Streichelt Bäume! Naturerleben fördert umweltbewußtes Handeln

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ökopädNEWS
April 2000
Ausgabe Nr. 105

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Titelstory

Streichelt Bäume! Naturerleben fördert umweltbewußtes Handeln


Eine neue Studie belegt die Bedeutung von Naturerlebnissen. Geht es um das umweltgerechte Handeln, dann ist es siebenmal wichtiger Kindern Naturerfahrungen zu vermitteln als ihnen Umweltwissen einzutrichtern. Anders ausgedrückt: Wer Kinder Bäume streicheln läßt und ihnen die Schönheiten der Natur vermittelt, legt wichtige Grundlagen, damit sie ihren Alltag umweltfreundlich gestalten können.
Eine neue Studie des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) an der Universität Kiel belegt, dass das Vermitteln von Naturerlebnissen eine wichtige Grundlage bei vielen Menschen für ihr späteres umweltbewußtes Handeln ist. Die oftmals etwas spöttisch als "Bäumestreicheln" oder Spielerei abgetane pädagogische Praxis entpuppt sich damit als ernst zu nehmender Baustein einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Susanne Bögeholz befragte in den Jahren 1996-1997 insgesamt 1243 Jugendliche (etwa gleichviel Jungen und Mädchen) im Alter von 10 bis 18 Jahren, um eine Beziehung zwischen Naturerfahrung und Umwelthandeln nachzuweisen. Etwa die Hälfte der befragten Kinder und Jugendliche waren in Umwelt- und Naturschutzverbänden organisiert, der Rest nicht. Bögeholz fand heraus, dass insbesondere das Erforschen von Tieren und Pflanzen ("erkundende Naturerfahrung") und das intensive Erleben der Natur mit allen Sinnen ("ästhetische Naturerfahrung") sowie die langfristige praktische Mitarbeit im Naturschutz ("ökologische Naturerfahrung") die Neigung zu umweltfreundlichem Handeln im Alltag fördern.

Naturaufenthalt allein genügt nicht

Im Gegensatz dazu hat der bloße Aufenthalt in der freien Natur, z.B. im Urlaub, ebenso wenig fördernden Einfluss wie der pflegende Umgang bzw. die Partnerschaft mit einem Tier ("soziale Naturerfahrung"). Zwischen Jungen und Mädchen gibt es allerdings grundlegende Unterschiede in Hinblick auf Naturerfahrung, Umweltwissen und Umwelthandeln. Mädchen schätzen z.B. den Wert ökologischer Naturerfahrungen viel höher ein als Jungen, obwohl sie darin deutlich weniger Erfahrungen besitzen. Außerdem verfügen im Gegensatz zu Jungen alle Mädchen über einen ästhetischen Naturzugang. Bögeholz definierte anhand Häufigkeit und subjektiver Wertschätzung vier Naturerfahrungstypen bei jungen Menschen. Besondere Neigung zu umweltgerechtem Handeln zeigen insbesondere der "instrumentell-erkundende" Typ, bei dem die Beschäftigung mit Nutzpflanzen und Nutztieren im Vordergrund steht und der selten eine enge soziale Bindungen zum Tier eingeht, sowie der "ökologisch-erkundende" Typ, der sich durch naturschützerische Aktivitäten auszeichnet.. Geringere Handlungsmotivation und -intention zeigen dagegen "ästhetische" und "soziale" Typen. In der Hitparade der handlungsauslösenden Faktoren für Umwelthandeln stellen Anregungen durch Eltern den stärksten Einfluß dar - insbesondere, wenn zur Anregung zum Umweltschutz die Anregung zum Naturerleben hinzukommt. An zweiter Stelle rangieren die Einflüsse von Freunden, noch vor den erkundenden und den ästhetischen Naturerfahrungsdimensionen. An fünfter Stelle findet sich das Handlungswissen und abgeschlagen danach erst das Medienwissen, das zwar einen eindeutig nachweisbaren, aber nur schwachen Effekt für Umwelthandeln aufweist.

Naturerlebnis statt Katastrophenpädagogik

Bögeholz belegt, dass der Effekt der Motivation durch Naturerfahrungen etwa doppelt so groß ist wie derjenige durch (wahrgenommene) Bedrohung und rechtfertigt hiermit den Anfang der Achtziger Jahre eingeleiteten Wechsel von der "Katastrophenpädagogik" zum "Naturerlebnispädagogik". Als Variablen ohne Auswirkungen auf Umwelthandeln outet die Autorin neben den sozialen Naturerfahrungen auch die Schulausstattung, z.B. das Vorhandensein eines Schulgartens, einer Umwelt-AG oder die Durchführung von Umwelt-Projektwochen. Diese Studie ist vielleicht der wichtigste Meilenstein für eine Weiterentwicklung der Naturerlebnispädagogik von einem Kurzzeit-Ökotainment zu einer didaktisch begründeten psychologischen Begegnung zwischen Mensch und Natur und dient zugleich als Anerkennung der außerschulischen Umweltpädagogik insbesondere in vielen Umweltzentren. (jfs)

Susanne Bögeholz, "Qualitäten primärer Naturerfahrung und ihr Zusammenhang mit Umweltwissen und Umwelthandeln", Verlag Leske + Budrich, Opladen, 1999, 238 S., 44 Mark

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