Ökologisches Gewissen - Kinder an die Macht

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ökopädNEWS
Dezember 2000
Ausgabe Nr. 112

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Titelstory

Ökologisches Gewissen - Kinder an die Macht


Wie Öko-ExpertInnen und UmweltschützerInnen aus aller Welt die Zukunft der Erde sehen, ist in zwei Studien - veröffentlicht vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung und dem Sekretariat für Zukunftsforschung - nachzulesen. Während die ökologischen ExpertInnen in "Zukunftsstudien von oben" die Bedrohung der Erde fokussieren, zeigen die Kinder und Jugendlichen in der "Zukunftsstudie von unten" ihr vorbildliches ökologisches Gewissen. Die Synthese beider Studien offenbart: Wissen braucht Gewissen.

Die erste Studie "Delphi-Studie Gaia 2000" verwendet eine vereinfachte Version der sogenannten "Delphi-Methode", bei der die ExpertInnen wiederholt mit Aussagen ihrer KollegInnen konfrontiert werden - mit der Methode "Zukunftswerkstatt" nach Robert Jungk mit ihrer klassischen Kritik-, Phantasie- und Umsetzungsphase. 200 ausgewählte Fachleute aus den Bereichen Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Religion, Erziehung, Medien, Medizin, Psychologie, Nichtregierungsorganisationen und Jugend gaben Antwort auf Fragen nach globalen Megatrends, ihren ökologischen Ängsten und Hoffnungen, technischen und sozialen Utopien sowie der Selbsteinschätzung ihrer Arbeit und der anderer AkteurInnen. Die Einschätzung, dass sich die ökologische Krise zum wichtigsten Megatrend der Zukunft entwickeln wird, teilen die 50 Personen, die geantwortet haben, mit über 3000 ExpertInnen einer umfangreichen Vergleichsanalyse des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Delphi '98 "Zukunft nachgefragt"). Trotz der schlechten Noten für das letzte Jahrhundert besteht große Hoffnung, dass im 21. Jahrhundert ein ökologischer Wille entsteht, der ein Zusammenwirken von Bevölkerung, Politik und Wirtschaft bewirkt.

Bewusstsein ist vorhanden

Die zweite, von der Heinrich-Böll-Stiftung geförderte Studie stellt zunächst theoretische Überlegungen zu "Wissen" und "Gewissen" und der Idee des "ökologischen Gewissens" an. Im empirischen Teil wird ökologisches Gewissen durch ausgewählte Interviewbeispiele mit jungen Männern und Frauen, Schulkindern, Teenagern der sogenannten "Jugend-Generation X", Greenpeace-AktivistInnen und anderen UmweltschützerInnen aus allen Kontinenten portraitiert. Hierbei zeigt sich, dass sich überall auf der Welt Menschen Gedanken über den Umgang mit der Natur machen, wobei die "ökologische Hoffnungslosigkeit" in Deutschland am ausgeprägtesten ist. Des Weiteren weist die Studie besonders auf die große Diskrepanz zwischen dem ökologischen Gewissen vieler Kinder und Jugendlicher und der weitverbreiteten Ignoranz der Erwachsenen hin. Die große Mehrheit der Bevölkerung lehnt eine stärkere Mitbestimmung der jungen Generation noch immer ab. Ein 17-jähriger erläutert es so: "Alle Erwachsenen waren 18 Jahre lang Kinder mit Ohnmachtsgefühlen, die erlebt haben, dass Demokratie für sie nicht gilt". Albert Schweizer sagte einmal: "Wenn die Menschen das wären, was sie mit 14 Jahren sind, wie ganz anders wäre die Welt?"

Warten auf das ökologische Gewissen

Die beiden Studien weisen trotz unterschiedlicher Untersuchungsmethoden einige bemerkenswerte Parallelen auf. Beide befragten Gruppen teilen die rationale Einschätzung der Umweltzerstörung, der zu erwartenden Gesundheitsbelastungen, der Rohstoffverknappung und der Klimaentwicklung. Die Eintrittswahrscheinlichkeit der Prognosen liegt zwischen 2018 und 2031 - eine Zeit, die ein heute junger Mensch bei normaler Lebenserwartung durchaus erleben wird. Dabei hoffen immer noch viele Menschen auf die Technik oder "heilsame Schocks". Logisch zu Ende gedacht heißt dies, "nur der reale Weltuntergang wäre eine überzeugende Warnung vor dem Weltuntergang" (Peter Sloterdijk, 1992). Am Ende steht das Problem, ob wir fähig sind, uns zu einer ökologisch-ganzheitlichen "fully-functioning person" im Einklang mit der Natur zu entwickeln. Pädagogisch geht es dabei auch um die Frage des Umgangs mit Kindern, der den Umgang mit dem Kind in uns einschließt. Die Welt wartet auf einen ökologischen Gorbatschow - so die Quintessenz der Studie. Dabei lehrten uns alle Gorbatschows, Gandhis und Mandelas, dass wir selbst die Veränderung sein müssen, die wir in der Welt sehen wollen. Wie gut, dass die Schlüsselqualifikation für das 21. Jahrhundert, das ökologische Gewissen, nicht käuflich ist, meint der Autor Sven Sohr. (jfs)

Sven Sohr, "Ökologisches Gewissen", Nomos Verlag, Baden-Baden 2000, etwa 240 Seiten, 39 Mark, Bezug: Sekretariat für Zukunftsforschung, Munscheidstr. 14, D-45886 Gelsenkirchen, Fon ++49/(0)209/1672840, E-Mail sohr(at)sfz.wipage.de

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