Bildungspläne der Länder im Elementarbereich - Potenzial nicht ausgeschöpft!

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August/September 2008
Ausgabe Nr. 193

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Titelthema

Bildungspläne der Länder im Elementarbereich - Potenzial nicht ausgeschöpft!


Eine Analyse der Bildungspläne der deutschen Bundesländer für den Elementarbereich

ergab, dass nur Schleswig-Holstein und Bayern ausdrücklich auf "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" Wert legen. Allen anderen Länder haben großen

Nachholbedarf. Die Autorin der Studie stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Dass Kindertagesstätten sichtbar zum Bildungsbereich gerechnet werden, dauerte vom Bildungsplan des Deutschen Bildungsrats 1970 - der sie immerhin bereits als solche erwähnt - bis zum vergangenen

Jahr. In den fünf Jahren zwischen 2003 und 2007 erarbeiteten alle deutschen Bundesländer, zum Teil erstmalig, eigene

Bildungspläne für den Elementarbereich. Anlass war die öffentliche Diskussion über die internationalen Bildungsvergleichsstudien, die frühkindliche Bildung als einen

Schlüssel für lebenslanges Lernen in den Blick nahmen.

Bildungspläne der Länder ohne Bildung für nachhaltige Entwicklung?

Die Erarbeitung der Bildungspläne fiel in eine Zeit, in der in Deutschland das Konzept der "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung" (BNE) ausformuliert und die gleichnamige UN-Dekade auf den

Weg gebracht wurde. Da liegt die Frage nahe, inwieweit die neuen Bildungspläne für den Elementarbereich sich bereits am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung

orientieren und der Zusammenhang von Menschenwürde und Demokratie, Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und Gerechtigkeit in der Verteilung der Lebenschancen

und Lebensqualität in der "Einen Welt" dort thematisiert wird.

Differenziertes Bild in den Ländern

Einen ausdrücklichen Bezug auf BNE gibt es nur in zwei Plänen: Im Bildungsplan von Schleswig-Holstein "Erfolgreich starten - Leitlinien zum Bildungsauftrag von

Kindertageseinrichtungen" wird BNE als grundlegendes Prinzip angesehen. Der "Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen

bis zur Einschulung" orientiert sich im Bildungsbereich "Umwelt" an dem Leitbild der BNE und seiner konzeptionellen Ausgestaltung und stellt von diesem Bildungsbereich

auch Verknüpfungen mit den anderen dort genannten her. Hessen erwähnt "Nachhaltigkeit" als neue Orientierung für Umweltbildung, ohne näher auf das entsprechende Bildungskonzept

einzugehen. Dennoch finden sich sowohl im hessischen als auch in weiteren Bildungsplänen

Inhalte, Arbeitsweisen und Methoden, die nicht nur eine Nähe zu dem Konzept einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung

aufweisen, sondern als deren Bestandteile angesehen werden könnten. Ihr Potenzial im Sinne einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung wird jedoch nicht

ausgeschöpft. Denn wo es keine ausdrückliche Reflexion der Werte und Ziele gibt, - also ohne ein orientierendes Bildungskonzept - sind die guten Ansätze nicht als

Beispiel für eigenes Arbeiten unter einem Perspektivenwechsel, den Bildung für eine nachhaltige Entwicklung mit sich bringt, erkennbar.

Nachhaltigkeitsperspektiven sind selten

Zudem sind Nachhaltigkeitsperspektiven eher selten. Das gilt für Themenfelder wie Ernährung/Gesundheit und Wasser/Energie, die in der Mehrzahl der Bildungspläne

vorkommen, und das gilt auch für das wichtige Prinzip der Partizipation von Kindern. Es hat durch die Vorgabe des Kinder und Jugendhilfegesetzes zum Recht von

Kindern, an allen sie betreffenden Entscheidungen entsprechend ihrem Entwicklungsstand

beteiligt zu werden (§ 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII), inzwischen einen hohen Stellenwert. Partizipation wird in der Regel

jedoch immer noch vorrangig als Einübung in demokratisches Zusammenleben verstanden - Kindertagesstätten als Lernort

für Demokratie. Partizipation im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, die Partizipation auch als Beitrag der Kinder

zur Gestaltung des Zusammenlebens sieht, ist bisher erst in den Bildungsplänen von Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und

Schleswig-Holstein berücksichtigt. Für die Gestaltung der Kindertagesstätte als Erfahrungsort für nachhaltiges Leben und Wirtschaften finden sich erst wenige und vereinzelte Beispiele. Und die

Zusammenarbeit mit "Fachinstitutionen, insbesondere mit der lokalen Agenda 21, mit Umwelt- und Naturschutzverbänden, Verbraucherschutzverbänden, Umweltstationen,

Forstämtern, Abfall- und Energieberatungsstellen", wie im Bayerischen Bildungsplan angeregt, wünscht man sich nicht als Ausnahme, sondern als begründete

Regel. Oft fehlt der ökologische Wirkungszusammenhang Besonders bemerkenswert ist ein Trend, der die Art der Auseinandersetzung mit Natur

betrifft. Zehn der 16 Bundesländer haben einen Bildungsbereich aufgenommen, der

sich auf Naturwissenschaften bezieht; nur fünf Länder nennen "Natur" explizit als Bestandteil eines Bildungsbereichs, zwei fassen Fragen der Natur unter "Umwelt".

Die Analyse macht jedoch deutlich, dass das Anliegen, Natur als Lebensraum und Zusammenhang aller Kreaturen, als ökologischen Wirkungszusammenhang bewusst

zu machen, nur ausführlicher in den Plänen angesprochen wird, die "Natur" oder "Umwelt" im Titel eines gesonderten Bildungsbereichs haben.

Wenn interkulturelle Bildung in zwei Bildungsplänen überhaupt nicht vorkommt, in anderen eher als Wissensbereich oder als Frage unterschiedlicher Bildungschancen

und nicht als Zugang, um kulturelle Vielfalt bewusst wahrzunehmen und als Potenzial für das gemeinsame Zusammenleben

in Einer Welt zu begreifen, ist eine übergreifende Diskussion über frühkindliche Bildung unausweichlich.

Gestaltungsfelder für Bildung für eine nachhaltige Entwicklung gibt es derzeit viele. In den Nachhaltigkeitsinitiativen der Bundesländer oder in Aktivitäten zur UNDekade

Bildung für nachhaltige Entwicklung könnte man sich durchaus treffen und gemeinsame Initiativen auf den Weg bringen.

Die Unesco wird dieses Thema jetzt bundesweit ansprechen. [Ute Stoltenberg]

ZZ Prof. Dr. Ute Stoltenberg, Universität Lüneburg,

Institut für integrative Studien,

Tel. +49 (0)4131 /6771721,

E-Mail: stoltenberg@uni-lueneburg.de

ZZ Stoltenberg, U.: Bildungspläne im Elementarbereich

- ein Beitrag zur Bildung für eine nachhaltige

Entwicklung? Eine Untersuchung im Auftrag

der AG Elementarpädagogik des Deutschen

Nationalkomitees für die UN-Dekade "Bildung

für nachhaltige Entwicklung", gefördert durch

die Max-Traeger-Stiftung. Hamburg/Lüneburg,

Februar 2008, 106 S. Download (PDF, 490 kB):

www.kurzlink.de/elementar-bne-08.pdf

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