokumentiert.
Die Community wird immer größer: Beim letztjährigen GPS-Festival, das der Gerätehersteller und Branchenführer Garmin auf der Zeche Zollverein in Essen organisierte, nahmen über 15.000 Menschen teil. Es gibt diverse Spielvarianten. Traditionell sucht man nur einen Cache. Möglich sind auch mehrere hintereinander als Multicache. Es gibt Schatzsuchen mit Rätselaufgaben (Mysterycache), Mathe- oder Physikcaches, Nachtcaches oder Drive-in-Caches, bei denen der Parkplatz praktischerweise ganz in der Nähe ist. Sportliche Menschen beteiligen sich an Caches, die nur mit speziellem Equipment wie Bergsteiger- oder Schnorchelausrüstung erreichbar sind. Richtig anstrengend wird es beim Laufspiel „Fast Foot“. Ähnlich wie beim bekannten Brettspiel Scotland Yard müssen dabei mehrere Personen einen „Dieb“ per GPS in der Stadt jagen und aufspüren.

GPS in der Bildung
Seit mehreren Jahren können Jugendteams am Geocaching-Spiel „Dortmund sucht das Super-Ei“ (DsdSe) von Geobound Hamburg teilnehmen. Dabei müssen sie knifflige Fragen lösen und lernen auf der Suche nach dem glitzernden Schatz ihren Stadtteil mit ganz anderen Augen kennen. Das Medienkulturzentrum Dresden verknüpft bei seinen „CityTracks“ erlebnispädagogische Elemente mit Geocaching. Dabei müssen Jugendliche aus Polen und Deutschland an Stationen Aufgaben medial umsetzen, etwa in Form von Handyvideos, Comics oder Interviews. Viele Städte bieten inzwischen Geocaching oder GPS-Touren im Rahmen ihres Citymarketings an. Touristen erhalten über das Gerät digitale Informationen direkt vor Ort. Das Reparieren von ständig zerstörten Infotafeln ist nicht mehr nötig. Auch viele ländliche Regionen werben mit attraktiven GPS-Wanderrouten oder -Fahrradtouren durch reizvolle Landschaften. Der Verein Aktion Fischotterschutz bietet „Natur als Abenteuer“ in Form einer Rallye entlang der Alster in Hamburg an. Als „Naturscouts“ werden Kinder nicht nur an ihrem Geburtstag interaktiv und GPS-gestützt vom NABU Hamburg durch das Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook geleitet.

Kritik
Das Interesse an GPS ist in der Umweltbildung groß, aber Unkenntnis und Befürchtungen oftmals ebenso. Kosten und Aufwand sollten in einem vertretbaren Verhältnis stehen. Neben den Anschaffungskosten für die GPS-Geräte wollen auch Reparaturkosten, Versicherung gegen Diebstahl, Übertragungsgebühren und technische Software-Aufrüstung bedacht sein. Die Technik darf in der Praxis nicht versagen: Ist der Akku voll? Läuft die Software einwandfrei? Ist das Gerät wasserdicht? In Gebäuden funktioniert GPS nicht, im Wald oder in Schluchten gibt es Empfangsschwierigkeiten. Die Messgenauigkeit liegt in der Regel bei zehn Metern.
Viele fragen sich da: Genügt vielleicht nicht doch einfach eine gedruckte Karte? Wie sieht eigentlich die Ökobilanz solcher Geräte aus? Werden hier materielle Bedürfnisse künstlich geweckt, während das Naturerleben selbst weiter in den Hintergrund rückt? Welcher Förster orientiert sich denn auf der Pirsch mit einem GPS?
Tatsächlich wühlen sich manche Suchteams durch die Gegend schlimmer als Wildschweine. Baumstümpfe werden aus dem Boden gerissen und Wiesen platt getrampelt. Der Deutsche Wanderverband hat daher gemeinsam mit der Deutschen Wanderjugend und der Firma Garmin im vergangenen Februar Empfehlungen für naturverträgliches Geocaching vorgestellt: Caches sollen nicht in Naturschutzgebieten abseits der Wege oder gar in Höhlen oder Baumhöhlen versteckt sein. Auf die Brutzeit von Vögeln und die Aufzucht von Wildtierjungen ist Rücksicht zu nehmen.
Die Beurteilung des pädagogischen Nutzens ist schwierig. Manchem Jugendleiter gelingt es möglicherweise, Jugendliche mit Geocaching in die Natur zu locken. Doch ob diese bei der Bedienung des GPS-Gerätes überhaupt die Umgebung wahrnehmen, ist fraglich. Aufsichtspflicht und Unfallvermeidung müssen gewährleistet sein, was bei begeistert davonstürmenden Jugendlichen nicht immer leicht ist.
In Projektbeschreibungen heißt es oft: „Das Vorhaben fördert Medienkompetenz, Kreativität, Kombinationsvermögen und vernetztes Denken ...“ Doch ob Teilnehmende beim Geocaching die sogenannten BNE-Teilkompetenzen nach dem Konzept von de Haan und Bormann erwerben können – beispielsweise vorausschauend denken und handeln lernen, eigene Leitbilder und die anderer reflektieren oder Empathie und Solidarität für andere zeigen können –, darf bezweifelt werden.
Auch Anforderungen, wie sie der Hamburger Aktionsplan zur UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) formuliert, werden in der überwiegenden Praxis meist nicht erfüllt: BNE-Aktivitäten sollen Schlüsselthemen einer nachhaltigen Entwicklung wie Klimaschutz, Konsum oder Gesundheit aufgreifen, Perspektiven wie Geschlechtergerechtigkeit oder interkulturelle Aspekte berücksichtigen, zukunftsfähige Leitbilder entwickeln, ökologische mit sozialen und wirtschaftlichen Aspekten verbinden und lokale oder globale Nachhaltigkeitsdefizite aufzeigen und bearbeiten.

Empfehlungen
Dabei ließen sich viele GPS-Touren durchaus in Richtung Nachhaltigkeit weiterentwickeln. Lokale Events wie das Europäische Umwelthauptstadtjahr in Hamburg oder das Hamburger Klimaschutzprogramm böten hervorragende Anlässe für den Einsatz von GPS-Geräten. Auch für Baumpatenschaften könnte das GPS genutzt werden. Auf Kindergeburtstagsrallyes durch die Nachbarschaft könnten soziale Projekte kennengelernt werden.
GPS-gestützte Bildungsangebote bieten sehr gute Möglichkeiten für ein informelles und lebenslanges Lernen. Damit Spiel und Spaß in einem ausgewogenen Verhältnis zum Lernen stehen, wären pädagogische Rahmenkonzepte hilfreich, bei denen die Erlebnisse mit den Akteuren vor- und nachbereitet werden. Beobachtungsaufgaben, Interviews mit Passanten oder gar geplante Begegnungen mit Menschen an Anlaufpunkten sollten gezielt eingebaut werden. Auch sollten die Räume zwischen den Anlaufstellen ins Blickfeld rücken, etwa indem Veränderungen durch Fotos, Skizzen oder Fundstücke dokumentiert werden. Auf Abruf könnten Zusatzinformationen digital bereitgestellt werden, so auch ein Hinweis für Migranten in ihrer Muttersprache. Wünschenswert wäre vor allem eine größere Interaktivität. Zwar gibt es für iPhone-Handys schon Anwendungsprogramme (Apps) zur Erkennung von Vogelstimmen, doch keine direkte Erkennungssoftware. Dies wäre zum Beispiel auch für die Erkennung von Blättern denkbar, die mit dem Foto des Handys aufgenommen wurden.
Insgesamt sollte das Angebot aber nicht pädagogisch überfrachtet werden. Blaise Pascal, ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und Philosoph des siebzehnten Jahrhunderts, sagte: „Wir suchen niemals die Dinge, sondern das Suchen nach ihnen.“

[Jürgen Forkel-Schubert]

Tagungsdokumentation in Vorbereitung: Natur als Abenteuer. GPS-unterstützte Bildungsangebote. Metropolregion Hamburg und Aktion Fischotterschutz, April 2010. Kontakt: Karsten Borggräfe, E-Mail: k.borggraefe@otterzentrum.de

Garmin Outdoor-GPS-Geräte in der Jugendarbeit und im Unterricht: www.garminonline.de

Hamburger Aktionsplan BNE: www.hamburg.de/aktionsplan

De Haan, G.; Bormann, I. (Hrsg.): Gestaltungskompetenz als Kompetenzkonzept für Bildung für nachhaltige Entwicklung. VS, Wiesbaden 2008, S. 23–43

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