UN-Dekade BNE im internationalen Vergleich. Japan auf dem Weg zur Nachhaltigkeit

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ökopädNEWS
März 2006
Ausgabe Nr. 168

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Titelthema

UN-Dekade BNE im internationalen Vergleich. Japan auf dem Weg zur Nachhaltigkeit


Japan als Entwicklungs- und Deutschland als Musterland in Sachen Umweltschutz? Dieses Bild stellen die japanischen Medien oft dar.Auf einer Veranstaltung in Tokio wurde im Rahmen des japanischen Deutschlandjahres Anfang Februar der Stand des Umweltdiskurses diskutiert.Die Teilnehmer waren deutsche und japanische WissenschaftlerInnen.

Zu einem "Zivilgesellschaftlichen Umweltdialog Deutschland - Japan" hatten das Deutsche Institut für Japanstudien in Tokio und das Institut für Asienkunde aus Hamburg eingeladen. Hauptredner der Veranstaltung war der amerikanische Buchautor Alex Kerr. Er lebt seit vielen Jahren in Japan und ist mit den kulturellen Gepflogenheiten bestens vertraut. Sein vor einigen Jahren veröffentlichtes Buch über die Umweltzerstörungen in Japan hatte nationales Aufsehen erregt - wagte er doch als einer der Ersten, die maßlose Naturzerstörung von Wäldern und Küsten durch die hoch subventionierte Bauindustrie schonungslos offen zu legen. Seiner Meinung nach gehen rund 40 Prozent des staatlichen Haushaltes in naturzerstörende Projekte. Er schlug vor, diese Mittel in traditionelles und lokales Handwerk oder Bildung umzuleiten. In Japan gibt es zwar viele lokale Umweltinitiativen, sie sind jedoch weder gut politisch verankert noch finanziell ausreichend ausgestattet. Auch die Vernetzung untereinander muss noch verbessert werden.

Kommunales Beispiel Kyoto

Das kleine Büro der "Citizens for Environmental Foundation" (CEF) in Kyoto platzt aus allen Nähten. Neben den sechs Angestellten drängen sich die vielen Freiwilligen der Organisation in zwei kleine Räume. Nachhaltiger Konsum steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie haben es beispielsweise geschafft, dass Elektrogräte mit einem Energieverbrauchslabel gekennzeichnet wurden, bieten Fortbildungskurse für Lehrer oder Mieter sowie Kurse für gesunde Ernährung an, unterstützen Landwirte beim ökologischen Landbau, führen Exkursionen in die Natur durch und betreiben eine kleine Berghütte, wo Natur und ökologischer Alltag erlebt werden können. Ikuo Sugimoto, der bekannte räsident des Vereins, war bereits mehrere Male in Deutschland und hat von hier den Wettbewerb "Umweltfreundlichste Kommune" nach Japan gebracht. Er setzt auf Partnerschaft mit der Stadtverwaltung und den lokalen Firmen. Ein monatlicher Newsletter informiert über alle Aktivitäten des gemeinnützigen Vereins, der von der Stadtverwaltung Kyoto gefördert wird. Die Stadt, die dem berühmten Protokoll den Namen gegeben hat, verfügt über ein eigenes, hochmodernes Umweltzentrum. Hier arbeiten rund 20 städtische Angestellte und viele Ehrenamtliche. Über 100.000 Gäste - darunter viele Schüler - besuchen das "Miyako Ecology Center", wo auf drei Stockwerken mit rund 1.000 Quadratmetern Fläche ein Solardachgarten mit Biotop, verschiedene professionelle Ausstellungen mit modernster Technik, eine Mediothek und mehrere Versammlungsräume genutzt werden können.

JEEF ist Dachverband für Umweltbildung

Seit 1992 existiert ein Dachverband für Umweltbildung in Japan, das "Japanese Environmental Education Forum" (JEEF). Dieses Netzwerk mit rund 2.000 Mitgliedern könnte man als japanische ANU bezeichnen. Die Organisation verfügt über eine englischsprachige Website und gibt einen monatlichen Rundbrief mit Informationen über die Aktivitäten der Mitglieder heraus. Im Rahmen des "Junior Park Ranger Programms" können Schulklassen in den Nationalparks übernachten und die Natur erleben. Für Multiplikatoren aller Art werden Curricula entwickelt und Seminare durchgeführt. In Kooperation mit einer Versicherung bietet JEEF Fachvorträge zu Umweltthemen an. Der Toyota-Konzern unterstützt Veranstaltungen und Trainingcamps zum Thema Wald. Daneben gibt es eine internationale Zusammenarbeit in der Pazifikregion, insbesondere mit Korea und China. Der Präsident von JEEF, Professor Osamu Abe von der Rikkyo Universität in Tokio, ist zugleich Vorsitzender des "Japan Council on the UN-Decade ESD in Japan" (ESD-J).


UN-Dekade BNE in Japan

Neben der JEEF sind derzeit weitere 38 Organisationen als Vollmitglieder in der ESD-J organisiert, beispielsweise der Verein zum Schutz der Wildtiere, die Vereinigung für ländliche Kultur oder die "Girl Scout Association". Sie alle führen unterschiedlichste Aktivitäten im Bereich Umweltbildung, Globales Lernen, Friedenserziehung oder Gender Education in Japans Schulen und Kommunen durch. BNE verfügt damit über eine ähnlich reichhaltige und bunte Vielfalt wie Deutschland. Das Ziel ist, durch Bildung beim einzelnen Menschen ein Mitwirken am positiven Wandel zu einer nachhaltigeren Zukunft zu ermöglichen. Auf einem "National Networking Meeting 2006" am 5. Februar in Tokio diskutierten die rund 200 TeilnehmerInnen den von der Regierung vorgelegten Entwurf für einen "National Implementation Plan" und stellten ihre Aktivitäten vor. Sie kritisierten zugleich die mangelhafte Beteiligung und ungenügende finanzielle Unterstützung der Nichtregierungsorganisationen. Ein ergänzender Maßnahmenplan, wie in Deutschland, existiert bislang jedoch noch nicht.

Die Perspektive heißt Vernetzung

Auch wenn die UN-Dekade in Japan erst jetzt richtig Schwung bekommt, bietet sie doch eine hervorragende Plattform für die Vernetzung zwischen den Akteuren und hat eine ähnliche Katalysatorfunktion wie in Deutschland. Sowohl das Potenzial engagierter Mitstreiter als auch das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung sind groß. Allerdings ist die Mentalität der JapanerInnen anders: Gesellschaftskritische Töne, beispielsweise in Form einer sachbezogenen, aber konfrontativen Auseinandersetzung mit Staat und Firmen wie in Deutschland, sind in Japan nicht üblich. Dafür könnte die traditionelle Lebensweise mit ihrer Reduktion auf das Wesentliche - trotz aller amerikanischen Einflüsse als guter Ansatz für Suffizienzstrategien im Alltag genutzt werden.Wenn es gelänge, an alte Traditionen anzuknüpfen und den Nachhaltigkeitsgedanken in den vielen Tempeln und sozialen Bewegungen Japans zu thematisieren, dann böte dies eine große Chance. Analog zum ANU-Ansatz der Verankerung des Nachhaltigkeitsthemas in der neuen sozialen Bewegung in Deutschland, könnte auch hier eine Wertediskussion gestartet werden, um Verhaltensänderungen im Alltag der Menschen zu bewirken.

[Jürgen Forkel-Schubert]

Vortrag abufbar unter www.umweltbildung.de/194.html

Weitere Informationen:

www.dijtokyo.org

www.kankyoshimin.org/en

www.jeef.or.jp/english

www.esd-j.org/en

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