Studie - Indikatoren einer Bildung für nachhaltige Entwicklung

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ökopädNEWS
Dezember/Januar 2006/2007
Ausgabe Nr. 176

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Titelthema

Studie - Indikatoren einer Bildung für nachhaltige Entwicklung


Kann man Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) eigentlich messen? Gibt es Indikatoren dafür, wie weit eine Integration des Nachhaltigkeitsgedankens in

unser Bildungssystem gelungen ist? Sind die bereits vorhandenen Indikatoren

für Nachhaltigkeit oder für Bildung geeignet, die Komplexität von BNE-Prozessen abzubilden? Eine aktuelle Studie aus Österreich gibt einen ersten Überblick über den deutsch- und englischsprachigen Raum mit Schwerpunkt Hochschulsektor.

Auftraggeber der Studie ist das Zukunftsministerium in Wien. Ein Projektteam des österreichischen Forum Umweltbildung unter der Leitung von Herman Siemer von der Universität Lüneburg legte im Sommer dieses Jahres eine rund 150-seitige Pilotstudie vor. Grundlage der Recherche waren einerseits die Sekundäranalyse vorhandener Indikatoren aus den Bereichen Nachhaltigkeit, Bildung, BNE und Hochschulen und andererseits Gespräche mit Experten. Im Ergebnis verstehen die Autoren BNE-Indikatoren nicht als statisches oder fixes System, sondern als dynamische und offene Lern- und Evaluierungsprozesse im Sinne eines breiten Anwendungsspektrums von Orientierung, Vergleichbarkeit und Selbstevaluierung. Die Untersuchungsergebnisse sind die Grundlage für ein internationales Forschungs- und Entwicklungsprojekt zur Entwicklung und Erprobung von BNE-Indikatoren unter besonderer Berücksichtigung des Hochschulsektors.

Was sind BNE-Indikatoren?

Das Ziel von BNE ist die Vermittlung der Fähigkeit, die Zukunft der Gesellschaft und des eigenen Lebens aktiv und selbstbestimmt gestalten zu können. BNE-Indikatoren müssen daher einen Fokus auf die Frage richten, ob dieses übergeordnete Ziel erreicht wird oder nicht. Ein besonderes Problem bei der Entwicklung von BNE-Indikatoren liegt darin, dass Kompetenzen und Fähigkeiten erfasst werden müssen, die in den meisten Lehrplänen immer noch unberücksichtigt sind. Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenz, kritisches Denken oder Problemlösefähigkeit sind mit einem herkömmlichen Verständnis von Schulunterricht nicht nur schwer zu vermitteln, sondern auch schwer zu messen. Die OECD nennt diese Kompetenzen bezeichnenderweise auch "Cross Curricular Competencies", was in etwa den Gestaltungskompetenzen im BNE-Diskurs entspricht. BNE-Indikatoren sollen helfen, vorhandene Defizite in der Bildung aufzuzeigen und den entsprechenden Aktionsbedarf zu identifizieren.

Welche Indikatoren gibt es bereits?

Die Stärke der Studie liegt in der umfangreichen Zusammenstellung verschiedener BNE-Indikatorensysteme. Insbesondere Hochschulen haben sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt und häufig einen offenen und dynamischen BNE-Prozess gestartet. Die Weiterentwicklung einer Hochschule in Richtung Nachhaltigkeit lässt sich anhand von Umweltindikatoren durchaus messen. Beispiele hierfür sind Einsparungen bei Ressourcen, Energie oder Abfall. Schwieriger ist eine Betrachtung der sozio-ökonomischen Ebene. Im Bereich der systemischen Betrachtung nachhaltiger Bildungsprozesse an Hochschulen sind Indikatoren bislang wenig entwickelt. Immer- hin existieren laut Studie weltweit rund 220 Hochschulprojekte, die in unterschiedlicher Weise Nachhaltigkeitsindikatoren einsetzen. Nur knapp 20 Hochschulen, darunter als einzige deutsche die Universität Osnabrück, stützen sich in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung explizit auf BNE-Indikatorensets.

In anderen Bildungsbereichen besteht nach Aussage der Studie eine noch größere Diskrepanz zwischen der Entwicklung von BNE-Indikatoren und ihrer tatsächlichen Anwendung. Allerdings wirkt die UN-Dekade BNE inzwischen als echter Motor für die Weiterentwicklung. Als Pionierleistung wird die Initiative der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE) angesehen. Die UNECE will Indikatoren für das Monitoring zur Umsetzung der BNE-Strategie in ihren Mitgliedsländern entwickeln und unterscheidet zwischen Checklisten, Input-, Output- und Wirkungsindikatoren.

Steigende Pflicht zur Evaluierung

Die Studie unterscheidet in ihrer Bestandsaufnahme zwischen Nachhaltigkeitsindikatoren, Bildungsindikatoren und beispielhaften Aktivitäten zur Qualitätssicherung, Qualitätsentwicklung und Evaluation im Bereich BNE. Im Anhang werden verschiedene Indikatorensysteme ausführlich vorgestellt. Besonders das Kapitel zur Qualitätsentwicklung ist für die außerschulische Bildung interessant. Dabei werden Netzwerke, Bildungseinrichtungen und Beratung beleuchtet.

Als Trend lässt sich ablesen, dass es immer selbstverständlicher wird, Projekte zu evaluieren. Die Pflicht zur Überprüfung von Wirkung wird zunehmend auch in Landes- oder Bundesgesetzen fixiert und ist auf EU-Ebene die Regel. Dabei ist ein gestiegenes Interesse an ökonomischen Bewertungen festzustellen, die den Aufwand kritisch ins Verhältnis zur Wirkung setzen. Allgemein gebräuchliche Standards haben sich allerdings noch nicht durchgesetzt. Zugleich kann eine zunehmende Ernüchterung festgestellt werden, wenn der Evaluationsnutzen für die Beteiligten nicht mehr erkennbar ist oder der Mehraufwand auf Kosten der Tätigkeit geht.

[Jürgen Forkel-Schubert]

Siemer, S.; Rammel, C.; Elmer, S.: Pilotstudie zu Indikatoren einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, Forum Umweltbildung 2006, 44 S., 3,- EUR, kostenloser Download unter www.umweltbildung.at (Link Publikationen)

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