Schulische Umweltbildung vor neuen Anforderungen oder "mega-out" ?

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ökopädNEWS
Dezember 1999
Ausgabe Nr. 101

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Titelstory

Schulische Umweltbildung vor neuen Anforderungen oder "mega-out" ?


Seit dem Beschluß der Kultusministerkonferenz von 1980 gilt Umwelterziehung als fächerübergreifendes Prinzip in der Schule, das natur- und geisteswissenschaftliche Bereiche umfassen soll. In ihrem (enttäuschenden) Bericht "Schulische Umwelterziehung in Deutschland" von 1992 führte die KMK neben Berichten aus den Ländern lediglich einige "Maßnahmen von Bedeutung" wie z.B. bessere Koordinierung oder bessere Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen auf. Auf Regierungsseite legte das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) 1987 ein "Arbeitsprogramm Umweltbildung" vor und stellt die Ergebnisse 10 Jahre später in Form einer Evaluierungsstudie "Umweltbildung als Innovation" vor. Hierin heißt es, daß Umweltbildung einerseits als Innovationsauslöser wirke, weil sie neue Inhalte oder neue Lehr- und Lernformen in der Schule plaziere. Gleichzeitig bestünden aber auch viele Defizite, wie z.B. die Dominanz fachbezogener Lehrkonzepte oder die Flucht in die Idylle der Natur. Eine Reihe stützender Maßnahmen wurden aufgeführt, darunter auch, daß Umweltbildungsverbände und Umweltzentren noch stärker als bisher in die Förderung der Umweltbildung einbezogen werden sollten.

Umweltbildung und Nachhaltigkeit

Im November 1998 überraschte die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) mit einem "Orientierungsrahmen - Bildung für eine nachhaltige Entwicklung". Darin wird festgestellt, daß Bildung - insbesondere Umweltbildung - "einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung leistet" und ein Überblick über den Stand der Diskussion in Kindergarten, Schule, Beruf, Hochschule und Weiterbildung gegeben. Umweltzentren finden nur noch am Rande Erwähnung. Dieses Jahr legte die BLK nach und startete am 1. August eine Neuauflage ihrer BLK-Modellversuche, ausgestattet mit 25 Millionen Mark, die ausschließlich in den Kultusbereich fließen. Je 6-8 Schulen arbeiten über mehrere Jahre in insgesamt 13 Themenfeldern zusammen, die in drei Module gegliedert sind: "Interdisziplinäres Wissen", "Partizipatives Lernen" und "Innovative Strukturen". Auch hier werden Umweltzentren lediglich im Themenfeld "Neue Formen externer Kooperation" eingebunden. Wenn die Länder eine Lehrerstelle bereitstellen, gibt der Bund gibt 100.000,- Mark dazu. Die Koordinierungsstelle befindet sich in der FU Berlin bei Professor de Haan. In einem "Gutachten zum Programm: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" (BLK Heft 72) wird ausgeführt, wie die Integration einer Bildung für nachhaltige Entwicklung in die schulische Regelpraxis erfolgen soll und was die notwendigen Voraussetzungen zum Erlangen von "Gestaltungskompetenzen" sind.

Bildungspolitisches Symposium

Angesichts der Tatsache, daß sich nach wie vor lediglich ein bis zwei Prozent des Unterrichts mit Umweltbildung befassen, muß die Frage erlaubt sein: "Schulische Umweltbildung vor neuen Anforderungen oder "mega-out"?" Diesen provokanten Titel trug ein bildungspolitisches Symposiums, das der Verband Bildung und Erziehung (VBE) gemeinsam mit dem Deutschen Naturschutzring (DNR) am 12. November 1999 in Berlin durchführte, um die schulische Umweltbildung unter dem Anspruch der Nachhaltigkeit neu zu verorten. Zu Beginn stellte der bayerische Umweltminister und Vorsitzende der Umweltministerkonferenz (UMK) Dr. Werner Schnappauf fest, daß Umweltbildung allerhöchsten Stellenwert besitzt, um von einer nachsorgenden Umweltreparatur zu einer Umweltvorsorge zu gelangen. Professor Josef Reichholf, Präsidiumsmitglied des WWF, sah die Landwirtschaft als größtes Problem bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung. Für viele Menschen ist Umweltbildung mega-out, weil sie nichts nutzt. Während viele Menschen für ökologisches Verhalten mehr zahlen müßten, fördere die Politik insbesondere durch die Argrarsubventionen die Umweltzerstörung. Weniger Umweltprobleme und mehr attraktiver Modelle, die einen Gewinn an Lebensqualität versprechen, sollten vermittelt werden. Dafür sprach sich Professor Markus Vogt von der Hochschule Benedikt-Beuren aus. Umweltbildung als Instrument der Nachhaltigkeit laufe dabei aber Gefahr, als Kompensationsmodell zur realen Politik mißbraucht zu werden und ist außerdem nur sehr schwer meßbar.
In der anschließenden Diskussion zwischen dem Staatssekretär im BMBF, Wolf Michael Catenhusen (SPD) und den beiden Bundestagsabgeordneten Herbert Reul (CDU) und Matthias Berninger (Grüne) wurde zwar allgemein die Notwendigkeit einer Bildung für Nachhaltigkeit geäußert, bei der Frage nach einer Aufweichung des Fächerprinzips zur Umsetzung der neuen Aufgabenfelder aber schieden sich die Geister. Während Catenhusen sich dies nur in einer Ganztagesschule vorstellen konnte, forderte Reul, daß vor der Diskussion über vernetzte und ethische Fragen eine verstärkte Vermittlung von Fachwissen stehen müsse. Berninger wies auf den Entschließungsantrag von SPD und Grüne zur Umweltbildung hin, über den der Bundestag demnächst zu entscheiden hätte. Insgesamt wurde deutlich, daß der Innovationsschub für die Schule wohl eher von außen kommen muß. Der Erfolg des Programms "Öffnung von Schule" (NRW) hat gezeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern, z.B. den Umweltzentren, ist. Sachsen-Anhalt hat dies erkannt und gesetzlich vorgeschrieben, daß Schüler in jeder Schulstufe mindestens einmal ein Umweltzentrum besuchen müssen. Es wäre wünschenswert, hier bundesweit anzuknüpfen und die geforderten Handlungskompetenzen außerhalb des rigiden Stundenkorsetts der Schule einzuholen.(jfs)

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