Evaluation zur ausserschulischen Umweltbildung in Deutschland - Blick zurück in die Zukunft

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ökopädNEWS
März 2000
Ausgabe Nr. 104

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Titelstory

Evaluation zur ausserschulischen Umweltbildung in Deutschland - Blick zurück in die Zukunft


Lange erwartet und nun endlich öffentlich: Der Abschlußbericht des im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) im Jahre 1995 ausgeschriebenen Projekts "Evaluation der Einrichtungen der allgemeinen Umweltbildung in Deutschland - Praxis und Perspektiven ihrer Arbeit" liegt nun in Kurzfassung vor, natürlich zuerst publiziert im Internet. Auslöser war die von der DBU wahrgenommene stetig wachsende Zahl an Umweltbildungseinrichtungen und die damit korrelierende zunehmende Zahl an Förderanträgen. Durch eine empirische Studie erhoffte man sich nicht nur eine Beschreibung des Ist-Zustandes, sondern auch Aussagen darüber, wie Innovationen im Hinblick auf eine Neuorientierung der Umweltbildung im Kontext des Nachhaltigkeitsdiskurses möglich sind.
Den Zuschlag erhielt die Forschergruppe um Prof. Gerhard de Haan von der Freien Universität Berlin, die drei Jahre lang, von 1997 bis 1999, an der Erstellung der Studie arbeitete.

Alles Bildung oder was?

Wegen des großen Umfangs der zu erhebenden Daten wurden die Fragenkomplexe in fünf "Modulen" gebündelt. Erstes Problem dabei war die Notwendigkeit, den Begriff "Außerschulische Umweltbildung" zu definieren, um eine solide Grundlage für die empirische Studie zu haben. Da eine präzise Definition aber bis heute nicht vorliegt, entschloß man sich Liberalität walten zu lassen: "Umweltbildung ist das, was die Befragten dafür halten", also auch z.B. Umweltberatung oder Weitergabe von Umweltinformationen, wenn die Anbieter dies als "Umweltbildung" definieren. Dass dies eine gewagte Konstruktion ist, die zu heftigen Widersprüchen führen dürfte, kommunizieren die Autoren in der Studie ganz offen. Diese Festsetzung hatte zur Folge, dass nicht nur die Zahl der Umweltbildungsangebote, sondern auch die der Umweltbildungseinrichtungen auf ein bisher ungeahntes Maß anstieg. Nach dieser Definition können sich alle Institutionen, die in irgend einer Form Umweltbildung betreiben, als Umweltbildungseinrichtungen bezeichnen: Macht zusammen etwa 7.000 Einrichtungen in Deutschland, wovon sich 4.600 an der Umfrage beteiligten. Hier wäre eine Unterscheidung zwischen solchen Einrichtungen wünschenswert, die Umweltbildung überwiegend betreiben und solchen, die nur beiläufig etwas dazu anbieten.

Klassische Umweltthemen im Nord-Süd-Gefälle

Die Ergebnisse der Studie umfassen insgesamt rund 650 Textseiten und 500 Grafiken. Die bislang veröffentlichten "Einblicke" können hier nur angerissen werden, sind jedoch überaus interessant. Einige Auszüge:

- Regionale Verteilung: Die meisten Einrichtungen mit hoher Leistung (Teilnehmerstunden) liegen in Norddeutschland, Brandenburg und NRW. Der Süden ist insgesamt unterversorgt.
- Gesamtumfang des Angebots (gemessen in Teilnehmerstunden): Von allen außerschulischen Einrichtungen leisten die Umweltzentren den größten Beitrag, vor den allgemeinen Verbänden, den Umweltverbänden/NGOs und den Volkshochschulen - alle zusammen ca. 25 Millionen Stunden/Jahr (im Vergleich: Schulen leisten 115 Mio Stunden).
- Themenfelder: Die Hitparade zeigt, dass 70% aller Einrichtungen Veranstaltungen zu Natur/Naturschutz/Landwirtschaft/Forst anbieten, 50% Themen wie Politik/Gesellschaft/Bildung(???) und lediglich knapp ein Drittel Themen wie Agenda 21/Energiesparen/Konsum/Lebensqualität bearbeiten. Die meisten Einrichtungen behandeln die klassischen "grünen" Themen (Traditionalisten). Sie sind zu Innovationen im Sinne der Agenda 21 "nur um den Preis einer massiven Veränderung ihrer Identität" zu bewegen. Hier muß allerdings erlaubt sein zu fragen, ob eine Studie, die auf einen Fragebogen vom Februar 1998 aufbaut, der wiederum die Bildungsangebote von 1997 abfragt, nicht inzwischen von der rasanten technischen und (durchaus diskursiv geführten) inhaltlichen Entwicklung überholt wurde, die sehr viele Einrichtungen gerade in den letzten zwei Jahren vollzogen haben.
- Lehr- und Lernformen: Die am häufigsten genannten Veranstaltungsformen sind Vorträge, Seminare und Workshops. Innovative und partizipative Methoden werden nur in jeder zehnten Einrichtung eingesetzt (auch hier möglicherweise inzwischen überholt).
- Regionale Einbindung: während 70% der befragten Einrichtungen ein Mitwirken in der Lokalen Agenda 21 angaben, wird dies in der Studie bezweifelt, da nur 1,1% der befragten Mitarbeiter sich mit der LAG21 befassen würden und kaum entsprechende Bildungsangebote vorlägen.
- Akzeptanz: Die Studie postuliert ein deutliches Missverhältnis zwischen Selbstdarstellung und Wahrnehmung von außen, da die Bevölkerung nur zu einem geringen Teil in der Lage ist, Umweltbildungsangebote oder Einrichtungen treffend zu benennen. Im Vergleich zu Volkshochschulen oder Vereine und Museen ist nicht nur der allgemeine Bekanntheitsgrad von Umweltzentren bei der Bevölkerung am höchsten. Umweltzentren werden auch eindeutiger als alle anderen als Einrichtungen mit Veranstaltungsangebot zu Umweltthemen wahrgenommen.
- Personalstruktur: Umweltbildungseinrichtungen sind nicht zu unterschätzende Arbeitgeber mit insgesamt etwa 80.000 Beschäftigten, davon ca. 10 bis 12.000 "UmweltpädagogInnen", die sich jedoch zu über 70% nur teilweise mit Umweltbildung beschäftigen.
Die Autoren bemerken zum Schluß ausdrücklich, dass die oft kritische Darstellung der außerschulischen Umweltbildung nicht als Herabwürdigung von Leistungen verstanden werden möge, sondern als Hilfe für einen strategischen Ansatz zur Neuorientierung in einer sich wandelnden Zeit. Neben der Veröffentlichung als Datenhandbuch sind die Zukunft laufend Vorträge und Workshops geplant.

Bezug der Kurzfassung in Papierform in S/W für 6 Mark plus Versand. Mit 10 Farbfolien zusätzlich 10 Mark. FU Berlin, Prof. Dr. Gerhard de Haan, Arnimallee 9, D-14195 Berlin, Fon ++49/(0)30/8385.3054, Fax .75494, Email: info(at)serviceumweltbildung.de, www.service-umweltbildung.de/content.php3?docTag=Eva

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