Shell-Studie "Jugend '97": Arbeitslosigkeit vor Umweltverschmutzung als größte Angst

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ökopädNEWS
Juli 1997
Ausgabe Nr. 074

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Titelstory

Shell-Studie "Jugend '97": Arbeitslosigkeit vor Umweltverschmutzung als größte Angst


Seit 1950 finanziert der deutsche Zweig des Ölmultis Shell nicht nur Projekte und Einrichtungen für Verkehrserziehung Jugendlicher sondern gibt auch für die sog. Shell-Studien das Geld. Inhaltlich mischt er sich nicht ein und überläßt die Arbeit rennomierten und unabhängigen Wissenschaftlern. 1953 ließ der Konzern die Mentalität der Nachkriegsjugend erforschen, Ende der fünfziger Jahre prognostizierte die Studie das Ende vom "Muff" der Adenauer-Ära. Die nun vorgelegte 462 Seiten starke Untersuchung zur "Jugend '97" trägt den Untertitel "Zukunftsperspektiven, gesellschaftliches Engagement, politische Orientierung" und soll "knapp 10 Jahre nach der Wiedervereinigung" ausloten, welches Bewußtsein und welche Meinung deutsche Jugendliche von ihrer Zukunft und ihren Mitgestaltungsmöglichkeiten haben.

Im letzten Jahr wurden deshalb vom Institut Psydata Frankfurt 2100 halbstandardisierte Befragungen, 60 mehrstündige Interviews und 19 Portraitstudien durchgeführt. Die wissenschaftliche Darstellung der Ergebnisse macht jedoch nur einen kleinen Teil des nun erschienenen Buches aus. Wichtiger war den Autoren, durch Verwendung einer einfachen Sprache und vielen Bildern ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Dennoch ist die Darstellung differenziert und detailreich. Dieses Experiment ist durchaus geglückt. Das Buch bietet neben einer qualitativen und einer quantitativen Studie auch 19 ausführliche biographische Porttraits. Die zentrale Aussage der Studie lautet: "Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht". Dieser Kernsatz besagt, daß die Probleme der Arbeitswelt die Jugend am stärksten beschäftigen und nicht die klassischen Lehrbuchprobleme Identitätsfindung, Partnerwahl oder Verselbständigung. Die deutschen Jugendlichen äußern insbesondere ihre Sorgen, daß die derzeit bestehenden Probleme mit Massenarbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel, Sozialabbau und Verarmungsprozessen von der Politik nicht angegangen werden, ja daß in absehbarer Zeit Lösungen nicht zu erwarten sind. Sie fühlen sich von der Politik und den Erwachsenen im Stich gelassen und einflußlos. Dies trifft gleichhäufig auf beide Geschlechter und auf junge Menschen in Ost und West zu. Es scheint, daß hier ein Konsens in der gesamten jungen Generation liegt, gewissermaßen eine "prägende Generationenerfahrung". Die steigende Arbeitslosenzahl wird nicht nur als ein großes und sehr großes "Problem für unsere Gesellschaft" (92%) gehalten, sondern auch ein "Problem, das die persönliche Zukunft stark beeinträchtigen" wird (88%).

An zweiter Stelle steht bereits die Umweltverschmutzung. Sie wird als kaum weniger belastend für Gesellschaft und das eigene Leben empfunden. Der Nord-Süd-Konflikt dagegen findet sich weit abgeschlagen aus dem letzten Platz. Ein Problem (am größten für Mädchen in Ostdeutschland) ist das Erwachsenenwerdenwollen, das immer länger hinausgezögert wird, um sich noch besser ausbilden und qualifizieren zu können. Fast nur noch in Spurenelementen sind Anzeichen der "Nofuture-Generation" zu erkennen. Stattdessen orientieren sich Jugendliche am Wertekanon der Erwachsenen. Subkulturen stehen nicht mehr hoch im Kurs. In puncto Lebensstil bedient man sich mal hier, mal dort, experimentiert gerne, aber lehnt extreme Lebensformen deutlich ab. Auf der Haßliste stehen Hooligans vor Faschos und Neonazis mit 90% ganz oben - Zustimmung genießen mit 82% Tierschützer, gefolgt von Umweltschützern. Die Rede von der faulen, depressiven Jugend wird überzeugend widerlegt: viele engagieren sich in Vereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Umweltbereich oder in kommunalen Initiativen. Das Vertrauen in politische Parteien ist gering: während die Grünen und die SPD leicht in der Gunst der Jugendlichen gesunken sind, darf sich die CDU über leichte Zuwächse freuen. "Nicht die Politikverdrossenheit der Jugend, sondern die Jugendverdrossenheit der Politik wird zur Frage" so die Erklärung der Studienforscher. Wer mit Jugendlichen arbeitet sollte diese Aussagen kennen.

("Shell Studie: Jugend '97", Verlag Leske und Budrich, Leverkusen 1997, DM 19,80)

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