Naturerlebnisräume - Brücken zwischen Naturschutz und Freizeitnutzung

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ökopädNEWS
August 2004
Ausgabe Nr. 151

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Titelstory

Naturerlebnisräume - Brücken zwischen Naturschutz und Freizeitnutzung


Auf Bäume klettern, im Bach matschen und den Wiesenhang hinunterkullern - das sind Dinge, die alle Kinder gerne machen.Doch häufig ist dies gerade da verboten, wo die Natur am schönsten ist - oder es ist mangels geeigneter Flächen einfach nicht möglich. Spezielle "Naturerlebnisräume" könnten hier Abhilfe schaffen.Aber was in der freien Landschaft durchaus machbar ist, lässt sich in einer Stadt oder gar Großstadt oftmals kaum realisieren.

Die ANU Hamburg führte im Juni dieses Jahres die Fachtagung "Naturerlebnisräume in Hamburg - eine Chance für die wachsende Stadt?" durch. Anhand existierender Beispiele aus dem Flächenland Schleswig-Holstein diskutierten die TeilnehmerInnen, ob sich diese auf eine Großstadt wie Hamburg übertragen lassen. Darüber hinaus entwickelten sie Überlegungen, wie ein optimaler Naturerlebnisraum in einer Stadt aussehen könne.
Bereits 1993 wurde im Landesnaturschutzgesetz von Schleswig-Holstein die neue Gebietskategorie "Naturerlebnisräume" ins Leben gerufen. Sie soll "den Besuchern ermöglichen,Natur,Naturzusammenhänge und den unmittelbaren Einfluss des Menschen auf die Natur zu erfahren". Seitdem wurden mehr als 30 solcher Naturräume offiziell ausgewiesen.Wilfried Janssen vom Institut für Biologie und ihre Didaktik an der Universität Flensburg und Landesnaturschutzbeauftragter in Schleswig-Holstein stellte zehn gute Gründe für Naturerlebnisräume vor.Hier könne man Natur in der ganzen Vielfalt und Schönheit erleben, aber auch Kultur und sich selbst, weshalb die Naturerlebnisräume besonders geeignet seien, um eine Brücke zwischen Naturschutz und Erholung, Umweltbildung und naturverträglicher Freizeitgestaltung zu schlagen.

Vorrang für die Kinder

Einen anderen Ansatz verfolgt Hans-Joachim Schemel vom Büro für Umweltforschung, Stadt- und Regionalentwicklung München. Der heutige Städtebau vernachlässige das elementare Bedürfnis von Kindern nach unmittelbarem Naturkontakt und behindere die physisch und psychisch gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Schemel fordert deshalb "Naturerfahrungsräume", in denen die kindliche Nutzung Vorrang vor Erholung, Naturschutz oder Pädagogik hat. Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren sollen hier möglichst unreglementiert und ohne pädagogische Betreuung Natur erleben können, weshalb Schutzgebiete für diesen Zweck nicht geeignet seien. In einem zweijährigen Forschungsprojekt im Auftrag der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg realisierte Schemel in vier süddeutschen Städten (Stuttgart, Freiburg, Karlsruhe, Nürtingen) städtische Naturerfahrungsräume. Ideal sind Flächen von mindestens zwei Hektar Größe mit attraktiver Oberfläche wie Erdhügel oder Tümpel. Sie sollten möglichst in Wohnbereiche integriert sein oder zumindest nicht über 400 Meter entfernt liegen. Leider lassen sich solche Flächen nur selten innerhalb von Städten finden. Auf der Fachtagung wurde deshalb überlegt, welche vorhandenen Flächen sich zu innerstädtischen Naturerlebnisräumen entwickeln ließen.

Wilde Ecken zulassen

In der Schule müssen vor allem ausreichend Flächen zum Toben und Spielen vorhanden sein. Ein naturnah gestaltetes Schulgelände bietet darüber hinaus ungenutzte Kleinstbereiche wie Hecken, Zaunränder oder Wiesen,wo Naturerleben mit gewissen Einschränkungen möglich ist. Allerdings sind Schulflächen in der Regel wegen ihrer geringen Größe und der Kontrolle durch den Hausmeister für Kinder wenig attraktiv. Bleibt zu hoffen, dass Außengelände durch den Ausbau von Ganztagsschulen wieder mehr an Bedeutung gewinnen.
Der BUND Hamburg hat in Zusammenarbeit mit einer Schule einen Naturerlebnisraum mit Weidentunnel, Baumstämmen und Kletterbaum geplant und eingerichtet. Allerdings liegt die Fläche wohnungsfern inmitten des größten Stadtparks von Hamburg und stellt eher einen naturnah gestalteten Spielplatz für Familien dar. Insgesamt könnten in vielen öffentlichen Grünflächen Naturerlebnisräume eingerichtet werden - vorausgesetzt, es gelänge, die Flächen aus der regelmäßigen Pflege herauszunehmen und die Haftungsfrage zu klären. Nur ein Schild mit der Aufschrift "Naturerlebnisraum" führt voraussichtlich weder bei Erwachsenen noch bei Kindern zu einer Akzeptanz für die "wilde Ecke" im gepflegten Stadtpark.

Regeln müssen sein

Einige der etwa 30 Umweltbildungsstätten in Hamburg verfügen über ausreichend große und naturnah gestaltete Außenflächen. Doch die intensive Nutzung durch Schulklassen und andere Gruppen lässt unbeobachtetes Spielen in stiller Natur kaum zu. Eine mögliche Lösung könnte sein, den Kindern einen begrenzten Teil des Geländes zur eigenen, freien Nutzung zu überlassen. Dabei müsste jedoch durch eine intensive Stadtteilarbeit bei den Kindern und ihren Eltern die Akzeptanz gewisser Grundregeln erreicht werden.Viele städtische Umweltzentren liegen oft am Rande oder sogar inmitten von Naturschutzgebieten. Gerade hier lässt das Naturschutzgesetz eine freie Nutzung durch Kinder nicht zu, weshalb nach anderen Lösungen gesucht werden muss. Die ANU Hamburg erstellt zur Zeit ein Thesenpapier für innerstädtische Naturerlebnisräume und wird im Herbst einen Diskussionsprozess mit Behörden und anderen Interessengruppen starten.

Jürgen Forkel-Schubert

Kontakt: ANU Hamburg, c/o Hamburger Umweltzentrum, Fon ++49/40/6 00 38 60, E-Mail geschaeftsstelle(at)anu-hamburg.de, www.anu-hamburg.de
Zum Weiterlesen:Naturerfahrungsräume - Ein humanökologischer Ansatz zur Sicherung von naturnaher Erholung in Stadt und Land.Angewandte Landschaftsökologie Heft 19, Bundesamt f.Naturschutz (Hrsg.),Bonn-Bad Godesberg 1998
Naturerlebnisräume in Schleswig-Holstein.Minister für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein, Kiel 1993

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