Studie „Bildung für Nachhaltige Entwicklung 2020“ Pessimistischer Blick in die Zukunft

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ökopädNEWS
Juli 2009
Ausgabe Nr. 202

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Titelthema

Studie „Bildung für Nachhaltige Entwicklung 2020“ Pessimistischer Blick in die Zukunft


Berliner Studierende befragten Experten der Bildung für nachhaltige Entwicklung zu den Perspektiven im Jahr 2020. Das Ergebnis: Die Ziele des Aktionsplans der Deutschen Unesco-Kommission werden begrüßt. Doch es gibt starke Zweifel daran, ob die in Gang gesetzten Maßnahmen genügen, um sie zu erreichen.

Die Vereinten Nationen haben für die Jahre 2005 bis 2014 weltweit die Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) ausgerufen. Der Nationale Aktionsplan für Deutschland nennt als oberstes Ziel, „allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die es ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu erlernen, die für eine lebenswerte Zukunft und positive gesellschaftliche Veränderung erforderlich sind“. Erreicht werden soll dies durch vier Teilziele:

- den Transfer guter Praxis in die Breite,
- eine bessere Vernetzung der Akteure,
- mehr öffentliche Wahrnehmung und
- eine Verstärkung der internationalen Kooperationen.

Nach nunmehr fünf Jahren sollte gefragt werden, ob die anfängliche Dynamik heute noch trägt, wie weit die Akteure auf dem Weg zum Ziel vorangekommen sind und ob das Erreichen der Ziele innerhalb eines überschaubaren Zeithorizonts überhaupt möglich erscheint.

Berliner Studiengruppe befragte Experten
Mit diesen Fragen hat sich eine Studentengruppe der Freien Universität Berlin auseinandergesetzt. Projektleiter Lars Gerhold und seine Teammitglieder Natalia Basova, Stefanie Behrend, Michael Groneberg, Bozena Kiefer, Jana Tajzich, Annika Schmidt, Cornelia Wagner und Nadine Westphal entschieden sich, BNE-Expertinnen und -Experten aus ganz Deutschland zu befragen. Diese Experten sollten einschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Teilziele der UN-Dekade BNE im Jahr 2020 erreicht werden können. Zugleich sollten sie sagen, ob sie diese Ziele auch für wünschenswert erachten.
Als Befragungsmethode wählte die Projektgruppe das sogenannte Delphi-Verfahren. Dabei wird die Befragung in zwei Wellen durchgeführt, sodass die Befragten ihre Aussagen aufgrund der Ergebnisse der ersten Umfrage nachträglich verändern können. Die Experten wurden mit Unterstützung von E-Mail-Verteilern aus dem Institut Futur ausfindig gemacht. Dessen Leiter Gerhard de Haan ist Professor für Umweltbildung an der TU und Vorsitzender des Nationalkomitees der UN-Dekade BNE. In dem Verteiler waren Mitglieder verschiedener Gremien der UN-Dekade, Absolventen der Multiplikatorenausbildung „BNE in Ganztagsschulen“, Vertreter des ehemaligen Projekts Transfer 21 sowie ausgewählte Einzelpersonen.

Wünschenswert, aber unwahrscheinlich
Der Onlinefragebogen enthielt 32 zu bewertende Aussagen. Auf einer fünfstufigen Skala mussten die Annahmen nach ihrer Wahrscheinlichkeit und Erwünschtheit beurteilt werden. In die Auswertung wurden nur Experten und Expertinnen einbezogen, die mit BNE gut vertraut sind und hier über mehrjährige Erfahrung verfügen. Die zweite Erhebungswelle brachte kaum nennenswerte Veränderungen, was darauf schließen lässt, dass die meisten Experten sich ihrer Einschätzung sehr sicher waren.
Das Ergebnis zeigt für nahezu alle abgefragten Handlungsziele deutliche Diskrepanzen: Die Konzepte und Zielformulierungen der UN-Dekade in Deutschland werden uneingeschränkt als wünschenswert angesehen. Doch die Realisierung vieler Ziele bis zum Jahr 2020 halten die Befragten überwiegend für unwahrscheinlich.

Im Themenbereich „Weiterentwicklung und Bündelung der Aktivitäten sowie Transfer guter Praxis in die Breite“ besteht die größte Differenz zwischen Erwünschtem und Wahrscheinlichem im schulischen Bereich. Die Experten wünschen sich die systematische Etablierung von BNE in der Schule. Sie möchten, dass BNE als regelmäßiger Lehrstoff in allgemeinbildenden Schulen bis zum Jahr 2020 eingeführt wird. Doch nur etwa ein Drittel der Befragten glaubt daran und mehr als 42 Prozent der Experten bezweifeln es. Das lässt auf eine gewisse Enttäuschung darüber schließen, dass die seit Beginn der Dekade erhofften Fortschritte in der Schule noch nicht erreicht worden sind. Ein wenig besser wird die Situation in Kindergärten und Hochschulen eingeschätzt. Überraschend viele Befragte glauben, dass BNE dennoch in den Bildungs- und Lehrplänen fest verankert sein wird.

 

Pessimismus auf allen Ebenen
Was die Vernetzung der Akteure angeht, sehen viele Experten für 2020 eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass Netzwerke wie die Unesco-Schulen einen BNE-Transfer in die Breite bewirken. Kooperationen zwischen Wirtschaftsunternehmen und Bildungseinrichtungen halten sie dagegen für weniger wahrscheinlich.
Tiefster Pessimismus wird bei der Frage nach der öffentlichen Wahrnehmung von BNE deutlich. Fast alle Experten wünschen sich, dass die Bevölkerung im Jahr 2020 im Sinne der Nachhaltigkeit handelt. Doch nur verschwindend geringe vier Prozent der Befragten glauben daran. 80 Prozent halten es für eher unwahrscheinlich. Ein wenig Hoffnung scheint dagegen bei der Verbreitung handlungsrelevanten Wissens durch. Die Verstärkung bürgerlichen Engagements für Nachhaltigkeit wird sogar als noch wahrscheinlicher eingeschätzt.
Auch bei den Prognosen für den internationalen Bereich herrscht Frust vor.
Kaum jemand glaubt, dass der Nachhaltigkeitsgedanke auf globaler Ebene im Jahr 2020 handlungsbestimmend sein wird. In den Entwicklungsländern wird BNE weiter hinterherhinken, während in Europa BNE stärker als heute Themenschwerpunkt in Bildungsprogrammen und -projekten sein wird. Die führende Rolle Deutschlands bei der Umsetzung von BNE relativieren die Befragten allerdings. Sie haben die Hoffnung, dass andere Länder den Vorsprung bis dahin aufholen.

Hoffnung: Erfolgreiche Maßnahmen in die Breite bringen
Die Autoren der Studie fragen sich, wie man mit einer solch pessimistischen Einschätzung umgeht. Obwohl die Experten selbst wohl überwiegend aktiv und von ihrem Tun überzeugt sein dürften, fehlt ihnen der Glaube an den politischen Rahmen, mit dem BNE in Deutschland mittelfristig erfolgreich als gesellschaftliches Konzept etabliert werden kann. Für die globale Perspektive bezweifeln sie, dass WTO, Weltbank oder IWF die richtigen Weichen stellen werden.

Gerhold und sein Team empfehlen, die Ergebnisse zum Anlass zu nehmen, die nationale Perspektive mit dem Blick auf die Bevölkerung durch Transfermaßnahmen zu stärken und besonders erfolgreiche Maßnahmen langfristig abzusichern. Darüber hinaus soll der Aktionsradius auf den globalen Raum ausgeweitet werden, um auch dort die politischen Voraussetzungen zu fördern, die notwendig sind, um BNE-Maßnahmen zum Erfolg zu führen.

Kontakt: Dr. Lars Gerhold,
Institut Futur, Freie Universität Berlin,
Tel. +49 (0)30 / 83856439,
E-Mail: gerhold@institutfutur.de,
www.institutfutur.de

Gerhold, L.; Schmidt, A., Wagner, C. (2009):
Bildung für Nachhaltige Entwicklung 2020.
Berlin, 47 S., Download:
www.institutfutur.de/BNE2020.pdf

(VON JÜRGEN FORKEL-SCHUBERT)

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