Nachhaltigkeit in Hochschulen. Verschläft Deutschland den Trend?

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ökopädNEWS
August/September 2009
Ausgabe Nr. 203

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Titelthema

Nachhaltigkeit in Hochschulen. Verschläft Deutschland den Trend?


Im Vergleich zu internationalen Hochschulen haben nur wenige deutsche Einrichtungen den Trend zur Nachhaltigkeit aufgegriffen. Dabei käme ihnen die Aufgabe zu, die komplexen Probleme einer zunehmend globalisierten Weltgesellschaft zu erkennen und substanzielle Beiträge für deren Lösung zu erarbeiten.

Die Hochschulen haben aus mehreren Gründen bei der Umsetzung der Ziele von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eine Schlüsselstellung – vorausgesetzt, sie fühlen sich einer nachhaltig orientierten Weltentwicklung verpflichtet und setzen dies verantwortungsvoll in ihren eigenen Aufgaben- und Handlungsfeldern um:

Hochschulen leisten die Grundausbildung für sämtliche Berufe, die eine wissenschaftliche Ausbildung benötigen, darunter künftige Führungspersönlichkeiten und Lehrpersonen mit Multiplikatorfunktion. Gleichzeitig obliegt Hochschulen die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Um all dies auf der Basis neuester Erkenntnisse leisten zu können, ist eine hoch qualifizierte Forschung in Grundlagen- und Anwendungsfeldern unverzichtbar.

Über die wissenschaftliche Forschung sind Hochschulen Werkstätten des Erkenntniszuwachses. Im Kontext von BNE kommt ihnen eine besondere gesellschaftliche Aufgabe als Denkfabrik zu, die ein wissenschaftsbasiertes Planen und Erproben möglicher nachhaltiger Zukünfte einschließt.

Zu den Kernaufgaben von Hochschulen gehört auch der Transfer von Wissensbeständen und Forschungsergebnissen in die Gesellschaft. Außerdem sollen sich Hochschulen gesellschaftlich engagieren, indem sie nachhaltige Entwicklungsprozesse unterstützen.

Ansätze zu einem nachhaltigen Lebens- und Konsumstil sind auch im Universitätsbetrieb gefragt, etwa in Administration, Management oder Beschaffung. Dies bietet insbesondere für Studierende – etwa im Rahmen eines Freiwilligenengagements – zugleich Chancen für wertvolle informelle Lernprozesse, die nicht institutionell und/oder didaktisch organisiert sind.

Europäische Vorbilder

Über 320 europäische Hochschulen haben die Copernicus-Charta von 1993 unterzeichnet, die von der Europäischen Hochschulrektorenkonferenz initiiert wurde. Damit verpflichten sich die Hochschulen, nach Wegen zu suchen, um die Idee der Nachhaltigkeit im universitären Bereich zu verankern. Doch bislang haben sich nur wenige Hochschulen der Herausforderung Nachhaltigkeit gestellt. Hierzu gehören in Großbritannien die University of Plymouth, in Schweden die Chalmers University of Technology in Göteborg, in den Niederlanden die Universität Amsterdam, in der Schweiz die Pädagogische Hochschule Zürich, in Österreich die Universität Graz und in Spanien die Technische Universität Kataloniens in Barcelona. In Deutschland gibt es Ansätze bei den Universitäten Lüneburg, Oldenburg und Bremen, der Hochschule Zittau und der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven.

Systemischer Ansatz in Lüneburg

Die Leuphana Universität Lüneburg hat seit ihrem Beitritt zur Copernicus-Charta im Jahr 1997 versucht, Ansätze einer nachhaltigen Entwicklung in verschiedenen Bereichen und auf unterschiedlichen Ebenen zu realisieren. Die besondere Herangehensweise der Lüneburger Projekte liegt darin, die Binnensicht auf die eigene Institution mit einer Systemanalyse des eigenen Hochschulsystems und einem spezifischen Methodenansatz, dem Fallstudiendesign, zu verknüpfen. Damit sich eine Hochschule in Richtung Nachhaltigkeit bewegt – so viel lässt sich aus der bisherigen Arbeit festhalten – müssen drei Ebenen beteiligt sein:

- die Institution selbst (Rahmenbedingungen, Organisationsstruktur, Management),
- die verschiedenen Akteure (Lehrende, Lernende, nichtwissenschaftliche Mitarbeiter, Interessenvertreter) und
- nicht zuletzt die ablaufenden Prozesse (transdisziplinäre Zusammenarbeit).

Doch inter- und transdisziplinäres Denken und Arbeiten, das Studierende zu erfolgreichem selbstständigen Handeln und globaler Verantwortung befähigt, ist bisher im universitären Bereich die Ausnahme. Wissenschaftspolitisch eher marginal, wird es in der Scientific Community noch nicht honoriert. So bleibt die Aufgabe, mehr Hochschulen für eine Einbindung von BNE zu gewinnen.

Lübecker Erklärung legt Fahrplan vor

Die Universität Lüneburg arbeitet daher verstärkt in universitären Netzwerken und Arbeitsgemeinschaften mit, etwa in der „Norddeutschen Partnerschaft zur Unterstützung der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005–2014“ (NUN) und auch in der AG Hochschule des Runden Tisches zur UN-Dekade. Unter Lüneburger Federführung wurde 2005 auf der 1. NUN-Konferenz die „Lübecker Erklärung zu Hochschule und Nachhaltigkeit“ verabschiedet. Sie macht Vorschläge, wie Hochschulen in Richtung Nachhaltigkeit bewegt werden können. Auf der 2. NUN-Konferenz 2007 wurde eine Erklärung „Klimawandel & Hochschulen“ nachgeschoben, die alle Hochschulen sowie die Verantwortlichen in Hochschulpolitik und -verwaltung auffordert, ihren Beitrag zur strukturellen und konzeptionellen Verankerung des Themas Klima und Energie in den Hochschulen zu leisten. [Maik Adomßent]

Kontakt: Dr. Maik Adomßent, Leuphana Universität Lüneburg, Institut für Umweltkommunikation, Tel. +49 (0)4131 / 6772924, E-Mail: adomssent@uni.leuphana.de

www.leuphana.de/institute/infu

www.nun-dekade.de/themenbereiche/hochschule/materialien

 

 

 

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