Vorschule - 4.000 wache Stunden optimal nutzen

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ökopädNEWS
Januar/Februar 2005
Ausgabe Nr. 156

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Titelthema

Vorschule - 4.000 wache Stunden optimal nutzen


Das deutsche Bildungssystem selektiert statt zu integrieren, dies ist ein grundlegendes Problem wie zwei aktuelle internationale Bildungsstudien belegen: PISA II und Kindergarten-PISA. Die soziale Herkunft entscheidet ganz wesentlich über die späteren Lebenschancen. Die außerordentlich breite Leistungsstreuung in der Schule ist auch in der geringen Breitenförderung und der mangelhaften Förderung schwacher Schüler bereits im Kindergarten begründet. Wie ein guter Start ins Leben möglich wird, indem im Vorschulbereich wichtige Kompetenzen vermittelt werden, zeigt der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) durch sein Projekt "leben gestalten lernen".

Die im letzten Jahr veröffentlichte Studie PISA II wies erneut gravierende Mängel im deutschen Schulsystem und nur mäßige Schülerleistungen nach. Als Reaktion darauf gibt es in NRW Überlegungen, schon im Vorschulalter Kinder nach Leistung zu selektieren. Dass dieser Weg falsch ist, belegt die im Dezember 2004 veröffentlichte OECD-Studie "Starting Strong II", von der Presse auch als "Kita-PISA" bezeichnet. Sie zeigt, dass in deutschen Kindergärten Erziehung und Bildung einen zu geringen Stellenwert haben. Zwar wird das Engagement der ErzieherInnen gelobt, zugleich aber bemängelt, dass die Ausbildung unzureichend sei und zu geringer Bezahlung und schlechten Aufstiegchancen führe. Empfohlen wird, die Erzieherausbildung auf Universitätsniveau zu heben. Außerdem müsse mehr geforscht und investiert werden.

Tatsache ist, dass der Kindergarten nur ungenügend auf die Schule und das spätere Leben vorbereitet. Nur etwa die Hälfte der 3-Jährigen und nur rund 75 Prozent der 4-Jährigen in Deutschland besuchen einen Kindergarten. In Europa liegt Deutschland, damit in der unteren Hälfte. Gefordert wird inzwischen, dass die Bundesländer die Ausgaben für den Kita-Bereich von international niedrigen 0,4 auf ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen, sie sind für die Kindergärten verantwortlich.

Frühe Bildung muss besser werden

Im Mai 2004 beschloss die Konferenz der Jugendminister einen gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen und forderte eine bessere Kooperation mit der Kultusministerkonferenz um den Übergang zwischen Vorschule und Schule zu gestalten. Den aktuellen Stand, wie weit Bildungspläne für Kitas in den Ländern erarbeitet und implementiert sind, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Synopse. Die Umweltminister der Länder griffen dies auf und forderten auf ihrer letzten Sitzung Anfang November 2004 das Thema nachhaltige Entwicklung in der frühen Bildung stärker zu berücksichtigen. Es sollte sowohl in der Aus- und Fortbildung der Fachkräfte als auch in der Qualitätsentwicklung von Kitas und bei der Erstellung der Bildungspläne beachtet werden. Insbesondere solle mehr mit außerschulischen Umweltbildungseinrichtungen zusammengearbeitet werden.

Nachhaltige Bildung fördert kindliche Kompetenzen

Lernpsychologen und Hirnforscher bestätigen immer wieder, dass der Zeitraum von Null bis sechs Jahren besonders wichtig ist, um Fähigkeiten und Fertigkeiten anzubahnen, zu festigen und weiter zu entwickeln. Inhalte und Methoden einer Bildung für nachhaltige Entwicklung sind in hervorragender Weise dafür geeignet. Zum einen hat sich das menschliche Gehirn am "Lernort Natur" im Laufe der Evolution entwickelt. Es gibt unzählige Gelegenheiten in der Natur, die kindliche Kompetenzen im lebenspraktischen, sozialen, motorischen, kognitiven und ästhetischen Bereich steigern können. Sie sind für kindliche Entwicklung unverzichtbar und besonders prägend, wenn sie durch entsprechende Angebote in der Einrichtung oder durch gemeinsame Aktionen mit den Eltern unterstützt werden. Über welche Fähigkeiten und Erfahrungen Kinder verfügen sollten, zeigt die Autorin Donata Elschenbroich in ihrem Buch "Weltwissen der Siebenjährigen" in einem umfangreichen Anforderungskatalog an iese Altersstufe auf.

Eine Agenda für den Elementarbereich

Unsere Kinder leben heute in einer sich immer schneller verändernden Welt. Zeit und Tagesablauf sind oft verplant und durch Entfremdung und Verstädterung gehen selbstverständliche Spielerfahrungen verloren. Im Durchschnitt verbringen Kinder etwa 4000 Stunden im Kindergarten. Wie man in dieser Zeit Kinder stark für die Zukunft macht, damit sie den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen können, zeigt der Naturschutzverband LBV, der seit 1996 selbst Träger eines ökologisch-orientierten und integrativen Kindergartens ist.

Mit den Inhalten und Methoden der Umweltbildung können bei den Kleinen sieben wichtige Kompetenzen gefördert werden: Soziale Kompetenz, positive Identifikation mit sich selber, motorische, kommunikative und emotionale Kompetenz, Gestaltungskompetenz und der achtsame Umgang mit sich selbst und anderen. Die Kinder werden dabei auf ganzheitlicher Weise über die drei Ebenen Gefühl,Wissen und Verhalten angesprochen. Sinnliche Erfahrung, Messen und Untersuchen, Ästhetik und Poesie, Spiel und politischer Bezug bilden den Bezugsrahmen ür die praktische Auseinandersetzung mit den Themen Sonne, Insekten, Laub, Steine, Schatzkiste und wilde Küche.

Aus der pädagogischen Praxis des LBV entstand mit Hilfe des bayerischen Umweltministeriums eine umfangreiche Materialsammlung mit vielen Ideen, Spielen, Experimenten, Rezepten, Hintergrundwissen und Expertenmeinungen. Ein Video oder eine DVD geben zusätzlich Eindrücke aus der Praxis wieder. Die Arbeit des LBV wird durch intensive Elternarbeit und regelmäßige Weiterbildungen für ErzieherInnen ergänzt. "leben gestalten lernen" ist ein außerordentlich gut gelungenes Konzept, das gerade zu Beginn der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (BfnE) viele Nachahmer verdient hätte, weil es die richtige Grundlage für einen erfolgreichen Start ins Leben vermittelt.

Jürgen Forkel-Schubert

LBV: Leben gestalten lernen.Eine Agenda für den Elementarbereich. Sammelordner 230 Seiten, sehr viele Illustrationen. 93 Minuten Video oder DVD inklusive.120,- EUR.

Bezug: Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V., Fon +49/9174/47 75-0, www.lbv.de

Weitere Informationen:

www.bmfsfj.de/Kategorien/Forschungsnetz/forschungsberichte,did=22074.html

www.bildungsserver.de Schlagwort: Bildungspläne

www.bildungsportal.nrw.de/BP/Jugend/KuJPolitik/

Jugendministerkonferenz www.umweltministerkonferenz.de

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