Gemeinsam ist besser!

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ökopädNEWS
September 2004
Ausgabe Nr. 152

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Titelthema

Gemeinsam ist besser!


2003 war das Jahr der Menschen mit Behinderungen. Gerade diesen Menschen bietet sich die Natur wegen ihrer außerordentliche Reize und ungewöhnlichen Formenvielfalt als idealer Lernort an. Die für viele Umweltbildungszentren ungewohnte Zielgruppe stellt UmweltpädagogInnen oftmals vor die Frage, ob sie eine spezielle "Umweltbildung für Behinderte" anbieten oder die Integration durch gemeinsame Projekte für Kinder mit und ohne Behinderungen fördern sollen.

Für den Verein Ökoprojekt - Mobil-Spiel e.V. in München waren diese Überlegungen der Anlass, gemeinsam mit der Freizeiteinrichtung Spielhaus "boomerang" integrative Projekte zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen zu entwickeln und durchzuführen. Langfristiges Ziel war dabei, das Spielhaus für Kinder mit Behinderungen zu öffnen.

boomerang ist eine typische Freizeiteinrichtung für Sechs- bis Zwölfjährige; am offenen Nachmittagsprogramm beteiligen sich täglich etwa 30 Kinder aus dem Stadtteil. Das Haus ist barrierefrei, die engagierte Leitung, das offene Haus und der Garten bieten sich für integrative Projekte an. Mit Hilfe intensiver Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld wurden verschiedene Einrichtungen angesprochen. Kinder mit und ohne Behinderungen konnten als neue Gäste in das Spielhaus eingeladen werden. Das Interesse an Schulklassenprogrammen ist insbesondere bei Förderschulen sehr hoch, Kontakte zu Schulen für Kinder mit Sinnes- oder geistigen Behinderungen gestalten sich dagegen schwieriger.

Freundschaft und Naturbegegnung

Es konnten zwei Themen gefunden werden, die alle Kinder, ob behindert oder nicht, egal welcher Hautfarbe, Mädchen und Jungen, gleichermaßen interessieren: Freunde finden und in der Natur spielen! Das wollen und das können alle Kinder. Freunde findet man am leichtesten beim gemeinsamen Spielen, Basteln, Werkeln und Kochen, oder wenn man miteinander redet. Das Thema ist dabei nicht ausschlaggebend. Integration kann dann gelingen, wenn berücksichtigt wird, dass jedes Kind einzigartig und außergewöhnlich ist und dass es als Individuum wahrgenommen, angenommen und gefördert werden will.

Das Spielen in der Natur ermöglicht zunächst einmal Zugänge zu Erfahrungen mit allen Sinnen, zum Beispiel durch das Erleben von Tieren und Pflanzen,Wasser, Erde, Luft und Feuer. Die Vielfalt in der Natur macht einen Lebensraum reich und wertvoll. Auch die Begegnung mit anderen Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, bietet die Möglichkeit, sich über unterschiedliche Lebensstile auszutauschen und fördert so das Verständnis für andere Lebensformen. Kinder lernen dabei Vielfalt als Garant für funktionierende natürliche und menschliche Gemeinschaften kennen und achten. Dabei wird Integration stets als gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben vermittelt.

Projektarbeit im Spielhaus München

Jeweils sechs Wochen lang wurden Kinder aus Grund- und Förderschulen, aus Einrichtungen für Kinder mit seelischen/psychischen Behinderungen und aus Heilpädagogischen Tagesstätten für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten gemeinsam betreut. Das Thema hieß 2003 "Freunde gibt es überall". In diesem Jahr startete das

Projekt "Feuer und Flamme für Wasser, Wiese, Wolken". In beiden Projekten wurden Spiel- und Aktionsmöglichkeiten zur freien Wahl angeboten. Im Garten bepflanzten die Kinder gemeinsam Beete und legten ein "Naturschutzgebiet" an. Dicke Baumstämme und Sägespäne schufen im Aufenthaltsraum des Spielhauses eine "Waldatmosphäre" zum Aufführen kleiner Theaterstücke rund um Umweltthemen. Eine blinde Lehrerin und ein gehörloser Radioredakteur zeigten den Kindern, wie sie ihren Alltag meistern. Unter Anleitung eines Künstlers bauten behinderte und nichtbehinderte Kinder aus Holz lebensgroße Figuren, die Freundschaft symbolisieren: Kinder, die sich an den Händen halten, ein Geschenk überreichen oder zusammen Fußball spielen. Darüber hinaus waren die Kinder als Reporter unterwegs, machten Interviews und dokumentierten die Ereignisse mit der digitalen Kamera und am Computer auf ihren Websites. Den Abschluss des diesjährigen Projektes bildete eine dreitägige Hüttenfreizeit mit Kindern im Alter von drei bis 14 Jahren, darunter zwei Kinder mit Behinderungen. Drei Tage in einer einfachen Selbstversorgerhütte in den Bergen mit Holzofen und Brunnen vor der Hütte boten Spielen rund um die Hütte in freier Natur, hautnahes Erleben von Wasser, Wiese und Wäldern außerhalb der Stadt und die Gelegenheit, die im Projekt neu geknüpften Freundschaften zu vertiefen.

Barrieren überwinden

Unter dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung kann es nicht Ziel sein, die bestehende Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen durch eine spezielle "Umweltbildung für Behinderte" zu verstärken. Vielmehr sollten im Interesse aller Kinder institutionelle und organisatorische Barrieren überwunden werden. Integrationsarbeit braucht sicherlich einen langen Atem, doch ein fairer Umgang miteinander und eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit tragen wesentlich dazu bei, dass die Teilnahme von Kindern mit Behinderungen an Umweltbildungsprojekten selbstverständlich wird.

Steffi Kreuzinger, Kathrin Meister, Jürgen Forkel-Schubert

Kontakt: Ökoprojekt - MobilSpiel e.V., Fon +49/89/7 69-60 25, Fax -36 51, E-Mail oekoprojekt(at)mobilspiel.de, www.mobilspiel.de/Oekoprojekt

Informationen zum Spielhaus boomerang unter: www.freunde.muc.kobis.de, www.wasserwiese.muc.kobis.de

Literatur-Tipp: Kreuzinger S., Meister K.: Feuerzauber - Weltenreise: Eine Welt für Kinder.40 Bausteine für Globales Lernen. Bildung für Nachhaltigkeit in Spiel- und Kulturprojekten. Prokon, München 2003, 104 S., 19,80 EUR, ISBN 3-932317-13-0

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