Methoden - Naturinterpretation im Aufwind

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ökopädNEWS
Dezember 2003
Ausgabe Nr. 144

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Titelgeschichte

Methoden - Naturinterpretation im Aufwind


Vor fünfzig Jahren entstand in den Nationalparks der USA ein neues Konzept der Besucherbetreuung: die Natur- und Kulturinterpretation. In anglo-amerikanischen Ländern heute Standard, fristete es in Mitteleuropa ein Schattendasein. Jetzt ist das Interesse daran sprunghaft angestiegen. Was macht dieses Konzept aus, und warum wird es gerade jetzt aktuell?

Der Journalist Freeman Tilden war jahrelang im Auftrag des US National Park Service unterwegs, um die Besucherangebote auszuwerten und zu verbessern. Als Ergebnis formulierte er 1957 die Prinzipien der Interpretation, die in Fachkreisen zunächst für Verwunderung sorgten. Tilden schrieb: "Interpretation bleibt fruchtlos, wenn sie das, was präsentiert werden soll, nicht mit der Persönlichkeit oder den Erfahrungen des Besuchers in Beziehung setzt." Damit stand die Lebenswelt der Besucher plötzlich auf einer Stufe mit den Fachinhalten. Mehr noch: Nicht die Information über einen Gegenstand, sondern die unmittelbare Begegnung mit dem konkreten Phänomen und die Auseinandersetzung damit sei der Schlüssel für die Verankerung des Wissens in der Lebenswelt der Besucher. Interpretation soll keine Belehrung sein, sondern eine Provokation auf der Grundlage von Fakten. Tilden ermunterte die Natur- und Kulturinterpreten, sich selbst mit ihrer Persönlichkeit und ihren Überzeugungen in den Prozess der Interpretation mit einzubringen. Etwas, das dem Prinzip der wissenschaftlichen Distanz und der objektiven Darstellung vollends widersprach.

Impulse aus Europa

Die Wurzeln der Interpretation liegen in Europa zur Zeit von Klassik und Romantik. Goethe schrieb: "Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre". Alexander von Humboldt ließ seine öffentlichen Reisevorträge um 1850 durch extra angefertigte Gemälde interpretieren. Als sich jedoch das Konzept der Interpretation in den USA und Kanada nach dem Zweiten Weltkrieg zu entwickeln begann, hatte es in Deutschland keine Chance: Ernüchterung und Nüchternheit bestimmte die Beziehung zum eigenen Natur- und Kulturerbe.
In den achtziger Jahren griffen Rudolf Knirsch, Willfried Janßen und Gerhard Trommer das Konzept wieder auf. Janßens Zwiebelschalenmodell, mit dem er das unmittelbare Naturerleben zum ursächlichen Auslöser des Handelns erhob, lehnt sich an die Interpretation an. Trommer startete mit der "Rucksackschule Naturpark Harz" schließlich einen groß angelegten Feldversuch, um dem Konzept, das er als eine "Symbiose von Naturerlebnispädagogik und Didaktik der Ökologie bezeichnete", zum Durchbruch zu verhelfen. Das Projekt musste aber nach kurzer Zeit eingestellt werden, und Interpretation versank zunächst in der Vielfalt der Strömungen, von denen die Umweltbildung geprägt war.

Praxisnahes Konzept

Es gibt viele verschiedene Formen der Interpretation, beispielsweise Kurzinterpretation, freie Interpretation, oder Interpretationszentrum. Für das Konzept ist es wichtig, eine Balance innerhalb des so genannten Interpretationsdreiecks Phänomen - Besucher - Interpret einzuhalten. Interpretation erfordert Planungsschritte auf der strategischen und auf der praktischen Ebene. Auf der strategischen Ebene benötigt jede Besuchereinrichtung einen Interpretationsplan. Der Plan legt fest, welche Form der Interpretation an welchem Ort und mit welcher Intensität eingesetzt werden soll. Der Interpretationsplan ist auf das Umfeld der Einrichtung abgestimmt und beruht auf dem Potenzial der Phänomene im Gelände, den Beobachtungen zum Besucherverhalten und der Philosophie und den Themen der Einrichtung. Auf der praktischen Ebene setzt die Planung einer Interpretation immer bei den Phänomenen an. Entscheidende Fragen sind dabei: Wo gibt es beeindruckende Phänomene? Welche Botschaften gehen von ihnen aus? Welche Botschaften sind als Leitideen geeignet?
Für die Vorbereitung einer Kurzinterpretation eines Phänomens müssen zwei bis drei Arbeitstage eingeplant werden. Die Erarbeitung eines Interpretationselements, zum Beispiel ein Aktionselement mit Tafeltext, beansprucht etwa eine Woche. Für die umsetzungsreife Planung eines Interpretationspfades über 20 Stationen sind von der Vorplanung bis zur Ausführung mehrere Monate zu veranschlagen.
Interpretation topaktuell

Nicht nur Großschutzgebiete wie Bio-sphärenreservate, Natur- und Nationalparks lassen ihre Mitarbeiter neuerdings zu Interpreten ausbilden. Auch Freilichtmuseen, Zoologische und Botanische Gärten nutzen Interpretation. Und sogar im Zuge der Diskussion um eine regionale Tourismusentwicklung spielt Natur- und Kulturinterpretation eine immer wichtigere Rolle. Der jüngste Erfolg des Konzeptes hierzulande liegt wohl daran, dass Interpretation als Methode wesentliche Kriterien erfüllt, die für Umweltbildung in unserer Zeit unverzichtbar sind. Während Informationsflut und Distanz zu den Gegenständen immer mehr zunehmen, kommt der Begegnung mit Menschen und Phänomenen eine ganz neue Bedeutung zu. Natur- und Kulturinterpretation werden zum gefragten Markenartikel.
Das Bildungswerk interpretation (www.interp.de) registriert eine stetig steigende Nachfrage nach Trainingsveranstaltungen. Ein von der Universität Freiburg getragenes Leader-Projekt TransInterpret ( www.transinterpret.de) verknüpft Erfahrungen aus Deutschland, Österreich und Schottland und entwickelt Qualitätsmaßstäbe. An der Universität Göttingen entsteht derzeit ein "Zentrum für Landschaftsinterpretation und Tourismus" (www.zelt-goettingen.de). Auch ein "Europäisches Netzwerk für Natur- und Kulturinterpretation" (www.interpret-europe.net) ist in Planung. Und schließlich bildet Interpretation eine der sieben Säulen des Leonardo-Projektes Topas (Training of Protected Area Staff), das Standards für die Ausbildung der Mitarbeiter in den europäischen Schutzgebieten formulieren soll (www.topas.mtnforum.org).

Thorsten Ludwig, Jürgen Forkel-Schubert

Kontakt: Thorsten Ludwig, Bildungswerk interpretation, Fon/Fax ++49/(0)5542/505873, E-Mail th.ludwig(at)interp.de, www.interp.de

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