BLK-Kongress 2001 - Zukunft lernen und gestalten

Ausgabe direkt auswählen:

Suchen in allen Ausgaben:

ökopädNEWS
Juli/August 2001
Ausgabe Nr. 119

Inhaltsverzeichnis | nächster Artikel

Titelgeschichte

BLK-Kongress 2001 - Zukunft lernen und gestalten


Drei wichtige Grundlagen für die Zukunft der Bildung stehen an: Der Zwischenbericht zum laufenden Programm "Agenda 21 in Schulen" der Bund-Länder-Kommission (BLK), der nationale Bericht zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, und die Antwort auf die parteienübergreifende Anfrage im Bundestag zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Wichtige Anlässe also, um Experten auf einem großen Kongress einmal zu Wort kommen zu lassen.

Mehr als 500 Personen aus Schulen, Verbänden, Ministerien, Hochschulen und verschiedensten Bildungsinstitutionen kamen vom 12. bis 13. Juni nach Osnabrück, um ihre Erfahrungen auszutauschen. Dabei waren auch VertreterInnen von über 60 ausgewählten "best-practice"-Beispielen. Um es gleich vorneweg zu sagen: die geplante "Osnabrücker Erklärung" ist ob der Breite des Bildungsansatzes und der Vielfalt der Themen nicht fertig geworden. Der Entwurf soll bis Ende Juni überarbeitet und durch den Tagungsablauf mit Referenten, Ergebnisprotokollen und Fotos ergänzt werden. Er kann dann im Internet unter http://www.blk-kongress.de/ abgerufen werden. Die Veranstaltung war insgesamt ausgezeichnet organisiert, aber so groß, dass kein Mensch in der Lage war, alles mitzubekommen. Die folgenden Punkte sollen als Schlaglichter einen persönlichen Eindruck wiedergeben:

1. Großes Theoriedefizit. Vor zwanzig Jahren wurde heftig um die Definition von Umwelterziehung gerungen, bis sie als fächerübergreifendes Prinzip in den Schulen eingerichtet wurde. Heute fehlt wieder eine klare Definition, was Bildung für nachhaltige Entwicklung eigentlich ist - die bloße Fortentwicklung von Umweltbildung, eine Summe aus Umweltbildung und Globalem Lernen oder die pädagogische Mischung aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Inhalten, die nicht nur in der Schule, sondern überall stattfindet? Wenn ja, ist es denn dann eigentlich noch Bildung im klassischen Sinne? Welches Ministerium beziehungsweise Ressort ist dafür zuständig?

2. Dominanz der Ökonomie. Der Nachhaltigkeitsansatz stammt zwar aus der Forstwirtschaft, doch nachhaltige Entwicklung darf sich nicht auf die Wirtschaft beschränken. Wie stark das Thema Ökonomie dominierte, merkte man bereits beim Hinsehen. So durften die beiden Hauptsponsoren Deutsche Telekom und Duales System Deutschland ihre Logos groß und fett neben denen der drei beteiligten Bundesministerien über dem Podium platzieren - und der Marketingspezialist Thessenvitz aus München bekam viel Lob für sein Forderung, die Methoden des Marketings in der Umweltbildung anzuwenden. Zwei Beispiele, die vor etwa zehn Jahren unakzeptabel gewesen wären.

3. Desinteresse der Politik. Während sich die Wirtschaft als neuer Partner anbot, glänzte die erste Riege aus der Politik komplett mit Abwesenheit. Kein einziger Minister wagte sich in die Höhle des Löwen - vielleicht fanden sie aber auch das Thema einfach nur unwichtig. Das Publikum warf zudem ständig die Zuständigkeiten und Fördermöglichkeiten von Bund und Ländern durcheinander und in der Schlussdiskussion mit Bildungspolitikern der wichtigsten Bundestagsparteien schimmerte mehr Wahlkampf als gemeinsames Bemühen aufgrund des einstimmig gefassten Bundestagsbeschlusses "Bildung für nachhaltige Entwicklung" durch.

4. Globales Lernen noch nicht angekommen. Obwohl der Bundestagsbeschluss vom Juni letzten Jahres sich klar dafür ausgesprochen hatte, "Globales Lernen" als zweite Säule neben "Umweltbildung" zu etablieren, hat die Praxis offensichtlich bislang davon keine Kenntnis genommen. Zwar gab es einige gute Beispiele zu sehen, welche die beiden Ansätze vereinten, doch insgesamt herrschte mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander vor. Auch in den Podiumsdiskussionen, die durch den ZDF-Moderator Volker Angres anregend und spannend geleitet wurden, spielten globale Aspekte keine Rolle.

5. Ist die Zukunft technisch? Welche enormen sozialen, ökologischen und globalen Folgen der rasant zunehmende Einsatz des Computers mit sich bringt, konnte Dr. Heino Apel vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung klar aufzeigen. Doch während die Referenten noch vorsichtige Kritik an den neuen Technologien übten und zum Beispiel den Zusammenhang zwischen E-Mail-Nutzung und Reisetätigkeit herausstellten, strahlten die eingeladenen Praktiker eine solche Euphorie aus, dass sich am Ende kein Unmut mehr regte. Unsere Gesellschaft müsse die neuen Technologien von Kindesbeinen an pushen und die beste werden, weil sie dem amerikanischen Shareholder-System einen europäischen nachhaltigen Globalisierungsansatz entgegensetzen müsse - denn, der Sieger entscheidet über alles!?! Wer's glaubt, wird selig!

6. Neues BLK-Programm gefordert. Ein Teilnehmer forderte angesichts der allgemeinen Begeisterung für die gezeigten Praxisbeispiele, ein "100.000 Projekte"-Programm analog zum sehr erfolgreichen "100.000 Solardächer"-Programm der Bundesregierung. Wichtig sei, dass Projekte reproduzierbar seien und keine einmaligen Ereignisse blieben. Dabei stellte sich immer wieder heraus, dass viele Teilnehmenden bei Bildung fast nur an den schulischen Bereich dachten. Da Schule jedoch erwiesenermaßen nur sehr langsam verändert werden kann, war man sich darüber einig, dass ein neues BLK-Programm für den außerschulischen Weiterbildungsbereich sinnvoll sei, um die nachhaltige Entwicklung voranzubringen. Genügend Geld aus den UMTS-Milliarden wäre dafür eigentlich vorhanden. (jfs)

Weitere Informationen:
www.blk-kongress.de, Kurzdarstellung der 66 Praxisprojekte in Papierform oder als CD-ROM über Jens Reißmann, Niedersächsisches Kultusministerium, Fax: ++49/(0)511/1207459, E-Mail Jens.Reißmann(at)mk.niedersachsen.de

Nächster Artikel: 25 Jahre Bayerische Akademie ANL mit neuen Räumen